Region

Design für eine bessere Welt

Wie kann Design eine Stadt neu erfinden und die Lebensqualität ihrer Bewohner*innen nachhaltig verbessern? Das erprobt in diesem Jahr die Metropolregion Frankfurt RheinMain. Sie ist nach Städten wie Helsinki, Taipeh oder Kapstadt zur Welt-Design-Hauptstadt ernannt worden, ein Titel, den die World Design Organization mit Sitz in Montreal alle zwei Jahre vergibt. Mit dem Thema „Design for Democracy: Atmospheres for a Better Life” erhielt die Region den Zuschlag. Design wird dabei nicht nur als Gestaltung von Dingen verstanden, sondern auch als Werkzeug gesellschaftlicher Erneuerung. Den Krisen der Welt und der Gefährdung unserer Demokratie will die World Design Capital Frankfurt RheinMain 2026 ein positives Narrativ entgegensetzen. Gudrun Rothaug über die WDC 2026 und die Projekte in Wiesbaden.

Gudrun Rothaug 27. März 2026 8 Min. LesezeitAusgabe 11
Design für eine bessere Welt
Rund 80 politische Plakate aus der Weimarer Republik bebildern, wie in der damaligen Polarisierung zwischen antidemokratischen Kräften einfache Botschaften an Litfaßsäulen die öffentliche Meinung beeinflussten.

Wie kann Design eine Stadt neu erfinden und die Lebensqualität ihrer Bewohner*innen nachhaltig verbessern? Das erprobt in diesem Jahr die Metropolregion Frankfurt RheinMain. Sie ist nach Städten wie Helsinki, Taipeh oder Kapstadt zur Welt-Design-Hauptstadt ernannt worden, ein Titel, den die World Design Organization mit Sitz in Montreal alle zwei Jahre vergibt. Mit dem Thema „Design for Democracy: Atmospheres for a Better Life” erhielt die Region den Zuschlag. Design wird dabei nicht nur als Gestaltung von Dingen verstanden, sondern auch als Werkzeug gesellschaftlicher Erneuerung. Den Krisen der Welt und der Gefährdung unserer Demokratie will die World Design Capital Frankfurt RheinMain 2026 ein positives Narrativ entgegensetzen.

Die kreative Region Rhein-Main

Gestaltung, die soziale und demokratische Prozesse verbessert, hat im Rhein-Main-Gebiet eine lange Tradition. Auch das war für die World Design Organisation bei ihrer Entscheidung für die Region ausschlaggebend. Hier entwickelte der Wiesbadener Dieter Rams sein Produktdesign für Braun, die Darmstädter Mathildenhöhe setzte Maßstäbe in der Reformbewegung, vor 100 Jahren begann in Frankfurt die moderne Stadtplanung des Neuen Frankfurts. In der Frankfurter Paulskirchenbewegung liegen die Wurzeln unserer Demokratie und nicht zuletzt demokratisierte der Mainzer Johannes Gutenberg mit der Erfindung des Buchdrucks den Zugang zur Bildung. Die Stadt Mainz wollte ursprünglich mit dabei sein, sprang dann aber ab, da die WDC vor allem vom Land Hessen, dem Kulturfonds Frankfurt RheinMain und auch den beteiligten Städten finanziert wird. Mit Sponsoringgeldern sind insgesamt 21 Millionen für die Aktivitäten veranschlagt. Unter dem Jahresmotto „Gestalten wir gemeinsam Frankfurt RheinMain“ beteiligen sich viele Institutionen, Initiativen und Einzelpersonen – und so stehen über 2.000 Veranstaltungen in der ganzen Region auf dem Programm; in Wiesbaden sind es etwa 30 Projekte und viele Veranstaltungen, in denen an Ideen für die Zukunft gearbeitet wird. Sogar das Hochbauamt macht mit und initiiert für die Menschen in Wiesbaden-Klarenthal einen Treffpunkt namens „Babbel-Turm“. Studierende im Fachbereich Kommunikationsdesign der Hochschule RheinMain fotografieren demokratisches Miteinander auf der Straße, vor dem Heimathafen am Alten Gericht gibt es einen Demokratie-Kiosk und zur „Open – Design Week“ öffnen Kreative in Wiesbaden am 12. Juni ihre Ateliers und Werkstätten.

