Kunst
Parkraum für Fahrtraum!
Expressis verbis – Die feuilleton-Kolumne von Dorothee Baer-BogenschützEn passant gerade einen 1937 Ford Sedan erworben. Petrolfarben, ladenneu. Für eine Handvoll Euro. Dutyfree! Der Oldtimer stand ganz unwiderstehlich am Flughafen herum. Neben Parfümtester und Barbie-Puppen. Jetzt steht der Matchbox-Impulskauf in der Wohnung als Staubfänger.

„The Explorer‘s Road“ nennt sich eine 500-Kilometer-Route durch das historische, szenische und kulturelle Herz Englands, die man natürlich auch mit einem E-Auto abfahren kann, doch der Oldtimer macht mehr Spaß.
En passant gerade einen 1937 Ford Sedan erworben. Petrolfarben, ladenneu. Für eine Handvoll Euro. Dutyfree! Der Oldtimer stand ganz unwiderstehlich am Flughafen herum. Neben Parfümtester und Barbie-Puppen. Jetzt steht der Matchbox-Impulskauf in der Wohnung als Staubfänger.
Reinhard Ernst macht es ganz anders. Er parkt seinen Schatz neben Meisterwerken der
Malerei. In seinem Museum für abstrakte (!) Kunst teilte der pfiffige Auto-Aficionado einen
zweistöckigen Raum ab für ein gegenständliches Kunstwerk: seinen Ferrari F40, den
Supersportwagen schlechthin. Acht Zylinder, mehr als 320 Kilometer pro Stunde, heute eine
halbe Million Euro wert. Nur handverlesene Kunden durften das Prachtstück, das nur knapp fünf
Jahre lang gebaut wurde, seinerzeit erstehen.
So ein Stück verdient einen besonderen Carport. Karl-Martin Hartmann schuf für die Trophäe
eine kunstvolle Garage. Kunstbox statt Matchbox. Nein, einen Schrein entwarf der Wiesbadener für den F40. Mit Laub aus Glas, wie fein ist das! Die „automobile Feier“ findet statt in „fragil-
gläserner Natur-Szenerie“, so der Begleittext. „Der Marienkäfer, die Unschuld und die Autos“ nennt Hartmann seine vielschichtige Hülle: ein bisschen Sarg, ein bisschen Tiffany. Der Titel
erinnert an Fassbinders „Der Müll, die Stadt und der Tod“. Zufall? Unklar bleibt, was der
Marienkäfer bedeutet. Dass Verbrenner die Artenvielfalt bedrohen?
Neben Malerei sammelt Ernst tolle Schlitten. Wie viele er aktuell wohl besitzt? Das betreffe
Ernsts Privatleben, heißt es auf Anfrage, was verwunderlich ist, wo er doch ein Auto ostentativ
ins Museum stellt. Ja, sollte ihm wirklich nicht klar sein, dass er mit der Zurschaustellung im
Kunstkontext das Gegenteil signalisiert, nämlich das Private öffentlich machen zu wollen?
Unterdessen erklärt er die Präsentation des F40 umwegreich. Kinder, glaubt er, könnten von
dem Flitzer so geflasht sein, dass sie ihre Eltern für einen (gemeinsamen) Museumsbesuch
begeistern. Dazu muss man wissen, dass morgens nur Kinder Zugang haben – nebst Lehrern,
logisch. Denn Kids sind da ja normalerweise in der Schule. Will das mre also Aufsichtspersonal
einsparen und öffnet deshalb erst mittags für alle? Das Kapitel Öffnungszeiten ist zumindest
sonderbar. Zurück zum F40: Da muss sich Ernst doch nicht legitimieren! Er kann einfach sagen:
Ich liebe Ferrari wie Frankenthaler. Ironie der Geschichte: Wo sich unschuldsweiß das
Privatmuseum erhebt, stand früher ein Parkhaus.
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Ach, wie schön ist Autofahren. In das Jahr 2024 fallen einige produktionshistorische Jubiläen.
125 Jahre Autobau feiert der Rüsselsheimer Autohersteller Opel, und 60 Jahre ist es her, dass
Opel das erste Design-Studio Europas eröffnete nach dem Vorbild des Detroiter Mutterkonzerns
General Motors (GM), um am „Opel-Style“ zu feilen. Der VW-Golf läuft nunmehr seit einem
halben Jahrhundert vom Band, fast 40 Millionen Exemplare wurden insgesamt abgesetzt. Und
bald sitzen wir ja alle wieder – jeder Radiosender wird erneut Chris Reas Renner spielen –,
voller Vorfreude auf einem Beifahrersitz in Gedanken: wenn nämlich „Driving home for
Christmas“ erklingt – Endstation Weihnachtsmann. Dabei gibt’s von Rea auch ein herrliches
Sportwagenlied, das man/Frau/girl aber leider nie hört. Weil es verpönt ist, Autofahren in den
höchsten Tönen zu besingen, wenn auch Lastenräder bereit stehen? Reas „Girl in a Sports Car“
beschwört, was sonst, die unbekümmert flotten autofreundlichen Sixties: „It‘s the girl in the
sports car nineteen sixty one“.
