Kultur

Martin Schmidt – der intuitive Virtuose

Geboren und aufgewachsen im pfälzischen „Musikantenland“, ist der Gitarrist Martin Schmidt seit mittlerweile 26 Jahren von Wiesbaden aus unterwegs in aller Welt als Handlungsreisender in Sachen Rock’n’Roll – und ganz nebenbei auch in den Welten von Jazz und Journalismus. Dabei ist seine Musik nicht nur „handgemacht“, sondern in all ihren Erscheinungsformen bis ins letzte Detail selbst gemacht – ob im Trio mit The Razorblades, im Duo in „Mr. Smith’s Guitar Club“ oder solo alias „The Incredible Mr. Smith“.

Alexander Pfeiffer 27. März 2026 7 Min. LesezeitAusgabe 10
Martin Schmidt – der intuitive Virtuose
Soweit ist es bei Martin Schmidt noch nicht, seine Duo-Abende mit wechselnden Gitarren-Kumpanen und -Kumpaninnen kann man noch immer ganz entspannt in der gediegenen Keller-Club-Atmosphäre der Krea genießen.

Geboren und aufgewachsen im pfälzischen „Musikantenland“, ist der Gitarrist Martin Schmidt seit mittlerweile 26 Jahren von Wiesbaden aus unterwegs in aller Welt als Handlungsreisender in Sachen Rock’n’Roll – und ganz nebenbei auch in den Welten von Jazz und Journalismus. Dabei ist seine Musik nicht nur „handgemacht“, sondern in all ihren Erscheinungsformen bis ins letzte Detail selbst gemacht – ob im Trio mit The Razorblades, im Duo in „Mr. Smith’s Guitar Club“ oder solo alias „The Incredible Mr. Smith“.

Rock’n’Roll als Lebensform

„Ich mache keine Musik, weil ich denke, ich kann die gut verkaufen“, sagt Martin Schmidt. „Ich mache Musik, weil ich das möchte. Und dann möchte ich sie vielleicht auch verkaufen. Und natürlich freue ich mich, wenn viele Leute kommen und ich Geld damit verdiene. Aber ich würde die wahrscheinlich auch machen, wenn sie keiner mehr hört.“

Der Gitarrist klingt jederzeit geerdet, wenn er über sich und seine Musik spricht. Dabei gibt es nicht so viele seinesgleichen, die von sich behaupten können, etwa 700 bis 800 Gigs in ganz Europa und den USA gespielt, sieben Alben, eine Single und eine EP veröffentlicht zu haben. Genau das ist die verifizierte Bilanz von Martin Schmidts Surf-Punk-Trio The Razorblades, das im nächsten Jahr sein 25-jähriges Jubiläum feiern kann.

Zwischen Glamour und Handwerk

„Das nächste Album, an dem ich schon arbeite, wird unsere zehnte Veröffentlichung“, erzählt der Mann, der genau so aussieht, wie man sich einen weitgereisten, distinguierten Profi seines Fachs vorstellt. „Schöne runde Zahlen also im nächsten Jahr: 25 Jahre Razorblades, zehnte Veröffentlichung!“

Um die zwanzig Bandmitglieder hat der Bandleader alias Rob Razorblade seit den Anfangstagen im Jahre 2002 verschlissen – wie einst bei den Ramones allesamt nicht nur stilecht Ton in Ton gekleidet, sondern auch alle mit demselben Nachnamen versehen. Bassist Michael „Mix“ Silbermann alias Randy Razorblade ist seit 2015 fest dabei, der aktuelle Schlagzeuger Robert Fischer alias Ronny Razorblade seit anderthalb Jahren. Rob alias Martin alias Mr. Smith vergleicht seine Combo auch gerne mit einem Handwerkerbetrieb: „Das ist jetzt nicht so glamourös. Man hat auch seine Momente, wo man sich kurzzeitig ziemlich cool vorkommt, aber das hält meistens nicht so lange an.“

Mehr als drei Akkorde: Ein Hauch von Jazz und Westernklängen

Dass er irgendwann auch mal Jazz-Gitarre studiert und ein Diplom als „Staatlich anerkannter Berufsmusiker und Instrumentalpädagoge für Jazz und Popularmusik“ erworben hat, mutet beinahe schon wie eine Kuriosität an für einen schwerst tätowierten Rock’n’Roller. Doch genau diese Vielseitigkeit ist es, die Martin Schmidt heraushebt aus dem Meer von zornigen jungen und nicht mehr ganz so jungen Männern, die weltweit die Clubbühnen mit nichts als „drei Akkorden und der Wahrheit“ im Gepäck entern.