Experimentierraum im ehemaligen Kaufhaus

Zentrum der Welt-Designhauptstadt in Wiesbaden ist der ehemalige SportScheck in der Langgasse. Das Erdgeschoss des einstigen Kaufhauses verwandelt sich in den

„WerkRaum Wiesbaden“, einen Möglichkeitsraum für Ideen, Beteiligung und Zusammenarbeit. Hier kann jede*r mitgestalten und etwas bewirken, ob es um den Umgang mit Ressourcen geht, um Sport, Klima, Gesundheit oder gesellschaftlichen Zusammenhalt.

Eröffnet wird der WDC-Leuchtturm am 2. Mai, bis Ende Oktober dient der niedrigschwellige Ort in der Fußgängerzone Projekten und Einzelpersonen als Raum für Vorträge, Gespräche, Filmvorführungen, Workshops und Ausstellungen. Der SV Wehen Wiesbaden wird eine partizipative Ausstellung zum 100-jährigen Bestehen des Fußballvereins präsentieren. In einem „gläsernen Museum“ zeigen Expertinnen und Experten des Stadtmuseums, wie man Objekte abgießt und restauriert. Sabine Philipp, die Direktorin des sam, hat diesen Leuchtturm gemeinsam mit der Architektin Sandra Düsterhus initiiert. Studierende des Fachbereichs Kommunikationsdesign der Hochschule RheinMain möbeln unter der Leitung der Architektin die ausgediente Kaufhauseinrichtung auf. Sowohl die Hochschule RheinMain als auch die Hochschule Mainz werden für alle offene Seminare in einem „gläsernen Klassenraum“ veranstalten.

Eine Weinbar bietet kleine Speisen und Getränke an. Es gibt eine Pop-up-Ausstellung mit dem Titel „Democratize Consumption! – Vom Warenhaus zur Shopping-App“. Für diese Ausstellung gibt es kaum einen passenderen Ort, da heute viele Kaufhäuser durch unser verändertes Konsumverhalten leer stehen. „Democratize Consumption“ beleuchtet die Verbindung von Konsum und Demokratie und wirft Fragen auf: Was bedeuteten die Konsumtempel in ihrer Anfangszeit für die gesellschaftliche Teilhabe? Welche Folgen hat das Online-Shopping, wie viel Einfluss können wir durch unser Konsumverhalten nehmen und wie könnte sich der Konsum in der Zukunft entwickeln?

Wie Plakate gegen die Demokratie arbeiteten, Feindbilder schufen und Stimmungen anheizten, zeigt das Museum Wiesbaden noch bis Anfang August in der Ausstellung „Unter Druck“. Rund 80 politische Plakate aus der Weimarer Republik bebildern, wie in der damaligen Polarisierung zwischen antidemokratischen Kräften einfache Botschaften an Litfaßsäulen die öffentliche Meinung beeinflussten. Ein Blick auf die Zeit von 1919 bis 1933 aus unserer Gegenwart, in der die sozialen Medien mehr und mehr zum Austragungsort politischer Einflussnahme werden. Der Hessische Landtag zeigt Wahlplakate aus der Zeit von 1945 bis 1991, zu sehen bis zur „Kurzen Nacht der Galerien und Museen“ am 11. April.

