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Petticoat, Rock’n’Roll und Brühwürstchen

Braucht es ein neues Wirtschaftswunder? Wiesbaden hat schon eins! Und was für eins: Jedes Jahr im Sommer gibt‘s das „Café Wirtschaftswunder“ auf dem Lehrplatz. Dabei geht’s allerdings nicht um Wachstum, sondern um die schönen Dinge der 1950er: Swing, Rock’n’Roll und ein Miteinander in der Nachbarschaft.

Janine Seitz 9. Apr. 2025 5 Min. Lesezeit
Petticoat, Rock’n’Roll und Brühwürstchen
Ein Fest für das Viertel Nicht-kommerziell kann das Ganze auch vor allem dadurch sein, weil es vom Ortsbeirat Mitte und im Rahmen der Kulturtage im Bergkirchenviertel vom Kulturamt finanziell gefördert wird.

Braucht es ein neues Wirtschaftswunder? Wiesbaden hat schon eins! Und was für eins: Jedes Jahr im Sommer gibt‘s das „Café Wirtschaftswunder“ auf dem Lehrplatz. Dabei geht’s allerdings nicht um Wachstum, sondern um die schönen Dinge der 1950er: Swing, Rock’n’Roll und ein Miteinander in der Nachbarschaft.

„Wo finde ich denn das Café Wirtschaftswunder?“ – ist eine wiederkehrende Frage, die auch dieses Jahr am 14. Juni im Wiesbadener Bergkirchenviertel kursieren wird. Mit einem Schmunzeln auf den Lippen berichten die Macher*innen des eintägigen Fests, dass vor allem Gäste von außerhalb nach einem klassischen Café in einem Gebäude suchen – und eigentlich schon fast mitten im Geschehen sind. Denn das Café Wirtschaftswunder findet auf dem Lehrplatz statt, gegenüber der Anton-Gruner-Schule in der Lehrstraße, auf einer mit Platanenbäumen begrünten Fläche mit Blick über die Dächer Wiesbadens ins Nerotal und auf die russisch-orthodoxe Kirche. Zwar als Quartiersplatz entwickelt, erwacht er eigentlich nur einmal im Jahr aus dem Dornröschenschlaf, nämlich zum Café Wirtschaftswunder. Bislang zumindest.

Beschwingte und entspannte Atmosphäre

Bereits zum 9. Mal findet das Fest statt, ab nachmittags um 15 Uhr darf das Tanzbein zu Livemusik der Genres Swing und Rockabilly geschwungen werden. Es gibt Kaffee und (selbstgebackenen) Kuchen, kühle Getränke und heiße Brühwürstchen mit Brot. Im Schatten der Platanen lässt es sich auf den Bierbänken gut aushalten, jede*r findet ein Plätzchen, man rutscht zusammen; oder der Nachbar bringt einfach mal noch ein paar Gartenstühle vorbei. Manchmal weht der Wind ein paar Geräusche aus der Stadt herauf – dann wird klar, dass auf der Wilhelmstraße auch das Theatrium stattfindet. Aber das ist eine andere Welt. „Tatsächlich ist die Schnittmenge in Sachen Publikum gering“, so Volker Bartl, ein Mitglied des dreiköpfigen Musikkollektivs QuerTone, das für die Veranstaltung verantwortlich ist. „Unsere Gäste kommen aus Hessen und Rheinland-Pfalz, Frankfurt und Mainz, selbst aus Berlin waren schon welche da“, ergänzt Sabine Rößler. Natürlich haben auch die Musiker*innen eine gewisse Anziehungskraft – die Swing- und Rockabilly-Szene ist klein und man kennt sich untereinander. „Wir achten darauf, auch immer eine lokale Band dabei zu haben“, erklärt Barbara Rößler die Auswahl der Musiker*innen.