Immer wieder zieht es ihn von seiner Hauptband zu anderen Stilen und Sounds. Zeugnis davon legt zum Beispiel das Trio „Mr. Smith & the Jazz Police“ ab, das sich 2019 mit dem Album „Jazz with a Twist“ in Tonträgerform verewigte. Deutlich weniger Verzerrung und umso luftigere Kompositionen als bei den Razorblades gibt es darauf zu hören. Sogar ein paar Jazz-Standards, die mit einem Hauch von Western-Feeling aufgeladen wurden.

Immerhin vier Alben gehen mittlerweile auf Martin Schmidt als Solokünstler, die letzten beiden davon unter dem Namen „The Incredible Mr. Smith“. Auf dem letzten, „Elvis, Robert & Lou“, vergreift er sich an den Kompositionen von Legenden wie Elvis Presley, Robert Smith (The Cure) und Lou Reed – und stellt diesen mit „Streets of New York“ einen Song aus eigener Feder zur Seite, der sein avanciertes Niveau als Musikschöpfer eindrucksvoll unter Beweis stellt.

Zwei Gitarren im Krea-Keller

Seit 2025 kanalisiert sich diese Seite von Martin Schmidts Schaffen in der Veranstaltungsreihe „Mr. Smith’s Guitar Club“: Einmal im Monat erklingen hier jeweils zwei Gitarren auf der Bühne der Wiesbadener Kreativfabrik. Pate standen die Hermanos Gutiérrez, das schweizerische Gitarrenduo mit ecuadorianischen Wurzeln, welches mit seinem cineastischen Sound zwischen Lateinamerika und Italo-Western unlängst sogar in den USA in der Late Night Show von Jimmy Kimmel auftreten durfte. Soweit ist es bei Martin Schmidt noch nicht, seine Duo-Abende mit wechselnden Gitarren-Kumpanen und -Kumpaninnen kann man noch immer ganz entspannt in der gediegenen Keller-Club-Atmosphäre der Krea genießen. Musikalisch sind sie aber sicher nicht weniger hochwertig und spannend als amerikanische TV-Unterhaltung.

„Die Kreativfabrik fand die Idee gut“, berichtet der Initiator, „das Kulturamt hat’s gefördert, und somit waren die Startbedingungen geschaffen. Dann lief es im ersten Jahr ganz gut, und deswegen geht es jetzt weiter. Wie bei allen Sachen, die ich mache, entwickelt das irgendwann eine Eigendynamik.“

Intuition trifft Virtuosität

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Wie verträgt sich denn eigentlich der Rock’n’Roll-Impetus „Verstärker auf zehn und los geht’s!“ mit studierter Jazz-Technik? „Ich bin in beidem zu Hause“, gibt Schmidt zu Protokoll. „In den 80ern war das ganz klar getrennt: Da gab es einen deutlichen Gegensatz von ‚Indie‘ und so was wie Toto oder Steely Dan. Die einen wussten nicht so richtig, wie man eine Gitarre stimmt, die anderen konnten wirklich spielen. In den letzten zehn Jahren geht das aber viel mehr zusammen. Ich habe schon das Gefühl, dass man mittlerweile auch anerkennt, dass diese ‚Indie‘-Spielweise, bei der es vielleicht mehr um Klang und Geräusch als um Technik geht, auch eine eigene Qualität hat. Intuition und Virtuosität müssen sich nicht gegenseitig ausschließen.“

Geschichten aus dem Underground

Eben jener Indie-Szene der 1980er-Jahre hat Martin Schmidt mit seinem Buch „Vierspur, Kleber & Gitarrenkrach“ ein Testament geschrieben. Erschienen im vergangenen Jahr, fächert das Werk den deutschen Gitarren-Underground jener Zeit für die Nachwelt auf. Nach „Surf Beat“, dem ultimativen „Who-is-Who der Surf- und Instromusik“ von 2007, ist es die mittlerweile zweite musikhistorische Arbeit von Martin Schmidt in Buchform.