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Im Juli lässt das Museum Wiesbaden Fahnen auf der Wilhelmstraße flattern, typografisch gestaltet von 20 international renommierten Designerinnen. Der Fahnenparcours „Women & Type“ will darauf aufmerksam machen, dass nur wenige Frauen im Bereich Schrift arbeiten, in dem Medium, das Wissen vermittelt und großen Einfluss auf die demokratische Willensbildung hat. Das Oktogon des Museums wird zur „Hall of Femmes“ mit Hintergrundinformationen zu den Designerinnen und Typografinnen. Auch die Stadt Mainz beteiligt sich an diesem Projekt und zeigt mit „Women* & Type“ im LUX-Pavillon der Hochschule Mainz 20 Flaggen von Studierenden des Kommunikationsdesigns, die Typografie als Instrument fokussieren, das gesellschaftliche Machtverhältnisse abbildet und mitgestaltet.

„Stand for Democracy“ im Kunsthaus Wiesbaden

Um die Verteidigung demokratischer Grundrechte geht es in der Ausstellung „Memory in Action: Marcelo Brodsky“. Der lateinamerikanische Künstler und Menschenrechtsaktivist dokumentiert weltweit Protestbewegungen, Repression und Widerstand und verleiht jenen eine Stimme, die sonst kaum Gehör finden, zum Beispiel mit seiner Serie „Stand for Democracy: Myanmar“, die den Widerstand gegen den Militärputsch von 2021 thematisiert. Die Ausstellung im Kunsthaus Wiesbaden ist bis Ende Juni zu sehen. Sie ist Teil eines Projekts des Jüdischen Museums Frankfurt unter dem Titel „MISHPOCHA: Die Kunst der Zusammenarbeit“. „Mishpocha“ ist abgeleitet vom jiddischen „Mischpoke“ für Familie. Hier wird der Begriff des familiären Zusammenhalts neu gedacht und auf Communities erweitert – ein Plädoyer für die Kraft des kreativen Miteinanders.

Gutes Design für alle: Christian Dell im sam

Der Aufbruch in die Demokratie nach dem Ersten Weltkrieg prägt auch heute unser Verständnis von moderner Gestaltung. Ästhetisch ansprechendes und funktionales Design sollte für alle erschwinglich sein und dem modernen Menschen gerecht werden. Anteil an der frühen Umsetzung dieses Programms hatte der erfindungsreiche Silberschmied und Industriedesigner Christian Dell, dem das Stadtmuseum Wiesbaden ab dem 17. Juni eine Ausstellung widmet. Ihm gelang es als Werkmeister der Metallwerkstatt am Bauhaus in Weimar, Handwerk und Industriedesign miteinander zu verbinden. Seine damaligen Schüler Wilhelm Wagenfeld und Marianne Brandt wurden berühmt, während seine eigene Bedeutung für die Designgeschichte erst spät erkannt wurde. Dell entwarf ab 1926 als Leiter der Metallklasse an der Kunstgewerbeschule in Frankfurt elegante Leuchten von funktionaler Klarheit, die heute beliebte Klassiker sind. Was ihn besonders auszeichnet, ist sein kreativer Umgang mit verschiedenen Materialien und die Entwicklung neuer industrieller Herstellungsmethoden. Fast visionär wirken heute seine Kunstharzprodukte aus den 1930er Jahren, darunter das erste „Stapelservice“ und die „Resopal-Wunderkanne“, in deren Innerem sich ein Service über- und ineinander stapeln ließ.

Die Ausstellung im Stadtmuseum zeigt Christian Dell in allen Facetten, als Silberschmied, Leuchtendesigner und Pionier der Kunststoffverarbeitung; sie beschreibt den Weg vom Handwerk zum Industriedesign und gibt Einblicke in das Leben von Christian Dell, der ab 1948 in Wiesbaden in der Goldgasse 10 das Juweliergeschäft „Gerätekunst und Schmuck“ betrieb.

