Kultur
Zukunft der Literatur – Gedanken und Überlegungen
Bei allem aufkeimenden Hinterfragen und den vielen Erschütterungen von Gewohntem in den zurückliegenden Jahren stellt sich die Frage nach der Rolle und Bedeutung von Literatur. Wurde im Mai 2022 im Literarischen Colloquium Berlin gar von Literatur als Erkenntnismaschine gesprochen. Kann sie diesen Anspruch auch in Zukunft erfüllen? Kann sie zu einem Miteinander führen? Gibt es im Zeitalter der vernetzten Informationswelten, in einem immer tiefer automatisierten persönlichen Leben eine andere, neue Rolle der Literatur? Oder ist sie gar auf dem Weg ins Abseits zu geraten? Fragen, die viele Schreibende und Lesende beschäftigen. Wie werden wir also in Zukunft lesen und schreiben?

Dass sein Schreiben und seine Werke ankommen, zeigen die nicht enden wollenden Auszeichnungen, wie zuletzt der Else Lasker-Schüler-Lyrikpreis 2024 oder die Nominierung zum Deutschen Hörbuchpreis.
Nicole Seifert, gelernte Verlagsbuchhändlerin und promovierte Literaturwissenschaftlerin, betonte auf dem Literarischen Colloquium Berlin, dass für die Zukunft des Lesens ganz wesentlich die Bücher von gestern seien. Sie meinte dabei vor allem die, die in keiner Schule gelesen werden, die nicht in den Literaturgeschichten vorkommen, die teilweise nicht mal lieferbar sind. Bücher, die nicht kanonisiert wurden und die sie gerade deshalb für besonders relevant halte.
Also den Blick mehr auf das richten, was bereits vorhanden ist? Nein, sie will die Aufmerksamkeit auf Texte richten, die deshalb fehlen, weil sie ausgegrenzt wurden. Sei es aufgrund von Geschlecht, Hautfarbe oder Klasse. War dieser Ausschluss der „anderen“ Stimmen etwa politisch begründet? Wenn dem so ist, sollten wir noch wachsamer sein, was in Zukunft als lesenswerte Literatur propagiert wird.
Wie ist es mit der Lyrik bestellt?
Im Buchhandel fristet sie meist ein Nischendasein, auch wenn es tolle Beispiele dafür gibt, dass Lyrik gefragt und erfolgreich sein kann. So erläuterte der in Nettetal am Niederrhein lebende Dichter und Verleger Dinçer Güçyeter bei der Verleihung des Peter-Huchel-Preises 2022 für deutschsprachige Lyrik: „Es kommen immer wieder neue Farben, neue Stimmen dazu“. Die Gesellschaft ändere sich und er sei eine von vielen Stimmen. Dass sein Schreiben und seine Werke ankommen, zeigen die nicht enden wollenden Auszeichnungen, wie zuletzt der Else Lasker-Schüler-Lyrikpreis 2024 oder die Nominierung zum Deutschen Hörbuchpreis. Die Wuppertaler Else Lasker-Schüler-Gesellschaft ehrt Dinçer Güçyeter für sein Schaffen. In der Jurybegründung nennt sie ihn einen Lyriker von Format, dessen Leben, Werk und Wirken im Wortsinn Bände spricht – für ein Miteinander, eine interkulturelle Toleranz im Sinne Else Lasker-Schülers, die stets für eine Versöhnung zwischen Juden, Christen und Muslimen eingetreten ist.
Antrieb für Güçyeters Schreiben sei auch immer wieder eine Wut. Das sei ebenso eine Leidenschaft und Hingabe. „Ohne Wut funktioniert vieles im Leben nicht.“ Ihm gehe es dabei um die Wut, dass er auf seine Fragen oft keine Antwort bekommen habe, „von der Politik, von der Gesellschaft und dass wir uns immer noch in einem Kreis drehen und seit 40 oder 50 Jahren immer noch über die gleichen Themen diskutieren, obwohl eine Lösung vielleicht viel einfacher wäre“. Stattdessen sollte man es wagen, „neue Bühnen zu schaffen und neue Worte zu sprechen“. Eine klare Herausforderung für Literatur und Kunst in den vor uns liegenden Jahren.
