Region
Wer rettet die Kultur – oder rette sich, wer kann?
Wer rettet die Kultur – oder rette sich, wer kann? Irgendwie durchwurschteln – das scheint das heimliche Motto der Kultur zu sein. Ein Streifzug durch Mainz und Wiesbaden, der fragt, was uns Kultur eigentlich wert ist.

Die Mainzer Stadtwerke ziehen ihr finanzielles Engagement zurück, von Anfang an so geplant – trotzdem brisant: Die Kunsthalle diente als Leuchtturmprojekt für die Vermarktung des Neubaugebiets am Zollhafen.
Irgendwie durchwurschteln – das scheint das heimliche Motto der Kultur zu sein. Ein Streifzug durch Mainz und Wiesbaden, der fragt, was uns Kultur eigentlich wert ist.
Fast zehn Jahre hat es von der Vereinsgründung bis zur Realisierung des Projekts in der alten Kommissbrotbäckerei gedauert – die Idee selbst gab es schon viel länger. Ende Oktober 2026 darf die Kulturbäckerei in der Mainzer Neustadt endlich ihre Eröffnung feiern. Wenn man einen langen Atem hat, geht’s dann irgendwie doch. Irgendwie – das scheint das ungewollte Motto der Kultur zu sein. Irgendwie machen – durchwurschteln. Auch das kuenstlerhaus43 in Wiesbaden kennt dieses Gefühl – die Suche nach einer neuen Spielstätte zieht sich hin. Inzwischen scheint sich zumindest eine Lösung anzubahnen.
Auf die Frage, was man anderen Kulturprojekten raten würde, kommt von der Initiative für ein Soziokulturelles Zentrum in der Mainzer Neustadt e.V., dem Verein, der hinter der Kulturbäckerei steht: „Durchhalten!“
Kultur ist demokratisch systemrelevant. Oder was?
Die Worte klingen verheißungsvoll: Die Mainzer SPD-Vorsitzenden Jana Schmöller und Ata Delbasteh, seit Anfang 2026 Schul- und Kulturdezernent, sagten anlässlich der Entscheidung, dass die Wohnbau Mainz Räume an die Kulturbäckerei und den Gastronomen Norbert Schön vermietet, aus denen das Kulturhaus hundert11 entsteht: „Kultur ist kein Luxus, den man sich in guten Zeiten leistet. Sondern in der Kultur drückt sich aus, was Menschen zu Menschen macht.”
Schon Bundespräsident Richard von Weizsäcker betonte 1991, dass Kultur Geld koste. „Denn Kultur ist kein Luxus, den wir uns leisten oder nach Belieben streichen können, sondern der geistige Boden, der unsere innere Überlebensfähigkeit sichert.“ Heute, 35 Jahre später, hören wir noch immer dieselben Sätze. Getan hat sich wenig. Das liegt vor allem an den knappen Kassen von Kommunen, Ländern und Bund – überall wird der Rotstift angesetzt. Aber es geht dabei nicht nur ums Geld.
Kultur ist eine freiwillige Leistung
Wieso liegt in Sachen Kulturarbeit so viel im Argen? Kultur ist rechtlich Ländersache. Faktisch liegt die Kulturförderung allerdings in den Händen der Kommunen, sprich sie sind nicht nur direkt mit den Kulturschaffenden in Kontakt, sondern tragen auch die Hauptlast der Kosten. Und Kultur ist dabei eine freiwillige Leistung: Städte müssen sich zwar um das „kulturelle Wohl“ ihrer Bewohner*innen kümmern; wie genau und mit wie viel Geld, liegt aber in ihrem eigenen Ermessen. Kultur ist eine Kann-Leistung, Soziales meist eine Muss-Leistung. Wenn gespart werden muss, konkurriert Kultur damit direkt mit Pflichtaufgaben wie Kinderbetreuung oder Sozialhilfe. Und gespart werden muss – in Mainz wie in Wiesbaden.
In Wiesbaden schrillen die Alarmglocken, doch statt zu handeln, wird vertagt. Der Haushalt 2027 steuert auf eine Finanzlücke von 212 Millionen Euro zu. Statt rasch nach Lösungen zu suchen, dürfte der Haushalt erst im Frühjahr 2027 von der neuen Maracuja-Koalition beschlossen werden, genehmigt vom Land dann wohl erst im Sommer oder Herbst – bis dahin heißt es: Sich irgendwie durchwurschteln. Planungssicherheit für die Kultur? Fehlanzeige.
Mainz steht nicht besser da. Der Stadt droht 2027 ein Defizit von rund 245 Millionen Euro – die Kommunalaufsicht ADD in Rheinland-Pfalz verlangt, dass davon höchstens 145 Millionen übrig bleiben. Macht 100 Millionen Euro, die eingespart werden müssen. Schon jetzt sind die Summen bei den freiwilligen Leistungen vergleichsweise gering. „Dennoch werden wir angesichts der Haushaltslage auch im Kulturbereich nicht vollständig ohne Einschnitte auskommen“, räumt Kulturdezernent Ata Delbasteh ein. Sparmaßnahmen, wie er es nennt, nicht bloß Konsolidierung. Überraschend zuversichtlich äußert er sich zum Neubau des Gutenberg-Museums, einem der „bedeutendsten Kulturprojekte“ der Stadt, dessen Gesamtkosten derzeit bei 105 Millionen Euro liegen: Dabei setzt „die Stadt Mainz auf eine Mischfinanzierung aus Fördermitteln von Bund und Land sowie Investitionskrediten“. Aktuell wird auch eine gemeinsame Trägerschaft mit dem Land Rheinland-Pfalz diskutiert.
