Kunst
Wunder Wald – beseelt und bedroht
Der Wald leidet unter den Folgen des Klimawandels: in Deutschland gilt nur noch jeder fünfte Baum als völlig gesund. Wie können wir in dieser Situation unser Verhältnis zur Natur neu bestimmen? Wie hat die Romantik unser Naturverständnis geprägt und wie wegweisend kann das für die Zukunft sein? Darum geht es in dem großen Ausstellungsprojekt „Wälder. Von der Romantik in die Zukunft“. Drei Museen haben dafür zusammengearbeitet und beleuchten den Wald in 13 Themeninseln aus wissenschaftlicher, ökologischer und ästhetischer Perspektive.

Von Borkenkäfern und den „Rechten der Natur“ im Deutschen Romantik-Museum Im Deutschen Romantik-Museum geht es um neue Denk- und Lebensweisen, die sich durch die romantische Naturwahrnehmung entwickelt haben.
Parallel zum Ausstellungsprojekt „Wälder“ lädt der Kulturfonds Frankfurt RheinMain mit „#Wald?Wald!“ in die Natur der Region ein, um den Wald mit allen Sinnen und allen Künsten neu zu entdecken - von Idstein bis Darmstadt, von Oestrich bis Kronberg.
Der römische Geschichtsschreiber Tacitus schilderte um das Jahr 100 in seiner Schrift „Germania“ die schaurigen Wälder im Gebiet östlich des Rheins mit Bäumen so riesig, dass Legionäre unter ihren Wurzeln hindurch reiten konnten. Lange war der Wald ein Ort des Schreckens, bewohnt von Köhlern, Einsiedlern und auch Räubern, die im Wald der sozialen Kontrolle entkamen und vor deren Überfällen sich Reisende fürchteten.
Das änderte sich mit der Industrialisierung. Der Wald wurde „Energielieferant“, denn Holz wurde in großen Mengen gebraucht. Um 1800 entstand die Forstwirtschaft, die abgeholzte Flächen hauptsächlich mit Monokulturen bepflanzte, ein Prozess, der unseren Wald bis heute prägt.
Die massive Ausbeutung der Natur machte den finsteren Wald aber indirekt auch zu etwas Wunderbarem. Denn in der Romantik entstand das Bewusstsein, dass die Natur kein ausbeutbares Objekt ist und Schutz braucht. In Gedichten, Märchen und Gemälden wurde der Wald als Ort der Innerlichkeit überhöht und die Natur als ein lebendig Wesenhaftes beschrieben, in das der Mensch sich einfühlen und in der man die Seele baumeln lassen kann. Der Dichter Ludwig Tieck prägte den Begriff der „Waldeinsamkeit“ und für Joseph von Eichendorff war der Wald eine Art „Hallraum der Seele“.
Wie hat die Romantik unser Verhältnis zum Wald und zur Natur geprägt? Wie können wir in unserer von Klimakrise und Artensterben geprägten Gegenwart an diese Vorstellungen anknüpfen und welches neue Naturverständnis könnte es für die Zukunft geben? Das Museum Sinclair-Haus in Bad Homburg, das Senckenberg Naturmuseum und das Deutsche Romantik-Museum in Frankfurt blicken auf die Ursprünge der ökologischen Bewegung, veranschaulichen wissenschaftliche Erkenntnisse und fragen, welche Gefühle wir mit dem Wald verbinden.
Waldlust und Waldangst – im Sinclair-Haus Bad Homburg
Die Künstler der Romantik subjektivierten die Natur und erfassten sie mit allen Sinnen. Ob in Reisebeschreibungen und Schilderungen von Naturerlebnissen oder in Gemälden: die künstlerische Vorstellungskraft setzte die Natur in Beziehung zum Menschen. Im Sinclair-Haus wird es in einer zeitgenössischen Installation ganz symbiotisch. Sie imaginiert eine biochemische Verbindung zwischen Mensch und Baum, durch Austausch über eine Art Parfüm.
Zeitgenössischen Werken stehen suggestiv aufgeladenen Waldszenen der Romantik gegenüber. Ob ein gemalter sterbender Urwald aus der Mitte des 19. Jahrhunderts oder eine Fotografie des brasilianischen Regenwalds – damals wie heute entspringen die Bilder vom Wald auch dem Wunsch, unsere Existenz und das Leben als Ganzheit zu verstehen.
Märchenillustrationen bebildern im Sinclair-Haus die ästhetische und lustvolle Angst vor dem Wald, einem ambivalenten und unheimlichen Ort, der Urängste anspricht. Die Ursprünglichkeit und Finsternis des Waldes malten die Brüder Grimm in ihren gesammelten Märchen und Sagen aus, um die existenzielle Verlorenheit und Selbstbehauptung des Menschen zu dramatisieren.
Neben der Auseinandersetzung mit der eigenen Angst im Wald, war auch die Angst um den Wald schon in der Romantik ein Märchenthema, etwa in Wilhelm Hauffs Märchen „Das kalte Herz“. Und vor dem Hintergrund der Klimakrise geht es auch um die gegenwärtige Angst vor dem Verlust des Waldes: so zeigt eine Fotografie im Sinclair-Haus den besetzten Hambacher Forst, der ursprünglich für den Braunkohleabbau gerodet werden sollte.
