Kunst
Was man Kunst nennt
Kunst wirkt dort am stärksten, wo sie nicht belehrt, sondern Wahrnehmung öffnet. Der Essay des Wiesbadener Künstlers und Autors Edgar Diehl unterscheidet zwischen Visueller Intervention – Bildern, die Botschaften durchsetzen wollen – und Visueller Intercession, die dem Betrachter Raum für eigene Erkenntnisse lässt.

Mehrdeutigkeit sehen lernen Der Rezipient begegnet bei Bildern Visueller Intercession einem von belehrenden Absichten freien Werk auf Augenhöhe und wird sich im Prozess der Wahrnehmung seiner selbst bewusst.
Kunst wirkt dort am stärksten, wo sie nicht belehrt, sondern Wahrnehmung öffnet. Der Essay des Wiesbadener Künstlers und Autors Edgar Diehl unterscheidet zwischen Visueller Intervention – Bildern, die Botschaften durchsetzen wollen – und Visueller Intercession, die dem Betrachter Raum für eigene Erkenntnisse lässt.
Als Künstler oder Kunstfreund stellt sich die Frage, was den Begriff der Kunst ausmacht. Was ist Kunst – und was nicht? Erstaunlicherweise haben viele Kunstwissenschaftler eine Scheu, sich hier festzulegen. Mit der Inflation von Kunstwerken in unserer Epoche gibt es auch eine Inflation des Kunstbegriffs. Meist wird er gebraucht, ohne über ihn nachzudenken, und gern eingesetzt, um Gestaltungsprodukte zu nobilitieren. In der Medientheorie, die hier zur Klärung hilfreich ist, unterscheidet man Visuelle Intervention und Visuelle Intercession.
Intervention und Intercession – zwei Formen der Bildwirkung
Die Visuelle Intervention geschieht mit dem Ziel, die Wahl- und Entscheidungsmöglichkeiten des Adressaten einzuschränken. Dahinter steht häufig eine kommerzielle oder politische Absicht. Ein Großteil von Werbung und politischer Propaganda betreibt Visuelle Intervention.
Der Gegenbegriff ist die Visuelle Intercession. Beispiele dafür sind viele der Selbstporträts Bildender Künstler aus der Kunstgeschichte der letzten 500 Jahre. Besonders deutlich wird dies bei den späten Selbstbildnissen Rembrandts. Darin zeigt er sich in einer Mischung aus Reife, Skepsis, Gelassenheit, Hoffnung und Enttäuschung – wie ein Mensch, der ein erfahrungsreiches Leben hinter sich hat. Rembrandt hatte keinen Grund, etwas zu beschönigen. Eher betreiben diese Bilder Selbstvergewisserung.
Beispiele größtmöglicher Visueller Intervention dagegen sind viele Herrscherporträts. Sehr deutlich bei den Porträts Ludwigs XIV., die maximal inszeniert sind. Die Freiheit des Sehens sowie die künstlerische Wahrheit finden hier keinen Raum.
Partizipation des Betrachters
Aber auch wenn eine künstlerische Gestaltung frei und ohne Auftrag entsteht, kann selbst in einer abstrakten Arbeitsweise ein Thema so vereinfacht und zugespitzt sein, dass es interveniert. Sprich: dem Betrachter keinen Raum gibt, sich dem Werk schrittweise zu nähern, Bedeutungsebenen zu lesen und sich – wie bei einer intercedierenden Arbeit – selbst zu erfahren. Intercedierende Kunst ist partizipativ. Wenn man so will: demokratisch. Die Betrachter sind aktiv beteiligt. Bei diesen beiden gegensätzlichen Begriffen spielt die Frage der künstlerischen Wahrheit eine Rolle. Ein Beispiel neuerer Zeit aus dem Bereich der Geometrischen Kunst ist das Früh- und Spätwerk Victor Vasarelys. Das wenig bekannte Frühwerk wird durch den Erfolg seines kommerziellen Spätwerks überdeckt.
Cézanne und die offene Wahrnehmung
Der Großmeister der intercedierenden Malerei ist Paul Cézanne. Als seine Bilder einer größeren Öffentlichkeit zugänglich wurden, begann er, auf seine Kollegen Einfluss zu nehmen. Er gestaltete den Bildraum aus einer begrenzten Auswahl von Farbtönen, die man in jedem Bildelement wie Vegetation, Landschaft, Gebäude und Figuren wiederfindet.
Dadurch, dass die Flächen der Körper aus kurzen Pinselzügen aufgebaut sind, wird der Arbeitsprozess transparent und es entsteht ein Kontinuum, das die Trennung der Dinge gemäß der materialistischen Weltauffassung überwindet. Dieser „Subtext“ nimmt eine Erkenntnis moderner Wissenschaft vorweg: dass alles aus Atomen und deren Zusammensetzung zu Molekülen besteht.
Einige Wissenschaftler halten die Impressionisten ohne Cézanne für undenkbar. Sie verfeinerten die Methode Cézannes, indem sie die Bildelemente in Farbpunkte auflösten. Dabei tritt das Phänomen der optischen Farbmischung zutage, ähnlich dem von farbigem Licht. Dies zeigt sich besonders bei Paul Signac und Georges Seurat. Solche Werke begegnen dem Betrachter auf eine neue Weise. Er wird beim Sehen in den Arbeitsprozess des Malers einbezogen und er hat das Vergnügen, sich das Werk sehend zu erarbeiten. Die Rezeptionszeit ist länger und der Vorgang ist individueller.