Beide Städte sind damit keine Ausnahme, sondern Teil eines bundesweiten Musters. Zudem müssen sie hohe Kosten für die Staatstheater tragen: In Wiesbaden liegt der Anteil am Kulturetat bei knapp der Hälfte, in Mainz gar bei über 90 Prozent. Das eigentliche Dilemma: Neben den Staatstheatern ist das Geld meist schon für die institutionelle Förderung (z.B. für Mieten, Personalkosten) gebunden, sodass für neue Projekte kaum mehr etwas übrig bleibt. Ziel von Kulturschaffenden ist es, möglichst in die institutionelle Förderung zu kommen. Der Kulturbäckerei in Mainz ist das nun trotz angespannter Haushaltslage gelungen – und zumindest die Aussicht auf etwas mehr Planungssicherheit für die nächsten Jahre. „Der Weg hierher war sicherlich nicht immer leicht, aber es macht mich ungemein stolz, dass wir diese Institution in Mainz möglich machen konnten“, sagt Delbasteh. „Kreativität wächst nicht nur in etablierten Formaten. Mit der Kulturbäckerei entsteht ein Ort, von dem ich mir deshalb wichtige Impulse gerade auch für neue Projekte und die freie Szene verspreche.“
Eine Stimme für die Kultur
Nur in einem einzigen Bundesland ist die Kulturpflege eine Pflichtaufgabe: In Sachsen gilt seit über 30 Jahren das Kulturraumgesetz. Ein Modell für andere Bundesländer? Delbasteh ist skeptisch: „Die bloße Erklärung von Kultur zur Pflichtaufgabe wäre noch keine Lösung. Wenn Kommunen zusätzliche Verpflichtungen erhalten, müssen ihnen dafür auch die entsprechenden finanziellen Mittel zur Verfügung stehen.“ Ein Gesetz muss „zusätzliche Verlässlichkeit schaffen und darf nicht lediglich zusätzliche Verpflichtungen erzeugen. Wenn das gelingt, kann es ein wichtiger Schritt sein.“
Städte können sich aber auch selbst binden – mit Beschlüssen von langer Laufzeit oder mit Verträgen, wie es z.B. bei den beiden Staatstheatern der Fall ist. Wiesbaden hat dafür eigentlich gute Voraussetzungen: einen Kulturbeirat, der die Stimme der Kulturschaffenden ist, einen Kulturentwicklungsplan mit Maßnahmen und Leitlinien für eine nachhaltige Entwicklungsstrategie für das Kulturleben, eine externe Jury, die Förderempfehlungen ausspricht.
Vielleicht wird deshalb in Wiesbaden so viel und so laut gestritten, weil die Kultur hier eine vergleichsweise starke Stimme hat. Der Kulturbeirat übt seit Jahren beharrlich Druck auf die Politik aus, Beschlüsse einzuhalten und Empfehlungen umzusetzen – und bekommt dafür regelmäßig kleine, unvollständige Zugeständnisse, nie aber die volle Umsetzung dessen, was er selbst empfiehlt.
Für Außenstehende mag das nach viel heißer Luft und verschwendeten Steuergeldern klingen. Es tauchen Fragen auf, ob es sich die Kulturszene nicht zu bequem gemacht hat – Worte wie „Vollversorgung“ sorgen dann nicht ohne Grund für Empörung. Zuletzt wurde sogar die Sinnhaftigkeit des Kulturbeirats öffentlich infrage gestellt: Der Wiesbadener Kurier berichtete, was das Gremium die Stadt kostet – und kommentierte, Wiesbaden brauche „keinen teuren Kulturbeirat“. Bei den Neuwahlen des Beirats 2026 beteiligten sich lediglich 0,66 Prozent der Wiesbadener Bürger*innen ab 16 Jahren. Man kann sich fragen, ob dieses Geld nicht besser direkt in die Kulturförderung fließen sollte. Der Kern des Problems wäre damit nicht gelöst.
Das ist nicht konstruktiv, das ist destruktiv. Mit solchen Anfragen werden wir uns in Zukunft vermutlich öfter auseinandersetzen müssen. Die Debatten werden zunehmend ideologisch geführt: Kultur muss sich nicht mehr nur für ihre Finanzierung rechtfertigen, sondern auch für ihre Gesinnung. Umso wichtiger ist ein starkes Netzwerk der Kulturschaffenden einer Stadt oder Region.
