Kunst
Von :innen neu gedacht
Frauen, Freude, Friede am Staatstheater!? Das neue Intendantinnentandem erbt einige Altlasten, auch finanzielle. Fix soll es den Betrieb kitten. Allemal bedeutet der Leitungs- auch einen Paradigmenwechsel. Jetzt gilt das „dialogische Prinzip“: nicht zuletzt ein Seitenhieb auf die vorige Intendanz. Uwe Eric Laufenberg hatte Kunstministerium, Künstler und Kritik gegen sich aufgebracht und schied dann vorzeitig aus. Dorothea Hartmann und Beate Heine starten mit 48 Premieren.

Oder aber meinen sie mit „uns“ uns alle, die Wiesbadener oder gar die ganze Menschheit, und fragen einfach nur, wie wir, Generation für Generation, der jeweils folgenden den Planeten hinterlassen?
Probe hat begonnen: Am Staatstheater muss sich erstmals eine Doppelintendanz bewähren, sie ist weiblich. Die Zuständigkeitsfrage zuerst: Wer macht eigentlich was? Dorothea Hartmann verantwortet die Oper, Beate Heine das Schauspiel.
Und wer sind die beiden, die auch der
Reformwille verbindet? Schwestern, könnte man fast meinen. Die FAZ hat sie in einer Bildunterschrift prompt verwechselt. Beider Nachnamen beginnen mit einem H. Vom Typ wie auch vom Auftreten her sind sie einander ähnlich. Bei der Spielplanvorstellung tragen beide ihr Haar seitlich gescheitelt und aus der Stirn gekämmt, ebenso knallroten Lippenstift: lange Zeit in intellektuellen Kreisen verpönt, inzwischen ein Zeichen für feministischen Biss. Ihr Auftritt signalisiert Entschlossenheit, Ehrgeiz, Macherinnengeist. Sie wirken kompetent und durchsetzungsstark.
Der Traum vom „guten Theater“
Heine war zuletzt – aber nur ganz kurz – Chefdramaturgin und stellvertretende Intendantin am Deutschen Schauspielhaus Hamburg, Hartmann gehörte mehr als zehn Jahre dem Leitungsteam der Deutschen Oper Berlin an. In Wiesbaden wollen sie alles Wesentliche gemeinsam entscheiden.Und so ergab sich die neue Konstellation auf der Führungsebene: Hartmann und Heine kannten einander schon länger, vor allem aus Jurys. Die zwei verstanden sich. Es gebe „sehr viele Gemeinsamkeiten und großes Vertrauen in die ästhetische Übereinstimmung“, versichern sie. Offenbar haben sie dieselbe Vorstellung von „gutem Theater“ und in Wiesbaden nunmehr ein „tolles Team“ mit 650 Mitarbeitern zur Umsetzung.
Wie Avantgarde ist Wiesbaden?
Merkwürdig allerdings: Zur Spielplanvorstellung enthielten sie sich eines knackigen Statements und vertiefender Erläuterungen ihres Konzepts. Das Programm wird vorgetragen, das muss fürs Erste reichen. Im Gegensatz zu ihrem Vorgänger werden die Frauen unterdessen weder selbst als Akteure auf der Bühne stehen, noch inszenieren sie. Bis wohin interessiert sie das Künstlerische? Allemal, so viel ist bereits zu spüren, bis dorthin, wo es mit ihrem kulturpolitischen Auftrag vereinbar ist und auch woke Anliegen aufnimmt. Derweil packt Wiesbadens OB Gert-Uwe Mende, der – weil Stadt und das Land Hessen Träger der Institution sind – anlässlich der Spielplanbekanntgabe ebenso wie Gremmels (beide SPD) auf dem
Podium sitzt, die Gelegenheit beim Schopf, äußert sich wortreich zur Vielfalt und so fort. Den Modethemen unserer Zeit.