Von Borkenkäfern und den „Rechten der Natur“ im Deutschen Romantik-Museum
Im Deutschen Romantik-Museum geht es um neue Denk- und Lebensweisen, die sich durch die romantische Naturwahrnehmung entwickelt haben. So gab es erste ökologische Überlegungen und Forderungen, etwa von Alexander von Humboldt, der die großflächigen Abholzungen kritisierte. Um 1800 war Deutschland nur noch zu 20 Prozent von Wald bedeckt, heute sind es 33 Prozent.
Wie die Forstwirtschaft den Wald veränderte, zeigen historische Dokumente und auch präparierte Borkenkäfer. Der Käfer richtet in unseren Wäldern viel Schaden an – und am Ende ist auch das Menschenwerk. Schon in der Zeit der Romantik war der Käfer aktiv und man wusste schon damals, dass er vor allem Nadelwälder befällt. Es ist keine neue Forderung, Mischwälder anzulegen, statt nur Kiefern, Tannen und Fichten zu pflanzen, die der Forstwirtschaft schnelle Erträge bescheren.
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Obwohl das Ökosystem Wald noch nicht wissenschaftlich untersucht war, hatte man in der Romantik schon eine Vorstellung von den wichtigen Lebensgemeinschaften verschiedener Tier-, Pflanzen- und Pilzarten. In Zeichnungen von Wurzelwerk und Totholz wird das Kleine und „Unbedeutende" im Waldboden in den Mittelpunkt gestellt und damit eine Vorahnung von den komplexen ökologischen Vernetzungen. Das Romantik-Museum, das neben Goethes Geburtshaus entstanden ist, stellt auch das Herbarium des großen Dichters aus, in dem er Moose, Flechten und Pilze sammelte.
Eine neue Erzählung vom Wald präsentiert das Romantik-Museum, wenn es um Eigentumsverhältnisse und die „Rechte der Natur“ geht. Im frühen Mittelalter gab es fast in jedem Dorf eine Allmende, ein gemeinschaftliches Eigentum, das Holz und Nahrungsmittel für alle bot, bis Ende des 18. Jahrhunderts der Wald mehr und mehr in modernes (Sonder-)Eigentum verwandelt wurde. In unserer globalisierten Welt finden viele Kämpfe um Nutzungsrechte statt und immer mehr Natur wird zerstört, um Bodenschätze und Weide- und Anbauflächen wirtschaftlich auszubeuten.
Es mag einigermaßen verrückt klingen, dass in Ecuador 2008 die „Rechte der Natur“ in der Verfassung verankert wurden. Stellvertretend klagen hier Bewohner eines bedrohten Gebiets für Wälder oder Flüsse. Wie die Rechte der Natur umgesetzt werden, bleibt dahingestellt. Zumindest urteilte 2018 ein Gericht, dass Bergbauaktivitäten am Rio Blanco eingestellt werden müssen, weil sie der indigenen Bevölkerung die Lebensgrundlage entzogen hätten. Ecuador ist Vorreiter dieser radikalen Umweltbewegung. Weltweit gibt es Forderungen, auf diese Weise das Miteinander von Mensch und Natur neu zu regeln. Eine Entwicklung, die das romantische Naturverständnis weiterdenkt und neue Perspektiven eröffnet.
„Wir“ und die Wälder der Welt – im Senckenberg Naturmuseum
Im Wald mit leisen Schritten über bemoosten Boden gehen, Blätter rauschen, Holz knackt, Vögel zwitschern, die Sonne scheint durch die Baumwipfel. So genießen wir auch heute noch die „Waldeinsamkeit“, den Widerhall unserer Innenwelt in der Natur. Menschen aus mediterranen Ländern mögen sich über das hiesige Freizeitverhalten wundern, doch es ist wissenschaftlich belegt, dass der Aufenthalt im Wald mit seinen Naturgeräuschen eine positive Wirkung auf uns hat. Das „Waldbaden“, das bewusste Erleben des Waldes, stärkt das Immunsystem.
Das Senckenberg Naturmuseum beschäftigt sich mit der Beziehung des Menschen zum Wald, mit den Menschen der Stadt und indigenen Völkern. Videoinstallationen von Ursula Biemann schlagen eine Brücke zwischen indigenen Wissenssytemen und der modernen Wissenschaft. Die Schweizer Künstlerin hat Feldforschung im Amazonasgebiet betrieben und zeigt in ihren Bildern eine ökozentristische Sicht auf die Welt, die nicht nur dem Menschen, sondern auch der Natur einen Eigenwert zugesteht.