Jürgen Waldmann, Geschäftsführer der Kulturbäckerei, würde sich in Mainz etwas Ähnliches wünschen wie den Kulturbeirat: „Es gab hier in Mainz mal ein schönes Projekt vor der Kommunalwahl, auch die Politiker mit ins Gespräch zu bringen. Aber was fehlt, ist eine wirkliche Struktur“, bedauert er. Zugleich betont er: „Vernetzung ist ein großes Thema für uns.” In Wiesbaden sei das „ganz gut gelöst. Sowas auch in Mainz einzufordern und gleichberechtigt an einem Tisch zu sitzen“, ist sein Wunsch. Was die Kulturbäckerei „stark vorangebracht hat, war, dass die frühere Kulturdezernentin Frau Grosse für unser Projekt eingetreten ist.” Genau das ist die Funktion, die der Kulturbeirat in Wiesbaden als Sprachrohr in die Politik übernimmt. Er versteht sich als Forum, das Kulturschaffende, Politik und Verwaltung zusammenbringt, um über wichtige Kulturthemen zu diskutieren. „Wir können nichts entscheiden, aber wir können dafür sorgen, dass nichts vergessen wird“, bringt es Dr. Helmut Müller, Vorsitzender des Kulturbeirats, auf den Punkt.
Mehr Sichtbarkeit, mehr Vernetzung – das wünschen sich Kunst- und Kulturschaffende immer wieder (siehe hierzu auch unseren Artikel „Kunst oder K.R.A.M.“ in feuilleton #10).
Ungleich verteilte Anerkennung
Apropos Wertschätzung: Kulturschaffende, die spartenübergreifend arbeiten, haben oft den Eindruck, dass es in der Darstellenden Kunst leichter sei, Fördergelder zu bekommen als in der Bildenden Kunst. Manche wagen sogar den Sprung über den Rhein, weil die Chancen auf Förderungen in Wiesbaden besser stehen als in Mainz. Aus der Bildenden Kunst wird zudem der Wunsch nach einer stärkeren Verknüpfung von regionalen mit internationalen Künstler*innen laut, nach mehr gemeinsamen Projekten. Genau das hat sich der Bellevue-Saal in Wiesbaden zur Aufgabe gemacht: die Reihe „1:1“ bringt regionale und internationale Künstler*innen zusammen. In welcher Form das noch möglich ist, wird derzeit von einem großen Fragezeichen geprägt. Nach 40 Jahren an der Rue droht ein Standortwechsel, der Mietvertrag läuft Ende 2027 aus. Die Stadt hatte mehrere Etagen des ehemaligen Hotels angemietet inklusive des Bellevue-Saals – das Amt ist bereits ausgezogen. Der Vermieter sucht einen neuen Mieter für die gesamte Fläche. Ob der Saal im Erdgeschoss künftig auch einzeln angemietet werden kann, ist noch offen.
Ähnlich ungewiss ist die Zukunft der Kunsthalle Mainz, die der Stadt viel internationales Renommee eingebracht hat. Die Mainzer Stadtwerke ziehen ihr finanzielles Engagement zurück, von Anfang an so geplant – trotzdem brisant: Die Kunsthalle diente als Leuchtturmprojekt für die Vermarktung des Neubaugebiets am Zollhafen. Vermarktung abgeschlossen, Finanzierung eingestellt. Bis Mitte 2027 sichert eine Interimslösung den Betrieb. Herausragend ist nicht nur der schiefe grüne Turm, der seit 18 Jahren das Bild des Zollhafens prägt, sondern auch das kuratierte Programm zeitgenössischer Kunst. Eine Initiative hat eine Petition zum Erhalt gestartet, zahlreiche Stimmen haben sich solidarisch gezeigt. Die bittere Wahrheit: Geschätzt von Kulturschaffenden, eher mäßiges Besucherinteresse.
Und was ist mit uns?
Eine weitere Krux: Die Bereitschaft der Bevölkerung, für Kunst und Kultur Geld auszugeben. Im Schnitt gibt jeder private Haushalt heute etwas weniger für Freizeit, Kultur und Sport aus als noch 2019. Vielleicht liegt das Finanzierungsproblem also auch bei uns selbst, nicht nur bei Kulturmacher*innen, Politik und Verwaltung. Was ist uns die Kultur wert?
Menschen wägen verstärkt ab, welches kulturelle Event sie sich leisten, und entscheiden sich eher für Großveranstaltungen mit bekannten Namen, bei denen sie wissen, was sie erwartet. Für Entdeckungen bleibt dann kein Geld mehr. In unsicheren Zeiten will man auch in der Kultur auf Nummer sicher gehen – und geht im Zweifel lieber gar nicht. Und wundert sich dann, dass alles gleichförmig und massentauglich wird, genau wie einst in den Innenstädten. Kultur ist gleich Unterhaltung – und wir amüsieren uns zu Tode.
Vielfalt und Teilhabe beinhalten aber auch, das breite Angebot zu nutzen, sich überraschen und begeistern zu lassen. Und sie bedeuten, dass es überhaupt etwas zu entdecken gibt. Rette sich, wer kann? Vielleicht schaffen wir es ja doch gemeinsam.
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