Hatte Rea vielleicht den Jaguar E-Type im Sinn, den 1961 in Genf vorgestellten Sportwagen-
Abkömmling des Rennwagens Jaguar T-Type? Schon zweimal erhielt der E-Type den deutschen Motor Klassik Award. Doch man muss auch wissen: Viel Armarbeit ist vonnöten. Wer nur Servolenkungen kennt, staunt darüber nicht schlecht. Good morning, UK: Heute Morgen in England gelandet und jetzt mit einem der ultra stylischen Vehikel von Northumbria Classic Car hier unterwegs: „Drive your dream“. Wer uns spätestens an dieser Stelle den ökologischen Reifenabdruck um die Ohren hauen möchte, bitte nicht weiterlesen! Nicht, dass einer Raubkatze – auch einen Jaguar MK2 Saloon kann man ausleihen –, oder einem eleganten Wildpferd – wie wär’s mit einem Ford Mustang Convertible – noch ein Haar gekrümmt wird auf der bevorstehenden Entdeckerfahrt.
„The Explorer‘s Road“ nennt sich eine 500-Kilometer-Route durch das historische, szenische
und kulturelle Herz Englands, die man natürlich auch mit einem E-Auto abfahren kann, doch der
Oldtimer macht mehr Spaß. In Hotels wie THE FALCON in Uppingham, die den Charme der
1937 Ford Sedan-Tage konservieren, steigt ab, wer ein solches Gefährt fährt. Man besucht
Schlösser wie Oakham Castle mit seiner spektakulären Sammlung von Gegenständen, die vor
der Erfindung des Automobils Pferdestärken beförderten: Hufeisen, oder Anwesen wie
„Burghley“: „England‘s Greatest Elizabethan House“ mit seinen einzigartigen Parkanlagen vom
Landschafts-Stararchitekten Lancelot „Capability“ Brown, und nimmt stilsicher seinen Tee.
Weiter geht es zum Thoresby Hall Hotel nahe Robin Hoods Sherwood Forest. Thoresby wurde
vom viktorianischen Architekten Anthony Salvin mitten in Englands literarisch durchforstete
Natur gepflanzt und ist erst seit knapp 25 Jahren offen für alle. It‘s amazing. Man landet auf der
Explorer’s Road in schmucken Städten wie York – mit ihrer herausragenden Kathedrale – und
schrägen Herbergen wie dem South Causey Inn, wo ein Trödelladen und Wiederverwertung aus
Prinzip zum Geschäftsmodell gehören. Die Zimmereinrichtung ist daher besonders schräg.
In Kunstkreisen gilt Autoliebe als schräg. Ernst aber schämt sich nicht, wieso auch. Andernorts
wird das Auto Metapher. In der Ausstellung „Grand Hotel” von Ydessa Hendeles, einziges Kind
von Auschwitz-Überlebenden, spielt ein elfenbeinfarbener VW-Käfer, zugelassen in Ontario,
eine Hauptrolle. Die in Marburg geborene Künstlerin und Galeristin, die in Kanada zuhause ist, sieht ihren Beitrag zum Rahmenprogramm der diesjährigen Kunstbiennale in Venedig als „Post-
Holocaust-Dokument“. Auf der Art Basel wurde im Juni ein von Christo verpackter Käfer angeboten: für vier Millionen Dollar. Einen grasgrünen ohne Räder schleuste vor 30 Jahren Peter Weibel als Denkobjekt in die Kunstszene. Malewitsch bezog vor 100 Jahren seinen Suprematismus auch auf das Automobil, während die Futuristen es im Jahr 1909 gar schöner fanden als die Nike von Samothrake. Tempi passati!
Ein sperriger Künstler – HA Schult – fror 1989 in „Frozen Time“ gleichsam die Marke Ford ein.
2007 initiierte der Aktionskünstler den ÖkoGlobe als internationalen Umweltpreis für die
Automobilindustrie. „Wie anders wäre Goethes Italienreise verlaufen in einem Ford!“, fragte der
Künstler und schwärmte sicherlich im Sinne von Ernst: „Ein Ferrari ist ein Kunstwerk und ein
Monument unserer Zeit... Sein Klang ist die Musik der Straße.“ Nur, so HA Schult, würde er
heute nicht mehr fürs Fahren gebaut: „Besser, man stellt ihn ins Wohnzimmer, da rostet er nicht
und überlebt die Autobahn.“ Genauso hat’s Reinhard Ernst nun gemacht. Und wenn sein
Museumsgastronom schlau wäre, würde er Cocktails mixen mit Namen wie „Tschitti Tschitti
Bäng Bäng“ oder „Mendocino“ oder „Trucker Babes“ oder „Magnum“: nach Tom Selleck, the one
and only, der in den 1980ern als Privatdetektiv Verbrecher auf Hawaii jagt und sie alle kriegt:
dank eines Ferrari 308.
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