Eines der ersten ökologischen Kunstprojekte der Welt begrünte ab 1982 die Stadt Kassel. Im Rahmen der documenta 7 ließ Beuys 7000 Eichen im Stadtgebiet pflanzen, unter dem Motto „Stadtverwaldung statt Stadtverwaltung“. Das war die Zeit, als in Deutschland das Waldsterben in aller Munde war. Horrorszenarien von kahlen Stadtparks und verödeten Waldgebieten wurden gemalt. In Frankreich schüttelte man anfangs darüber den Kopf und hielt das Waldsterben für eine deutsche Gemütskrankheit, für die sich in der französischen Sprache der Begriff „Le Waldsterben“ einbürgerte. Das Senckenberg Naturmuseum erinnert an die Vorbildfunktion des Kunstprojekts „7000 Eichen“, das ökologische Protestbewegungen und andere Naturprojekte anstieß.
Ohne die Eingriffe des Menschen wäre Deutschland heute völlig von Wald bedeckt. Welches Verhalten die Wälder wie verändert und welche Zukunftsszenarien es geben könnte, zeigen im Senckenberg Naturmuseum wissenschaftliche Modelle. Wie sah der Wald in der Zeit der Romantik aus, wie in der Gegenwart und wie könnte er in Zukunft sein? Das „Catharsis“-P rojekt des dänischen Künstlers Jakob Kudsk Steensen lässt die Besucher vollständig in einen Urwald eintauchen. Man erfährt in dem immersiven Kunstwerk, wie Wald entsteht und sich im Zeitraffer wandelt.
In den „#Wald?Wald!“ - mit allen Sinnen und allen Künsten
Künstlerinnen und Künstler nehmen die Sinnlichkeit und Verletzlichkeit der Natur besonders wahr und viele setzen sich für den Schutz des Waldes ein. Was liegt da näher, als Kunst und Kultur mit der Natur und dem Wald zu verbinden? Der Kulturfonds Frankfurt RheinMain hat das Ausstellungsprojekt „Wälder“ zum Anlass genommen und mit „#Wald?Wald!“ ein außergewöhnliches Veranstaltungsprogramm kreiert.
In einem Waldstück bei Darmstadt findet mit Unterstützung des Kulturfonds wieder die Kunstbiennale „Internationaler Waldkunstpfad“ statt. Künstlerinnen und Künstler aus aller Welt arbeiten ab August an Skulpturen und Installationen, häufig mit Naturmaterialien.
Ein utopisch kreatives Lebensmodell wird vier Tage lang im Wald bei Idstein erprobt. Alle sind eingeladen, wenn Musiker, Geigenbauerinnen und ein Förster im Wald zusammenarbeiten, musizieren und diskutieren. Wer vorbeikommt, kann mitreden, ein Konzert erleben, einfach nur zuschauen oder sich ein eigenes Holzinstrument bauen und mitspielen, zum Beispiel auf einem selbst gebauten Monochord, dessen schwingende Saiten nie „falsch“ klingen. Der Klangkünstler Volker Staub lässt die Natur mit Klaviersaiten und Windspielen selbst Musik machen, bei einer der vielen Veranstaltungen in Flörsheim.
Auf Burg Königstein und Burg Kronberg erklingt im September und Oktober die dekonstruierte Pastorale von Ludwig van Beethoven. In seiner 6. Symphonie, einem Vorläufer der Programmmusik, hat Beethoven die Eindrücke eines Menschen in der Natur in Musik umgesetzt. Der Komponist Werner Cee hat die Pastorale sozusagen „ausgewildert“. Er verschränkt in seinem Projekt „de-symphonic“ Licht und aufgezeichnete Klänge der Natur mit der Pastorale Beethovens.
Bei den Konzerten für Streicher, singende Säge und Holzbearbeitungsgeräte wird es experimentell. Das „Matter of Facts Studio“ thematisiert den Wald musikalisch als Sehnsuchtsort und gleichzeitig auch als Rohstofflieferant. Dann soll sogar eine Schreinerin oder ein Schreiner im Kunsthaus Taunusstein mit musizieren und es erklingen Zitate aus der Musikgeschichte und Aufnahmen aus hessischen Wäldern.
Und wer weiß schon, dass der Rheingau 600 Jahre lang von einer Art „Dornröschen-Hecke“ umgeben war. Undurchdringlich war diese etwa 50 Meter breite Hecke aus Eichen und Buchen. Damit niemand hindurch kam, hatten die Rheingauer die Bäume oben beschnitten und die Zweige nach unten „gebückt“ und miteinander verflochten. Dazwischen hatten sich dornige Sträucher angesiedelt und das Gebiet konnte nur durch steinerne Tore betreten werden. Die seltsame Wehrhecke wurde im 18. Jahrhundert gerodet. Heute gibt es dort nur noch vereinzelte alte Buchen und eine Rekonstruktion der Wehrhecke an der Mapper Schanze. Sie ist Ausgangspunkt für Spaziergänge mit fantasievollen und geschichtsträchtigen Heckengeflüster-Performances.
Ob Hecken-Spaziergang, Waldkunst, Literarisches oder Musikalisches – das und viele weitere Veranstaltungen bietet das Programm „#Wald?Wald!“, das der Kulturfonds Frankfurt RheinMain ab April im Internet veröffentlicht.
Wälder. Von der Romantik in die Zukunft, eine gemeinsame Ausstellung im Deutschen Romantik-Museum, Senckenberg Naturmuseum und Museum Sinclair-Haus, vom 16. März bis 11. August 2024
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