Bemerkenswert, dass sich die avantgardistischen Frauen, die für neue Formen und Diskurse stehen, überhaupt ins historistische Wiesbaden trauen, wo es fürwahr nicht leicht ist, Menschen für Modernes zu gewinnen, was unter anderem die vielen Vorbehalte gegenüber der phantastischen Architektur des Museum Reinhard Ernst zeigen. Heine fiel auf, dass die Stadt „sehr viel heterogener“ ist „als sie zunächst erscheint“, und sie meint: „Diese Widersprüche soll Theater sichtbar machen.“ Bloß: Geht es hier wirklich um Widersprüche, nicht vielmehr um jeweils subjektive Wahrnehmungen und unterschiedliche Perzeption? Kein Mensch, der frisch in die Stadt kommt, kann behaupten, sie erscheine homogen. Die Probleme, auch der Heterogenität geschuldet, sieht man schon am Bahnhof. Jedoch: Will das Publikum diese Probleme denn auch im Theater sehen?
Das (schwere) Erbe der ersten Spielzeit
Ihre erste Spielzeit überschreiben die Frauen mit einer Frage: „Was ist unser Erbe?“ Es gibt mindestens drei Möglichkeiten, diese Fragestellung zu interpretieren. Welches Erbe ist da denn gemeint, muss man zunächst zurückfragen. Beziehen sich die Intendantinnen auf die Hinterlassenschaft ihres unrühmlich aus dem Amt geschiedenen Vorgängers? Oder fassen die zwei schon jett ihren eigenen Abschied ins Auge und zeigen sich erpicht, von Tag eins ihr eigenes Wiesbadener Vermächtnis zu modellieren? Oder aber meinen sie mit „uns“ uns alle, die Wiesbadener oder gar die ganze Menschheit, und fragen einfach nur, wie wir, Generation für Generation, der jeweils folgenden den Planeten hinterlassen? Das wäre also eine ökonomische, gesellschaftspolitische, ökologische Fragestellung.
Hartmann erklärt, der Begriff Erbe beziehe sich auf ihr aktuelles Programm: In der ersten Spielzeit stelle man immer wieder Fragen nach Erbe und Vermächtnis. Die Verantwortung gegenüber Kindern kommt da naturgemäß ins Spiel: „Was meine Kinder von mir lernen und erben sollen, ist Neugier“, so Hartmann. Und, ja wirklich, die Frauen denken bereits an die Zeit nach ihrem Wiesbadener Gastspiel. Als Erbe wollen sie Wiesbaden beispielsweise „Neugier hinterlassen“. Neugier auf was? Na, natürlich auf „Theaterformen, auf Menschen, auf Dialog“. Mag auch das Theater nunmehr von :innen neu gedacht werden, von einem Tandem erwartet man per se eine Menge. Wir haben ein neues Logo, sagen die beiden, „das ist der Doppelpunkt“.
Party-Spektakel und Bühne frei
für alle
Vorhang auf: Opernstart ist am 28. September mit dem Ende von allem: „Wir laden ein zur letzten Feier vorm Weltuntergang!“ Gegeben wird eine „Anti-Anti-Oper“: György Ligetis „Le Grand Macabre“. Musikalisch verantwortlich: Leo McFall. Der neue leitende Mann am Haus – er übernahm die Position des GMD –, lässt eine hinreißende Eröffnungspremiere erwarten. „Großes Spektakel im Großen Haus“, verspricht die Intendantinnenintendanz. Es „endet alles in einem Besäufnis“.
Ein paar Jahrhunderte zurück und in den „Salon Strozzi“ geht es tags darauf: Das Publikum begegnet einer „der aufregendsten Komponistinnen vor 1700“ und darf selbst mit auf die
Bühne, weil Barbara Strozzis Salons einst zu Gesprächen einluden. So geht Partizipation heute auf Grundlage des Barocks: Bühne frei für alle. Und dann gongt es erneut zur Party: Zwischen „Straßenrevolte“ und „Abrissparty“ zimmert Regisseurin Anna Weber „eine Ode ans Theater“. Jacques Offenbachs praktisch nie gespielte Opéra-comique „Fantasio“, uraufgeführt in Paris im Jahr 1872, kommt nach Wiesbaden. „Das wird bunt, das wird fröhlich“, lockt die Chefinnenetage. Offenbach selbst wollte gar nicht, dass „Fantasio“ gespielt wird, weiß die eigens für diese Produktion verpflichtete Kostümbildnerin aus Hamburg, die sich tief in den Stoff gekniet hat.
