Kultur
Uwe Oberg – Der Mann am Klavier
Der Jazz-Pianist und Komponist Uwe Oberg wurde durch unterschiedliche, teils internationale Projekte über die Landesgrenzen hinaus bekannt. Seit Mitte der Achtziger lebt er in Wiesbaden, wo er sich auch abseits der Bühne für den Jazz verdient gemacht hat. Etwa durch seine langjährige Arbeit in der Kooperative New Jazz. Die Musiker-Initiative betreibt das „art.ist“ in der Wiesbadener Walkmühle, mit anspruchsvollen Konzerten, separater Bar und Proberäumen.

Mit seinen Stummfilmbegleitungen gastierte Oberg bereits in Kairo, Mazedonien und bei den Nibelungenfestspielen; immer wieder wird er vom Frankfurter Filmmuseum und dem Wiesbadener Caligari eingeladen.
Mitte August sitzt Uwe Oberg entspannt in seiner Wohnung. Aktuell arbeite er an Stücken für ein neues Solo-Programm, beschreibt er seine Hauptbeschäftigung während der Sommerpause, es soll Anfang 2026 auf die Bühne kommen. Zudem bereite er sich auf die anstehende Herbst-Tournee mit dem transatlantischen Quartett Conference Call vor. Hier ist Oberg seit 2021 aktiv und begeistert vom fantastischen Einverständnis untereinander – musikalisch wie menschlich, auf und abseits der Bühne. 2023 konnte er auf Tour das 25. Bandjubiläum mitfeiern, zudem wurden im „art.ist“ Stücke aufgenommen, die in nächster Zeit auf einem Album erscheinen sollen. Das hochkarätige Ensemble hat in seiner langen Geschichte, teils mit wechselnden Drummern, erfolgreich Schnittmengen zwischen der amerikanischen und europäischen Jazz-Ästhetik ausgelotet und dabei einen individuellen Ausdruck gefunden. Immer wieder bekommt Conference Call dafür viel Lob, von der Süddeutschen und der FAZ ebenso wie vom New Yorker Magazin Downbeat.
Ein gewisses Changieren zwischen verschiedenen Jazzspielweisen prägt seit Dekaden auch Uwe Obergs künstlerische Identität. So nannte ihn das Magazin Rondo einen „Meister der Improvisation, der europäischen Tradition ebenso wie der schwarzamerikanischen.“ Eloquent und ökonomisch wie nur wenige seiner Generation verarbeitet Obergs individuelle Stilistik Einflüsse von dies- und jenseits des Atlantiks. „Viele Musiker der europäischen Improvisations-Szene haben sich früher bewusst von amerikanischen Vorlagen und Vorbildern frei gespielt“, konstatiert Oberg, „ich habe den Jazz von dort aber immer gemocht und nie komplett aus meinem Repertoire verbannt.“
Für seine vielgestaltigen Aktivitäten wurde der Musiker 2007 mit dem Hessischen Jazzpreis ausgezeichnet. Als freiheitsliebender Avantgardist hat er mit herausragenden Protagonisten der improvisierten Musik und des Free-Jazz gespielt, darunter Paul Lovens, Evan Parker, Heinz Sauer, Subroto Roy Chaudhuri, Frank Gratkowski, Gerry Hemingway. Neben der spontanen Interaktion in Bands schätzt Oberg aber ebenso solistisches und konzeptionelles Arbeiten. Schon seit Mitte der Neunziger begleitet er, anfangs zuweilen im Duo mit Alfred Harth, künstlerisch wegweisende Stummfilme und kreiert dabei eine eigenwillige Art von ad hoc-Kommunikation mit den bewegten Bildern. „Im Gegensatz zur originalen Musik begleite ich die Bilder frei, nachdem ich sie mir vorher angeschaut habe. So lasse ich mich zwar vom Film inspirieren und überlege, was er ‚braucht‘. Trotzdem kann ich viel experimentieren. Und wenn die Bilder eine klare Aussage treffen, muss ich sie mit der Musik nicht noch akustisch illustrieren.“ Zweifellos ein ganz anderer Ansatz als der seit Jahren in Hollywood und anderswo praktizierte. Mit seinen Stummfilmbegleitungen gastierte Oberg bereits in Kairo, Mazedonien und bei den Nibelungenfestspielen; immer wieder wird er vom Frankfurter Filmmuseum und dem Wiesbadener Caligari eingeladen. Als nächstes wird er Ernst Lubitschs Carmen begleiten, zur Abwechslung mal nicht alleine, sondern mit der Sängerin und Vokal-Artistin (oder: Stimmkünstlerin) Silvia Sauer.
1962 in Offenbach geboren, wuchs Uwe Oberg in Obertshausen und Bad Soden-Neuenhain auf. Als er in die erste Grundschulklasse ging, kauften seine Eltern ein Klavier. Seine Mutter war damals Balletttänzerin und sang im Kirchenchor, bis zum Stimmbruch hat auch der junge Uwe dort mitgesungen. Im Zuge der pubertären Rebellion suchte er jedoch eigene Wege: „es war einfach cooler, Gitarre oder auch mal Bass zu spielen.“ Angestiftet durch seinen „letzten“ Klavierlehrer stürzte er sich mit vierzehn Jahren auf Spielweisen von Boogie und Ragtime; elektrisiert von Piano-Altmeister Oscar Peterson, den er im Fernsehen und auf der Bühne der Jahrhunderthalle sehen konnte, verfiel er endgültig dem Jazz.