Unterwerfung oder Bewusstwerdung
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Je stärker eine Gestaltung visuell interveniert, also nur eine Lesart eines Bildes ermöglicht, und damit die Freiheit des Betrachters einschränkt, umso geringer ist meiner Meinung nach der Faktor Kunst. Es stellt sich bei jeder Bildbetrachtung die Frage, mit welcher Zielvorstellung in Bezug auf die Freiheit des Betrachters der Autor auf das Bewusstsein des Rezipienten einwirkt. Bei der Intervention geht es um Unterwerfung. Bei der Intercession um Bewusstwerdung.
Intercession gibt dem Betrachter die Möglichkeit, die Wahrnehmung des Kunstwerkes mitzugestalten und sich verschiedene Lesarten zu erschließen. Dazu muss der Autor frei davon gewesen sein, dem Betrachter eine Botschaft aufdrängen zu wollen oder mit Geschick und Aufwand im medial-kulturellen Geschrei um Aufmerksamkeit zu dominieren.
Mehrdeutigkeit sehen lernen
Der Rezipient begegnet bei Bildern Visueller Intercession einem von belehrenden Absichten freien Werk auf Augenhöhe und wird sich im Prozess der Wahrnehmung seiner selbst bewusst. Viele Werke der abstrakten oder reduktiven Kunst erfüllen dieses Kriterium. Dieser Zuwachs an Bewusstsein – wenn er häufiger stattfindet – wirkt sich auf die Struktur des Denkens aus. Die Betrachter werden bewusster, das Sehen differenzierter und der Kunstbegriff anspruchsvoller.
Bei längerer Betrachtung eines Sachverhalts offenbart sich ein Bündel von Faktoren, die ihn bedingen. Beim kurzen Blick darauf und auch bei einer verbal-diskursiven Darstellung kommt jeweils nur einer der Faktoren zur Erscheinung. Bei der visuellen Wahrnehmung erscheinen verschiedene Lesarten zugleich. Sie voneinander zu unterscheiden und verbal zu benennen, ist eine Arbeit, die eine Bewusstwerdung der Ambiguität von Kunst und Leben bewirkt. Das ist die Aufgabe der Kunstgeschichte. Deshalb ist ein Sehen, das an intercedierender Kunst geschult ist, ein Training in der differenzierenden Wahrnehmung der Welt.
Kunst und politischer Anspruch
Hier setze ich das Gegenargument zu der im aktuellen Diskurs hörbaren Forderung an, Kunst müsse im Dienste eines politischen Inhalts stehen, um relevant zu sein. Im Feld der Öffentlichkeitsarbeit wird von den Parteien eine intervenierende Darstellung und eine Formulierung des vorgegebenen politischen Inhalts verlangt. Die freie Kunst aufzufordern, sich diesem Modus zu unterwerfen, ist jedoch ein Übergriff, der immer wieder von autoritären Systemen vorangetrieben wurde – und leider auch von demokratisch gesinnten Institutionen unserer Zeit.
Ein gelungenes Werk der Bildenden Kunst ist, ohne ein politisches Thema aufzugreifen, politisch relevant, weil es die Fähigkeit schult, autonom und differenziert wahrzunehmen. Das sollten Parteien, die sich einen mündigen Bürger wünschen, unterstützen. Man kann diesen Sachverhalt leider nur verstehen, wenn man sich mit den Eigenschaften und der Wirkung von Bildern vertraut macht, statt sie nur für Programme nutzen zu wollen.
Werbung und der Streit um den Kunstbegriff
Ende der 1960er Jahre veränderte Charles Wilp mit seiner Afri-Cola-Kampagne die Bildsprache der Werbung. Statt das Produkt selbst zu zeigen, inszenierte er in seinem Atelier eine Szene, die als „Afri-Cola-Rausch“ bekannt wurde: Junge Menschen bewegten sich hinter einer vereisten Glasscheibe in einer bewusst überdrehten Atmosphäre. Danach entstand eine Diskussion, auf die Presse und Werbewelt gewartet hatten. Angesichts dieser frechen, neuen Form von Reklame kam die Frage auf: „IST DENN WERBUNG NICHT AUCH KUNST?“
Einige freie Künstler machen zum Broterwerb auch Werbung. Warum nicht? Damit wurde eine interessante Debatte zum Kunstbegriff befördert. Als junge Menschen wussten wir damals natürlich, wer die Progressiven und wer die Zurückgebliebenen waren. Mit dem Attribut Kunst wurde hier versucht, eine intervenierende Gestaltung in den Adelsstand der Kunst zu heben, ohne das dargelegte Kriterium zu erfüllen. Laut Wilp steigerte die Afri-Cola-Rausch-Kampagne den Umsatz des Getränks in der BRD um 34 Prozent.
Die stille Wirkung der Kunst
In der Folge entwickelten sich Formen der Werbung durch Bilder, die – zur Freude der Hersteller – auf das Unterbewusstsein wirken. Es wurden während Spielfilmen in Kinos z. B. für eine Zehntelsekunde das Bild einer Schokolade eingespielt. Bewusst wurde dies von den Besuchern nicht wahrgenommen, aber in der Pause wurde das Produkt vermehrt gekauft. Diese unterbewusst wirksamen, visuellen Interventionen wurden glücklicherweise gesetzlich verboten.
Es lohnt sich besonders für Künstlerinnen und Künstler, sich mit den Wirkungen von Bildern auf das Bewusstsein der Betrachter zu befassen.
Gute Kunst spricht eher leise – und ihre Wirkung hat eine lange Dauer.
Weiterführende Literatur:
Kurd Alsleben: Drei Probleme der Informationsästhetik. München 1965.
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Autor:in
Edgar Diehl