Das liebe Geld und die Kunst mittendrin
Zum Budget ist nichts zu erfahren. Fakt ist die desolate finanzielle Situation des Theaters, eine Unternehmensberatung ist derzeit im Einsatz. Produktionen wie die beliebte „Lustige Witwe“ mussten schon gestrichen werden. Auffallend derweil, dass Dutzende Seiten Pressemitteilung nur einseitig bedruckt werden – unter Nachhaltigkeitsgesichtspunkten andernorts heute undenkbar und beispielsweise in Museen längst passé –, während das übertrieben schwergewichtige Spielzeitmagazin teils auch noch extrem groß gedruckt ist. Gespart wird hier offenbar nicht. Andere Theater betreiben deutlich weniger Aufwand.
Drei Operninszenierungen vom Intendatinnenvorgänger Laufenberg bleiben im Programm: Carmen, Fidelio und die Zauberflöte. Bei den Schauspielpremieren empfehlen die :innen insbesondere „Alte Meister“ von Thomas Bernhard. Da wird spartenübergreifend gearbeitet, wie es heute angesagt ist, und sogar site specific. Das Theater zieht dafür ein paar Häuser weiter ins Museum Wiesbaden. Dort wird sich mit „Kunst und unserer Gesellschaft“ auseinandergesetzt, „und das Publikum ist“ – wieder mal – „mittendrin“. Darüber hinaus plant das Theatertandem Projekte im Museum von Kunstsammler Reinhard Ernst, praktischerweise ebenfalls fußläufig gelegen zum Theater. Freunde der bildenden Kunst zu erreichen, ist umso leichter, wenn jene schon mal Theaterleute in ihr Boot geholt hat. So soll Ersan Mondtag, der gegenwärtig Teile des deutschen Pavillons der Kunstbiennale in Venedig bespielt, selbst aber vom Theater kommt, am Schauspiel „Double Serpent“ inszenieren, eine Uraufführung, und dürfte auch Kunstpublikum anziehen. Doch die neuen Chefinnen wollen aus dem Kunstkontext auch wieder raus und kündigen ein Projekt an, das mit Kompost zu tun hat.
(Über)Mutiges und Neues für Wiesbaden
Im öffentlichen Raum wird insbesondere die Performance „Habitat“ ein Hingucker: eine „schambefreite Hymne an den Körper“, in der Sparte Tanz inszeniert von Doris Uhlich und teilweise im Kurpark angesiedelt, gar noch im womöglich kühlen September. Dann also mal bitte die Hosen runterlassen, es darf in jeder Hinsicht gefröstelt respektive gefremdelt werden. In der bildenden Kunst sind Nackedeis – auch an öffentlichen Orten – ja ein alter Hut. Bezieht sie sich wohl auf „Habitat“, wenn eine Theatermitarbeiterin anmerkt, die Doppelintendanz agiere sehr mutig für Wiesbadener Verhältnisse?
Zehnjähriges Bestehen feiert unterdessen das Hessische Staatsballett mit einer Gala, die „Kurzkreationen“ zeitgenössischer Choreograf:innen bündelt. Musiker kann man näher kennenlernen beim „Orchestertalk“. Derweil startet Roland Vanecek unabhängig davon ein Format mit „Kammermusikmodulen“. Das will der Tubist im Wiesbadener Einrichtungssalon Casa Nova, wo dank einer Erbschaft unversehens ein Flügel gelandet ist, „auf lange Sicht etablieren“. Initiativen dieser Art können Wiesbaden nur guttun.
Doppelspitze als Markenzeichen
Hartmann/Heine könnten sich zum Markenzeichen entwickeln. Prominente Doppelspitzenbeispiele, die weltweit wahrgenommen wurden, gab es etwa auf der Biennale und der Berlinale. Während aber von der Kunstbiennale Venedig im Jahr 2005 mit den beiden Spanierinnen María de Corral und Rosa Martínez nur ein einziges Mal in ihrer Geschichte doppelte Führung bestellt worden war (was mittlerweile tief in der kollektiven Vergessenheit versunken ist), war das Projekt in Berlin auf längere Dauer angelegt, scheiterte aber. An einigen deutschen Kunsteinrichtungen – unter anderem am Hamburger Bahnhof oder am Museum in Osnabrück – klappt es dagegen gut mit Paarkonstellationen auf der Führungsetage. Ein Theater, das sie gewissermaßen noch probt, ist das Dreispartenhaus in Bielefeld: damit offenbar positiv wahrgenommen. Gemeinsam mit Michael Heicks füllt seit dieser Spielzeit die Theatertrompetertochter (!) und Regisseurin Nadja Loschky aus dem rheinland-pfälzischen Landstuhl, die natürlich auch weiterhin selbst inszeniert, die Doppelintendanz. Dernier cri ist diese Leitungslösung zwar längst nicht mehr, und das Ego des einen oder der anderen konterkariert sie. Vielen erscheint sie gleichwohl attraktiv – insbesondere auch Leistungsträgern und der Politik.