Im Alter von 22 Jahren zog Oberg nach Wiesbaden. „Hier war es möglich, abends tolle Musiker live zu hören und mit ihnen zu jammen.“ Er gründete sein erstes Trio, mit dem er eigene Stücke und unkonventionell interpretierte Covers präsentierte, außerdem erkundete er zunehmend intensiver das weite Feld der improvisierten Musik. Statt sich an der Hochschule über Formalien zu ärgern, engagierte sich Oberg zudem in der 1979 von Musikern gegründeten Kooperative New Jazz, deren Vorsitzender er zurzeit ist. Damals verfügte die Kooperative noch über einen festen Spielort in der Friedrichstraße, der auch schon „art.ist“ hieß. Später musste sie dort ausziehen und gastierte mit ihren experimentierfreudigen Konzerten an wechselnden Orten. Zwischenzeitlich veranstaltete Oberg mit Raimund Knösche (auch bekannt als „Jazzarchitekt“) das stilistisch weit offene Just Music-Festival. 2022 wurde die Kooperative, unterstützt von der Stadt Wiesbaden, mit dem „art.ist“ in der Walkmühle heimisch. „Seinerzeit war es bei einem gewissen Publikum angesagt, zu Freejazz-Konzerten zu gehen, weil damit eine politische Aussage verbunden war“, erinnert sich Oberg. „Heute gehört freie Improvisation eher zum guten Ton, als dass sie noch die subversive Kraft und Bedeutung von damals hätte.“ Gleichwohl war auch Oberg selbst weniger von politischen als vielmehr ästhetischen Aspekten bewegt und strebte danach, eine eigene Klangsprache zu entwickeln. „Wer mit freier Improvisation in die Öffentlichkeit geht, kann auch heute noch polarisieren. Das stört mich nicht, ist aber für sich genommen auch kein Antrieb.“
Dass Uwe Oberg neben der freien und strukturierten Improvisation auch ein Faible für Ikonen der amerikanischen Jazzgeschichte pflegt, widerspricht sich aus seiner Perspektive nicht. Für seine Solo-Programme hat er sich bislang von so unterschiedlichen Künstlertypen wie Duke Ellington, Thelonious Monk und Carla Bley und ihren Werken inspirieren lassen. Dabei legt Oberg Wert darauf, die Vorlagen nicht einfach nur zu adaptieren. „Die Stücke sind interessant, aber natürlich kommt es letztlich darauf an, was man draus macht. Ich möchte die Originale umbauen, vielleicht auch komplett dekonstruieren, auf jeden Fall bestimmte Teile davon verrücken. Und sie so zu meinen eigenen machen.“ Aus unterschiedlichen Quellen zu schöpfen, um letztlich frei von stilistischen Begrenzungen etwas Persönliches zu kreieren, ist für Oberg essentiell, Etiketten zur Einordnung von Musik findet er – wie viele andere Musikerinnen und Musiker gleich welcher Generation – obsolet: sie taugten allenfalls für die Vermarktung. Je nach Stimmung spiele er heute alles, manches davon aber nur für sich zuhause. Erst vergleichsweise spät habe er Beethoven-Sonaten für sich entdeckt, grinst der Pianist, der europäische Barockmusik inzwischen ebenso schätzt wie den Jazz-Vordenker Cecil Taylor: „die Verwobenheit der Stimmen bei Bach wirkt auf mich wie ein Rausch.“
Dass Uwe Oberg bis heute immer noch in Wiesbaden lebt, mag auch an seinen Konzertreisen liegen, die ihn immer wieder woanders hin bringen. Tatsächlich tritt der Pianist häufiger auswärts als in seiner Heimat auf. Unabhängig davon mag Oberg das Leben in der Landeshauptstadt, ihre Kultur und Kneipen, die vergleichsweise kurzen, Fahrrad-tauglichen Wege. Natürlich sei er auch gerne in einer leeren Natur, dort leben wolle er aber nicht. Immerhin: aus seiner Wohnung in der 5. Etage kann er bis in den Taunus schauen. „Das gefällt mir, da kann ich ab und zu absichtslos irgendwo hin glotzen, das macht eine schöne Leere im Kopf. Denn eigentlich denke ich ständig an Musik. Und wenn gerade kein Klavier in der Nähe ist, schreibe ich meine Einfälle auf und schaue später, was sich daraus machen lässt.“
Ziemlich sicher habe sich sein Spiel über die Jahre verändert, sinniert Oberg. „Vielleicht ist es nicht mehr so wild und extrem wie früher. Aber unabhängig davon gibt es heute sicher mehr Facetten darin zu entdecken.“ Je nach dem, mit wem er spiele, kämen diese oder jene Aspekte mehr zum Vorschein. Und in Solokonzerten suche er „nach Schnittkanten, entlang derer ich von beispielsweise einem Monk-Stück zu einer meiner Kompositionen kommen kann. Mich interessieren die Strukturen, die innerhalb von Kompositionen und Improvisationen entstehen. Welche Formen, welche Klangfarben lassen sich erzeugen, um mit ihnen eine eigene Ästhetik zu kultivieren.“ Ganz und garnicht sieht sich Oberg im viel zitierten künstlerischen Elfenbeinturm. „Ich spiele für die Menschen, das ist mir ganz wichtig. Und ich habe es aufgegeben mir vorzunehmen, mal besonders schön oder mal extrem sperrig zu agieren. Es geht im Moment des Spielens darum, das Unerklärliche zuzulassen, wodurch etwas Magisches entstehen kann.“
Kommende Termine von Uwe Oberg in Wiesbaden und Frankfurt:
19.11. art.ist Wiesbaden: Conference Call
17.1.26 Steinway-Haus, Frankfurt: Oberg plays Ellington
23.1.26 art.ist Wiesbaden: Uwe Oberg solo
Anzeige
Autor:in
Norbert Krampf
