Kunst
Viele starke Frauen!
Hat sich das schon einmal jemand klargemacht? Ist auch die Chefetage des Museums Wiesbaden fest in Männerhand, so festigt den Sammlungsbestand ein begeisterndes Quantum repräsentativer Arbeiten gefeierter Künstlerinnen. Das europaweit größte Konvolut von Eva Hesse befindet sich also in Hessen. Der Gipfel aber: Kein Museum besitzt mehr Werke von Rebecca Horn.

Archivmaterial im Museum Wiesbaden legt nahe, dass sie „geschützt durch ihre geglätteten persönlichen Unterlagen“ ihre Position unter dem Radar nutzte, um mit gefälschten Pässen Juden zur Flucht zu verhelfen.
Sie war mutmaßlich die letzte Deutsche. Für eine ganze Weile zumindest die letzte, die einer Europäischen Kulturhauptstadt die Krone installationskünstlerischer Exzellenz aufsetzte – indem sie der Kunstpilgergemeinde Spiegel vorhielt, was verblüfftes Entzücken in die Gesichter malte. Mit der immersiven Rauminstallation „The Universe in a Pearl“ bereicherte Heidemarie Rebecca Horn die Kulturhauptstadt Chemnitz, bis auf Weiteres die letzte deutsche Trägerin des jeweils für ein Jahr vergebenen Titels, entscheidend. Ganz ohne modisch-technologischen Schnickschnack wie Augmented Reality. Wiewohl postum.
Große Show in Chemnitz – auf Augenhöhe mit James Turrell
Die facettenreiche ortsbezogene Arbeit der Michelstädterin, die am 24. März ihren 82. Geburtstag gefeiert hätte, verwandelte die schon für sich genommen einzigartige neugotische Hospitalkirche St. Georg in Lößnitz in ein Spiegelkabinett existenzieller Fragestellungen: Wo beginnt das Universum, und worauf läuft alles hinaus? Als Magnet im Kulturhauptstadtprogramm konkurrierte Horns Beitrag gar auf Augenhöhe mit der monumentalen Raum- und Lichtinstallation von James Turrell, die für gut 15 Jahre in der eigens dafür mit historischen Originalbauteilen aufwendigst neu errichteten Halle des Karl-Liebknecht-Schachtes auf dem Areal des 2025 eröffneten Museums KohleWelt in Oelsnitz verbleibt.
Nun, wer je am Meeressaum jenen Sonnenuntergangsmoment erlebt hat, bei dem sich Himmel und Meer farblich angleichen und die Horizontlinie verschwindet, sodass der Eindruck einer stupenden Farbfeldmalerei im elementaren Naturraum entsteht, empfindet Turrells Farblicht-Mirakel als willkommenes Déjà-vu und unwiderstehliche Einladung, sich süßem Schwindel hinzugeben, Ort und Zeit auszublenden. Horn zielt ebenfalls auf alle Sinne. In St. Georg irritierte sie unsere Wahrnehmung von Oben und Unten – im Sakralraum Symbol für himmlische Sphären und das erdgebundene Level – mit ihrem raffinierten Spiegelspiel.
Vor dem Opus magnum ging ein fasziniertes Publikum zuvor schon in London oder Berlin in die Knie. Die Intervention datiert aus dem Jahr 2006: Drei übereinander montierte goldfarbene Trichter sind mit einem Spiegel über einer sich drehenden, verspiegelten Bodenskulptur angebracht – zum illusionistischen Gebrauch. Man sieht sich selbst oder blickt ins Unbestimmte, das Universum im Fokus. Horns Kreation ist eine kaleidoskopartige Keimzelle.
Die starke Frau stellt Kirchen förmlich auf den Kopf
„The Universe in a Pearl“ bewog Gemeindepfarrer Raphael Weiß, St. Georg zur „Kultur- und Pilgerkirche“ umzuwidmen. Die Realisierung der Großskulptur im Rahmen von Chemnitz 2025 unterstützte das Museum Wiesbaden zusammen mit der Moontower Foundation, einer von Horn 2007 gegründeten Stiftung, die mit dem Museum in engem Austausch steht. Warum? Vor genau zwei Jahren konnten Peter Raue von der Stiftung und Museumsdirektor Andreas Henning bekannt geben, dass ein großer Werkkomplex Horns im Rahmen einer „exklusiven Kooperation“ mit dem Land Hessen als Dauerleihgabe ins Museum der Landeshauptstadt einzieht.