Zwist, Zoff und Zaren hinter der Bühne
Vorhangwechsel: Wie sieht es andernorts in Hessen gegenwärtig aus?
Kassels Staatstheater macht weiterhin reichlich Negativschlagzeilen
– Intendant Florian Lutz fällt der FAZ unangenehm auf als „machthungriger Alleinherrscher“ und „Chefideologe der Wokeness“ und muss sich wie das Wiesbadener Haus unter Laufenberg in Sachen Betriebsklima offenbar schämen. Wieso gibt es so viele Zaren hinter den Bühnen?
Die badischen Nachbarn erwarten zeitgleich zum Wiesbadener Neustart ebenfalls große Veränderungen an der Spitze. Nur fährt das Badische Staatstheater Karlsruhe personell einen entgegengesetzten Kurs. Dort folgt im September Intendant Christian Firmbach auf Peter Spuhler, dem – ganz wie Laufenberg und Lutz – unter anderem ein toxisches Arbeitsklima zur Last gelegt worden war: Auch an der Karlsruher Bühne gab es mächtig Zoff. Firmbach nun ist nicht nur einer, der singen und spielen kann. Er war Assistent von Größen wie Nicolas Brieger, Andreas Homoki, Peter Mussbach sowie Stellvertreter des Generalintendanten John Dew am Hessischen Staatstheater in Darmstadt. Sein künstlerisches Team in Karlsruhe besetzt er ausnahmslos mit Männern. Zuletzt waren die Spartenleitungspositionen Frauendomäne, und etwa der SWR weint den Frauen nach.
Glanzvolle Festspiele, ein ritterliches Ende und Harmonie pur?
Karlsruhe und Wiesbaden haben indes auch Gemeinsamkeiten: Beide Städte glänzen mit hochkarätigen Festspielen, die selbstredend erhalten bleiben als Hauptattraktion der jeweiligen Häuser: die Maifestspiele hier, die Händel-Festspiele in Karlsruhe. Dieses Jahr von einigen Personen mit Wiesbaden-Bezug wesentlich mitgetragen: Carlos Wagner beispielsweise, der in Karlsruhe verpflichtet wurde, inszenierte auch schon in Mainz und Wiesbaden, wo ebenso Christian Floeren – als Bühnenbildner – bekannt ist oder die Sopranistin Shira Patchornik, die Wiesbadener Ensemblemitglied war. Und natürlich ist auch Andreas Scholl aus dem Rheingau (nicht nur) den Karlsruher Händelanbetern ein göttlicher Countertenor.
Vor rund 300 Jahren vertonte Händel den gerade in Karlsruhe zum Niederknien mitreißend inszenierten „Siroe, Re di Persia“, ein Drama von Pietro Metastasio, Spezialist für „perfekt ausgefeilte Intrigenhandlungen“. Solche dürfte es – so hoffen jedenfalls Kunstministerium, Rathaus und Publikum –, in Wiesbaden fürs erste jetzt nicht mehr hinter, sondern nurmehr auf der Theaterbühne geben – wo sie hingehören. Aktuell macht das Führungsduo einen harmonischen Eindruck, gibt sich an der Sache interessiert und ein bisschen streng. Doch ob die beiden anscheinend starken Egos auf Dauer gemeinsam auf Kurs bleiben können, wird die (Spiel-)Zeit zeigen. Als „Spektakel zum Spielzeitende“ im Juni 2025 wird Henry Purcells „King Arthur“ in fünf Akten angekündigt. Spartenübergreifend entsteht eine zeitgemäße Version der barocken Komposition mit „ordentlich Zündstoff“.
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