Anlass für die Beschäftigung mit dieser überschaubaren Szene aus etwa 30 bis 40 Bands, denen der seinerzeit noch jugendliche Autor selbst mindestens als Fan verbunden war, lieferte der Sampler „The Sound and the Fury“, welcher 1988 einen repräsentativen Ausschnitt der deutschen Underground-Gitarren-Szene bot und dem gealterten Fan irgendwann wieder in die Hände fiel. „Und dann hat es fünfzehn Jahre gedauert, bis ich aus der Idee ein konkretes Vorhaben gemacht habe, indem ich das erste Interview geführt habe – mit den Fenton Weils.“

Letztlich wurden es insgesamt 30 Interviews mit Protagonisten von damals. Und aus den gesammelten Interviews wurde ein Buch. „Ich glaube, es ist jetzt lange genug her, dass auch diese Zeit historisch aufgearbeitet wird“, sagt Schmidt. Und stellt fest: „Der Underground von damals ist heute auch noch Underground. Und Underground muss man immer mit Underground-Methoden vertreiben, bewerben und publik machen.“

DIY als künstlerisches Prinzip

So hat Martin Schmidt das 444-Seiten-Werk nicht nur selbst geschrieben, sondern auch verlegt. Aufs Stichwort „DIY – Do it yourself“ liefert er denn auch postwendend die Replik: „Story of my life!“ Nicht nur als Autor, sondern auch als Musiker macht Martin Schmidt so ziemlich alles selbst – vom Komponieren über das Aufnehmen und Organisieren bis zum Booking.

„Die Produktionsbedingungen sind mittlerweile deutlich besser“, stellt er fest. „Man hat heute Zugang zu Geräten, mit denen man ein wesentlich höheres Niveau abliefern kann als noch in den 80ern – beim Aufnehmen, beim Kommunizieren, beim Grafikdesign und so weiter. Auch die Kosten sind viel geringer als früher. Meine wichtigste Erkenntnis aus 35 Jahren Profimusikertum ist: Ich erledige Aufgaben lieber selbst, als Zeit für die Suche nach vermeintlich effektiven Partnern zu verschwenden, die mich nur bedingt voranbringen. Der klare Vorteil von DIY: Ich kann alles so machen, wie es mir gefällt!“

Fast alle Träume erfüllt – fehlt nur noch der Krimi?

Und wie lange kann man das machen? Wie gut lebt es sich mit mittlerweile 55 Jahren in diesem stetigen Zyklus aus Aufnehmen und Auftreten: Album, Tour, Einladen, Fahren, Ausladen, Aufbauen, Soundcheck, Gig, Schlafen – am nächsten Tag alles von vorne. „Bis jetzt geht’s noch ganz gut“, grinst Martin Schmidt alias Rob Razorblade. „Ich denke, man kann das so lange machen, wie man Spaß daran und keine körperlichen Gebrechen hat.“

Das spricht einer, der sich fast alle seine Träume verwirklicht hat. „Ich wollte gerne mit einer Band, die meine eigene Musik macht, irgendeine Art von Erfolg haben. Ich wollte gerne als Journalist arbeiten und für Musikzeitschriften schreiben. Ich wollte gerne Gitarrenbücher veröffentlichen. All das habe ich gemacht.“

Bleiben da überhaupt noch Visionen? „Ich habe irgendwann mal angefangen, einen Krimi zu schreiben“, erzählt der rastlose Musiker. „Das wäre etwas, woran ich mich gerne noch mal versuchen würde. Die Musik, die ich mache, und diese besondere Stimmung von Kriminalromanen oder -filmen, zum Beispiel von Raymond-Chandler-Verfilmungen mit Humphrey Bogart, das gehört für mich irgendwie zusammen.“

Konzert/Tour-Daten:

MR. SMITH’S GUITAR CLUB

16.04.2026 Wiesbaden / Kreativfabrik – Gast: Didi Beck

21.05.2026 Wiesbaden / Kreativfabrik – Gast: Hannes Porombka

18.06.2026 Wiesbaden / Kreativfabrik – Gast: Florian-Samuel Späth

THE RAZORBLADES Xmas-Tour 2026

03.12.2026 Wilkau-Haßlau / Laurentius

04.12.2026 Henningsdorf / Weihnachtsmarkt

05.12.2026

11.12.2026

12.12.2026 Memmingen / Mood Club

18.12.2026

19.12.2026 Wiesbaden / Kreativfabrik

Links:

www.the-incredible-mr-smith.com 

www.vierspurklebergitarrenkrach.de

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Autor:in

Alexander Pfeiffer

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