Genauer: 30 raumgreifende Installationen sowie 30 Malereien, Zeichnungen und Skizzen. Sie bilden alle wesentlichen Werkzyklen ab. Damit wurde das Museum zum weltweit bedeutendsten Haus für die Künstlerin; kein anderes verwaltet ein größeres Konvolut. Die Arbeiten sollen künftig in wechselnden Konstellationen zu sehen sein.
Wie sich alles fügte, erläutert Jörg Daur auf feuilleton-Anfrage. Horns Atelier trat 2018 an das Land heran mit dem Wunsch, ihrem Werk „eine Heimat in Hessen“ zu geben, so der stellvertretende Wiesbadener Museumsdirektor und Kustos für moderne und zeitgenössische Kunst. Sechs zähe Jahre später verständigten sich Land, Stiftung und Museum 2024 auf eine exklusive Kooperation. Doch bereits seit 2007 ist Horn relevant für das Museum. Ihre Ausstellung als Jawlensky-Preisträgerin war der Auftakt zur engen Zusammenarbeit. 2010 wurde ihr im Museum Wiesbaden der Hessische Kulturpreis verliehen.
Seit der Sanierung des Museumsfoyers empfängt die Besucher dort Horns „Jupiter“: eine Spiegelinstallation ähnlich der in St. Georg, nur viel kleiner. Ihr folgten Schenkungen der Künstlerin und von privat sowie Ankäufe aus dem Atelier. Unter den zentralen Arbeiten: „Tailleur du Coeur“ neben der Rauminstallation „Circle for Broken Landscape“ oder „Landkarten der Seele“. Die Londoner Tate Gallery hingegen besitzt wesentliche Beispiele des Frühwerks. Wann wohl die beiden Häuser ein gemeinsames Projekt stemmen?
Der Mond als magisches Geschöpf
„Über die Jahre entstand eine vertrauensvolle Zusammenarbeit mit der Künstlerin und ihren engsten Mitarbeitern“, sagt Daur. „Sicherlich trug dazu bei, dass ich mich als Sammlungsleiter für ihr Werk stark gemacht habe.” Die Kriterien für die Auswahl der 2024 vereinbarten Dauerleihgaben liegen auf der Hand. Daur bestätigt, die Entscheidung habe die Relevanz für das Gesamtwerk berücksichtigt. Bis dahin besaß das Museum 14 Arbeiten. „Für den Sammlungsschwerpunkt Horn richtete ich 2019 einen dauerhaften Künstlerinnenraum ein“, so Daur. Im Übrigen präsentiere derzeit kein anderes Museum mehr Werke Horns in einer Dauerausstellung. Die Kooperation mit der Moontower Foundation, Hüterin des größten Konvoluts, ermögliche zudem, „auch wissenschaftlich tiefer einzusteigen“. Mehr noch: Das Museum rückt ins Zentrum des internationalen Leihverkehrs, ist nunmehr „Ansprech- und Kooperationspartner führender Museen“, die das exzeptionelle Schaffen der Textilfabrikantentochter interessiert.
Muss man sich sorgen wegen der Dauerleihgaben – ein Modell, mit dem manches Museum Schiffbruch erlitt, als Werke urplötzlich zurückverlangt wurden? „Dass das Museum die Neuzugänge aus der Dauerleihgabe entlässt, ist nicht vorgesehen“, beruhigt Daur. Die Verfügung sichere sie im Eigentum der Moontower Foundation und eröffne die Möglichkeit, dass sie perspektivisch in das Eigentum des Landes übergehen. Solange das Museum jedoch keinen Erweiterungsbau habe, seien Lagerung und Ausstellung größerer Teile gar nicht möglich. Daher sei die Dauerleihgabe geeigneter als ein „Besitzübergang mit entsprechenden Sorgfaltspflichten“.