Fokus auf: Walhalla, Superblock und KULTurCAMPus

Bestehende Projekte und Visionen, die Demokratie mit Mitteln der Kultur stärken, sollen durch die Welt-Designhauptstadt neuen Schub erhalten. Das seit 2017 leerstehende Walhalla soll 2030 als neuer Kulturort Wiesbadens eröffnen und auch zu einem „Dritten Ort“ werden, an dem sich alle Bürgerinnen und Bürger aufhalten und treffen können, ohne etwas konsumieren zu müssen. In diesem Sommer wird ein Seitenschiff aus dem Jahr 1928 abgerissen und die historische Fensterfassade von 1897 wiederhergestellt. Wie sich die Stadt durch das neue Walhalla verändern wird, macht am 15. September das Schloss Freudenberg mit einer Performance erlebbar. Ab 15 Uhr werden stündlich Informationsveranstaltungen an der Baustelle zu den aktuellen Sanierungsarbeiten stattfinden. Am Abend eröffnet Oberbürgermeister Gert-Uwe Mende in der Mauritius Mediathek eine kleine Ausstellung, die auch das künftige Raumkonzept im Walhalla zeigt.

Der „erste Superblock Hessens“ im Wiesbadener Rheingauviertel wird im Rahmen der WDC weiter erprobt. Pionier für einen Superblock war 2017 die Stadt Barcelona. Mehrere Häuserblocks wurden zusammengefasst und der Durchgangsverkehr verhindert; grüne Inseln und Stadtmöbel geben den Bewohner*innen neuen Begegnungs-Raum. Im Rheingauviertel finden von April bis August verschiedene temporäre Veranstaltungen zur Weiterentwicklung des Superblocks statt. Ein Frühjahrsputz mit kleinem Frühstück vor der Apotheke und Pop-up-Sportaktionen sind geplant, ein ganzer Superblocktag mit viel Kultur und dem traditionellen „Frühstück uff der Gass“ und vieles mehr. Bewohner*innen, Vereine, Geschäfte und Kulturinitiativen können hier Demokratie im Alltag erfahren, wenn sie gemeinsam verhandeln, welche Möglichkeiten ein verkehrsberuhigter Raum bieten kann. Es geht auch um Fragen, wie Probleme für Anlieferung und Notversorgung gelöst und eine Gentrifizierung im ohnehin lebenswerten Rheingauviertel verhindert werden können.

Eine kühne Vision für Wiesbaden kam in die Welt, als Ende vergangenen Jahres ein von der REWE Group finanzierter Entwurf des KULTurCAMPus in Wiesbaden vorgestellt wurde. Gegenüber dem Schlachthof könnte ein neues kulturelles Zentrum geschaffen werden, das der Krea(tivfabrik) eine neue Perspektive bietet. Zudem sollen Probe- und Veranstaltungsräume, eine neue Skatehalle, ein Hip-Hop-Museum und ein Rock’n’Roll-Hotel sowie Künstlerateliers entstehen. Diese Chance für die Wiesbadener Stadtentwicklung mit 18.000 Quadratmetern Fläche will der Schlachthof im Rahmen der WDC mit Workshops, Podiumsdiskussionen und anderen partizipativen Veranstaltungsformaten diskutieren.

Unter wdc2026.org sind die Veranstaltungen der WDC veröffentlicht und werden laufend ergänzt. Am 9. und 30. Mai ist zum Beispiel das interaktive Stück „Hooked on a Book“ von Rimini Protokoll im Literaturhaus Wiesbaden zu sehen; im Juni gibt es Repairworkshops. In der gesamten Region von Rüsselsheim bis Hanau, von Kronberg bis Darmstadt finden unzählige Veranstaltungen statt. Sehenswert ist auch die riesige Netzskulptur „A Sky Full of Hope“ der amerikanischen Künstlerin Janet Echelman. Ab Juli wird sie über der Frankfurter Konstablerwache schweben und könnte den steinernen Platz in der Innenstadt Frankfurts in einen lebenswerteren Ort verwandeln.

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Autor:in

Gudrun Rothaug

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Ausgabe 11 — Herbst/Winter 2026/2027

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