Wie aus einer Schnapsidee ein Wunder wurde

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Das Café Wirtschaftswunder sei bewusst nicht-kommerziell – und bildet somit einen Kontrapunkt zum Theatrium. Dass die Festivitäten aufs gleiche Wochenende fallen, hat sich mehr oder weniger so ergeben. Denn das Café Wirtschaftswunder bildet den krönenden Abschluss der alljährlichen Kulturtage im Bergkirchenviertel. Angefangen hat das Ganze mit einer „Schnapsidee“. Volker Bartl erinnert sich: „Ich hatte die ganzen 50er-Jahre-Wirtschaftswunder-Schallplatten von meinen Eltern und wollte diese auch mal vor Publikum spielen“. Gesagt, getan: So fand das erste Café Wirtschaftswunder „einfach nur als DJ-Set und einer Band“ noch in der Oberen Webergasse vor den Türen der legendären Wingert Vinothek des leider viel zu früh verstorbenen Holger Schwedler statt. Ab 2016 erfolgte „der Aufstieg“ auf den Lehrplatz, der ein Jahr zuvor von einem Parkplatz in einen Quartiersplatz verwandelt und als neuer Ort für Kultur eröffnet wurde.

Ein Fest für das Viertel

Nicht-kommerziell kann das Ganze auch vor allem dadurch sein, weil es vom Ortsbeirat Mitte und im Rahmen der Kulturtage im Bergkirchenviertel vom Kulturamt finanziell gefördert wird. Ziel ist es, ein möglichst niederschwelliges Angebot zu schaffen, das allen offensteht. Eintritt zu verlangen, ist für die drei kein Thema. Sie haben auch keine Ambitionen zu expandieren. „Am Anfang waren es so 40 bis 50 Leute, nun sind wir bei circa 250“, resümiert Barbara Rößler. Der Platz alleine begrenze ja schon – und das sei auch gut so.

Es soll vor allem auch ein Fest für das Viertel sein. Sabine Rößler stolz dazu: „Wir haben einfach konkurrenzlose Preise, weil wir nur oder rein kostendeckend arbeiten.“ So verbringen nicht nur Familien mit ihren Kindern aus dem Viertel und Anrainer*innen des Platzes den Tag dort, sondern auch „die Gewerbetreibenden aus der Nerostraße kommen nach Feierabend zu uns rüber“, ergänzt Volker Bartl. Das Ganze funktioniert vor allem durch die zahlreichen helfenden Hände: Das ehrenamtliche Team besteht aus zehn Personen, aber auch die Nachbar*innen springen unterstützend zur Seite. „Es ist ein Geben und Nehmen, man nimmt aufeinander Rücksicht. So bat uns z.B. der Pfarrer der Bergkirche mal, zwischen 15 und 16 Uhr nicht so laute Musik zu spielen, weil er da eine Trauung hatte. Natürlich haben wir ‚Na klar!‘ gesagt. Und danach kam das Brautpaar noch zu uns, hat ein Paar Brezeln gegessen und Fotos gemacht. Das ist eine schöne Episode, die das gut beschreibt“, erinnert sich Volker Bartl.

Ein Kraftakt, der es wert ist

Warum sie das alles machen? „Diese Frage stellen wir uns auch immer wieder. Wir haben ja alle bürgerliche Jobs“, so Barbara Rößler. Es sei jedes Jahr ein Kraftakt und auch die Bürokratie habe zugenommen. Das reicht von der Organisation des Bierwagens, über das Aufstellen von Toiletten bis hin zum Aufbau der Bühne und Technik. Während der Veranstaltung ist man natürlich unter Strom, dass alles reibungslos läuft und sich alle wohlfühlen. So käme der eigene Spaß mittlerweile ein bisschen zu kurz. „Das ist der Preis des Erfolgs“, bringt es Volker Bartl nüchtern auf den Punkt. Doch am Ende des Abends sind alle müde, aber glücklich – und sich einig: Das war es wert!

Miteinander in die Zukunft

So wird mit Sicherheit auch das 10. Café Wirtschaftswunder 2026 auf dem Lehrplatz gefeiert werden. Sabine Rößler gibt einen Ausblick: „An uns wurde vom Ortsbeirat die Idee herangetragen, dass das Café Wirtschaftswunder zum 10. Jubiläum zweitägig werden könnte. Wenn die Infrastruktur vorhanden ist, können wir uns das durchaus vorstellen.“ Die Voraussetzungen sind gut: Die Stadt plant bereits für dieses Jahr, dem Lehrplatz mehr Aufmerksamkeit zu schenken, ihn mit Bühne und Gastro-Container auszustatten und mit kleineren Veranstaltungen zu beleben. Das Wichtigste für die Macher*innen des Café Wirtschaftswunder ist die positive Rückmeldung von den Leuten: „Davon leben wir und dafür machen wir’s!“

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Autor:in

Janine Seitz