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Auch der Name der Stiftung ist rasch erklärt: Ein alter Fabrikschornstein überragt das Gebäudeensemble auf Horns Besitz in Bad König, wo sie im September 2024, nur wenige Monate nach der wegweisenden Wiesbadener Vereinbarung, im Alter von 80 Jahren verstarb. Den Schornstein „krönt ein weißbläulich schimmernder Ring, der nachts wie ein Mond erscheint”, weiß Daur, „und es gibt in Horns Werk zahlreiche Assoziationen zum Begriff oder zur Gestalt des Mondes – als Gestirn und als magisches Geschöpf.“
Wie viele Arbeiten Horns Œuvre insgesamt umfasst – auch eine Romantikerin? –, darüber kann freilich selbst Daur nur spekulieren. Ein Werkverzeichnis liegt bislang nicht vor. Der Bestand der Stiftung beläuft sich auf mehrere Hundert Arbeiten, mehrheitlich auf Papier.
Pionierin Renate Petzinger sortiert „Künstlerinnen des 20. Jahrhunderts“
Neben Horn ist die jung verstorbene Eva Hesse die zweite wichtige Vertreterin zeitgenössischer Kunst im Museum Wiesbaden – „im Sinne herausragender Bedeutung und Präsenz“ (Daur). Renate Petzinger besetzte das Frauenthema im Haus als Erste so kompetent wie konsequent und leistete echte Pionierarbeit. Ihr Herzensprojekt überschrieb sie schlicht: „Künstlerinnen des 20. Jahrhunderts“. Diese Bilanzschau mit 245 Arbeiten von 58 Künstlerinnen lief vor einem Vierteljahrhundert mit großem Erfolg und wurde von einem 400 Seiten starken Katalog begleitet, der bis heute – dank der Ausführungen von Bice Curiger, Barbara Wally oder Rolf-Gunter Dienst – zum Wiederlesen reizt und ein Wissensspeicher sondergleichen ist. Petzinger, die starke Frau, die fast 20 Jahre – von 1990 bis 2009 – eine treibende Kraft am Haus war, zunächst als Kustodin und seit 2006 auch als stellvertretende Direktorin, berücksichtigte Frauen dezidiert, lange bevor das Mode wurde.
Die in der Ukraine geborene und als Kind in die USA gekommene Louise Nevelson war eine von ihnen. New York, wo auch Horn wesentliche Erfahrungen sammelte, prägte sie. „Louise, wo ist dein Cowboyhut“, überschreibt Dietrich Mahlow seinen Beitrag in Petzingers Katalog. Andreas Henning indes bekam auf dem Weg zur Biennale in Venedig durch den Besuch einer Ausstellung in Mailand zufällig Zugang zu Nevelson. Das Resultat: die großartige Soloschau „Die Poesie des Suchens“, die Valerie Ucke jüngst im Museum Wiesbaden kuratierte, sowie der Ankauf einer Collage von 1956. So knüpft das Museum 25 Jahre später aufs Schönste an Petzingers Frauenformat an: Die 1988 verstorbene Leah Berliawsky – wie Nevelsons Mädchenname lautet – war nun über ihre konzentrierte Kunst der (Groß-)Collage neu zu erleben. Eine schillernde Persönlichkeit. Zunächst hatte sie Schauspiel studiert. Mit Horn verbindet sie neben der Bürde schwerer Erkrankungen die wiederholte Teilnahme an der documenta.
Und dann wäre da der Star Eva Hesse, ebenfalls documenta-Künstlerin mit jüdischen Wurzeln. Elf Werke – darunter fünf plastische Arbeiten – hütet das Museum und besitzt damit die europaweit bedeutendste institutionelle Hesse-Sammlung. Wiewohl jung in New York gestorben, berührt ihre feinfühlige Kunst unvermindert fast magisch, ihre tragische Lebensgeschichte ohnehin.