In Zukunft leseunfähig?
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Wie sieht es aber mit den Heranwachsenden in einer immer stärker digitalisierten Gesellschaft aus? Auf Platz 3 bei „Die Wörter des Jahres 2023“ der Gesellschaft für deutsche Sprache landete das Wort „leseunfähig“. In jüngsten Studien erfüllen bis zu 31 Prozent der Viertklässler:innen nicht die Mindeststandards beim Lesen. Leseunfähigkeit bezieht sich jedoch auch auf das Verstehen komplexerer Texte, das offenbar immer mehr Menschen Schwierigkeiten bereitet. Eine Herausforderung nicht nur für den gesamten Bildungssektor, sondern auch für die Literatur.
In seinem bereits 2003 erschienenen Buch „Mutmaßungen über die Zukunft der Literatur“ geht Siegfried Lenz der Frage nach, wo die Zukunft der Literatur im Zeitalter des alles beherrschenden Computers liegt und welche Rolle Schriftsteller:innen innehaben. Literatur ist immer auch eine Geschichte des Erzählens vom Anfang der mündlichen Weitergabe bis zur heutigen Nanosekundenverfügbarkeit von Gesagtem und Geschriebenem. Im Essay „Das Ende des Gutenberg-Zeitalters?“ stellt Siegfried Lenz den ganz eigenen Flair der Literatur im Buch gegenüber der gigantomanen Netzwerkkultur heraus. Dieser könne kaum durch jene ersetzt werden. Geben die gegenwärtigen Entwicklungen Siegfried Lenz noch recht?
Dazu fragten wir Dr. Lutz Kuntzsch von der Gesellschaft für deutsche Sprache e. V. (GfdS), Wiesbaden:
„Auf jeden Fall! Wenn wir die Literatur im künstlerischen Sinne auf alle Bereiche der geschriebenen Texte ausweiten, trifft das ebenso zu – ja, es hat sich in den letzten Jahren noch gravierender gezeigt. Auch wenn nicht fatalistisch vom Ende des Textverstehens gesprochen werden sollte, ist ein deutliches Achtungszeichen vonnöten. Denn so wie bisher kann es mit der Leseunfähigkeit und dem Nichtverstehen von Alltagstexten nicht weitergehen. Dafür nur die elektronischen Medien verantwortlich zu machen, wäre zu kurz gegriffen. Gerade hier wird viel geschrieben, was eigentlich gesagt wird, und so kommt es zu einer Verschiebung der Normen durch die neuen medialen Möglichkeiten. Hinzu kommen Reizüberflutung, die Pandemie und vor allem eine ausufernde Bürokratie – besonders in der Gesetzes- und Verwaltungssprache. Die GfdS versucht mit ihrer Sprachberatung in Wiesbaden und Berlin dem entgegenzuwirken, kommt sich allerdings oft wie Don Quijote vor im Kampf gegen die Windmühlenflügel. Alle reden über die Probleme, aber es tut sich nichts; so wird sich auch in Zukunft wenig tun, bei allen Bemühungen – auch um die Leichte Sprache. Dennoch bleibt zu hoffen, dass wir wieder Lesen und Verstehen lernen.”
Literatur wird sich also auch in Zukunft der Aufgabe gegenübersehen, zum Verstehen innerhalb einer Gesellschaft beizutragen. Also untereinander besser verstehen! Dabei kommt es nicht so sehr auf das jeweilige Genre an, sondern das Hinführen zum Lesen und Verstehen. Wieder Lesen und Verstehen lernen, darin liegt letztlich auch ein gewisser Reiz für alle.
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