Im Herbst galoppieren „Die Blauen Reiterinnen“ in die Friedrich-Ebert-Allee
Im Oktober 2026 halten Künstlerinnen des Blauen Reiters Einzug ins Museum, unter ihnen Sonia Delaunay-Terk (1885–1979), Maria Franck-Marc (1876–1955) oder Elisabeth Erdmann-Macke (1888–1978): Partnerinnen von Vertretern der Klassischen Moderne und ihrerseits Künstlerinnen, die ins Rampenlicht gehören. Prominente Doppelnamen-Frauen. Ilse Leda (1906–1981) ist keine. Die jüdische Tänzerin und Choreografin lernte vor 100 Jahren Friedrich Vordemberge-Gildewart im Umfeld der Kestner Gesellschaft in Hannover kennen. Die Begegnung führte 1932 zum Ja-Wort. Ab 1938 nannte sich Leda im Amsterdamer Exil, wo sie sich taufen ließ und als Sekretärin arbeitete, Ilse Vordemberge-Leda. Archivmaterial im Museum Wiesbaden legt nahe, dass sie „geschützt durch ihre geglätteten persönlichen Unterlagen“ ihre Position unter dem Radar nutzte, um mit gefälschten Pässen Juden zur Flucht zu verhelfen.
Nach dem Tod ihres Mannes, dessen Nachlass – darunter auch seine Bibliothek – das Museum Wiesbaden beherbergt, nannte sich Ilse wieder Leda. Mit Mitte sechzig baute sie eine Villa in der Schweiz, zog 1971 dort ein, begründete die Stiftung Vordemberge-Gildewart zur Förderung junger Künstler und zu Forschungszwecken. Sie vergab bislang 41 Stipendien. Das Museum Wiesbaden widmete dem Power-Paar jüngst eine Kabinettschau.
Ausstellungsstart für die Reiterinnen ist der 22. Oktober. Unter anderem gibt es dann ein erneutes Wiedersehen mit Gabriele Münter (1877–1962), die noch bis zum 26. April in der Sonderschau „Feininger, Münter, Modersohn-Becker“ vertreten ist.
Eine megagehypte Frau – jedenfalls im Moment gehört ihr ein Aufmerksamkeitsbrocken, der selbst den monsterstarken Riesen Polyphem herausfordern würde –, grätschte völlig unerwartet von der Seitenlinie ins Museum: Weil Taylor Swifts Bildauswahl für ein Musikvideo – womöglich algorithmenbasiert – ausgerechnet auf die Ophelia von der Staffelei Wilhelm Theodor Heysers (1857–1921) fiel, erfreut das Museum eine Invasion der Swifties. Die Besucherzahlen schnellten hoch auf rund 131.000. Vergleichszahlen sind auf Nachfrage allerdings nicht zu erfahren. Laut Pressestelle veränderte sich seit dem Jahr 2000 die „Art der Aufzeichnung“.
Hundert Jahre zuvor malte Heyser die schöne Beinahe-Wasserleiche aus dem Hamlet. Doch erst 2017 glitt seine Ophelia dank der Schenkung Nees ins Museum, ist dort inzwischen ein Fetisch für junge Besucherinnen und wird im Sterben zum anbetungswürdigsten Museumsobjekt – ausgerechnet bei jenen, vor denen noch erklecklich viel Leben liegt.
Hanna Bekker vom Rath – Ermöglicherin mit Kennerschaft und Weitblick
Sie kreieren, organisieren, kuratieren: Das Museum Wiesbaden prägen Frauen wesentlich. Auch unter den Mäzenen ragt eine heraus – selbst Malerin, mutige Pionierin und Ermöglicherin: Hanna Bekker vom Rath (1893–1983). Der Einzug eines wesentlichen Teils ihrer Kunstsammlung in das Museum jährt sich 2027 zum vierzigsten Mal. 1929 gründete sie die Gesellschaft der Freunde der Kunst von Alexej von Jawlensky in Wiesbaden, 1947 das nach ihr benannte Frankfurter Kunstkabinett, welches sie Künstlerfreunden öffnete, die als „entartet“ diffamiert worden waren. Seit den 1920er Jahren war sie befreundet mit dem Chemnitzer Expressionisten und späteren Teilnehmer der documenta 1, Karl Schmidt-Rottluff: Wie viele andere war auch er ihr Gast in Hofheim. Die Kunstsammlungen Chemnitz zeigen eine üppige Auswahl seiner farbstarken Gemälde, darunter eine Taunusansicht. Taunushöhensonnenklar wird einmal mehr: das Phänomen der starken Frau hinter dem Erfolg von so manchem Mann.
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Autor:in
Dorothee Baer-Bogenschütz
