Kunst
Nur Verletzte machen Kunst
Initium et Finis – die Wunderkammer des Matthias Korb

Und so hat sich der Künstler eine eigene Welt erschaffen, in der der tickende Zeiger der Uhr nicht nur angehalten wurde, sondern als rostiges Relikt in der Ecke liegt, umringt von Federn, Knochen und Muscheln.
Krähe, wunderliches Tier
Willst mich nicht verlassen?
Meinst wohl, bald als Beute hier
Meinen Leib zu fassen?
Wilhelm Müller
Initium et Finis – die Wunderkammer des Matthias Korb
Schwarz und kalt schaut es mich an, das Auge der Krähe. Unergründlich der Blick, kein Widerhall findet sich da von der irren Welt da draußen mit ihrem Treiben.
Wer weiß, vielleicht ist ja der Vogel dort am Eingang der alten Scheune in seinem matten schwarzen Federkleid der letzte Gruß der wirklichen Welt? Oder doch eher der Vorbote eines Reichs, von dem es kein Zurück mehr gibt?
Arglos trete ich ein in die Welt von Matthias Korb.
Ein bisschen wie Orpheus in der Unterwelt....
Doch hier umfängt mich eher Düsternis als Dunkelheit. Eine Düsternis, die nichts mit dem Mangel an Licht zu tun hat. Das hier, das ist existenzieller. Tief drin warnt eine Stimme: Vorsicht! Hier drohen Chaos, gefährliche Geheimnisse, Schmerz und Untergang!
Wer Ordnung liebt, Helligkeit, Eindeutigkeit und überhaupt – klare Verhältnisse, der sollte jetzt noch umdrehen. Nichts wie raus, zurück, zurück, an dem komischen schwarzen Vogel vorbei ans Tageslicht, ins Leben.
Doch lasst uns mutig sein! Die Suchenden, die Fragenden, jene, die eine Reise nach innen nicht scheuen, sollen ja angeblich belohnt werden: auf sie wartet ein Untergang, der zum Übergang werden könnte.
Und das ausgerechnet in einer Scheune in der Provinz? Auf einem Hof im rheinland-pfälzischen Lohrheim, wo sicherlich manch ein Schuppen Geheimnisse von gestern birgt?
Für etliche Dorfbewohner mag das, was Matthias Korb „Wunderkammer der Humanität“ nennt, tatsächlich wahlweise Rumpelkammer, Geisterbahn, Schrottplatz, Vorhölle oder schlicht der Wahnsinn sein.
Während rings um das Anwesen brave Vorgärten und saubere Fassaden bürgerliche Tugenden wie Anstand, Ordnung und Sauberkeit propagieren, regiert hinter dem alten Hoftor der Abgrund. Einmal eingetreten melden die Sinne nahezu übergangslos: Gefahr! Angst! Totalüberforderung!
Vergebens sucht das Auge nach Orientierung, Maß und System. Zu viel, zu dicht, zu intensiv, zu verwoben, zu irrational! Stumm und überwältigt sehe ich mich gefangen in einer absurd fremden Welt, die in sich dennoch vollkommen stimmig scheint.
Stacheldraht, Rost, Kerzen, Puppenköpfe, alte Truhen, Kreuze, Reliquien, Nägel, ledergebundene Bibeln, Vogelnester, Holzkästen, Totenmasken, Teile von Maschinen, Käfer, Geweihe, Eisenteile, Kandelaber, Tierpräparate, Drahtkäfige, Knochen, Steine, Blätter, Blüten, verrostetes Werkzeug, Schneckenhäuser Rosenkränze....
Eine sinnlose Ansammlung, ein wirres Durcheinander von Gerümpel? Nur auf den ersten Blick. Allmählich formt sich das Ganze, Zusammenhänge bilden sich, eine gestaltende Hand wird spürbar, die sorgsam arrangiert und komponiert hat. Diese irrwitzige Anhäufung von Dingen scheint einem geheimen Plan zu folgen! Hermetisch in sich geschlossen macht diese Welt Front gegen Eindringlinge, die es wagen, ihren ewigen Traum zu stören.
Nicht der Verstand ist es, der mich zögernd Zusammenhänge sehen und verstehen lässt. Eher scheint es, als sei das Bewusstsein ausgelöscht und tief drin, in der Seele, werde eine kleine Kerze entzündet.
Eine Kerze, die Licht und Schatten wirft auf das Seelenleben eines Künstlers, der hier das Unsagbare zu einer Art Gesamtkunstwerk geformt hat. Allmählich erschließen sich Bilder und Inseln der Bedeutung: ein Puppenkopf, der im intensiven Austausch steht mit dem Unterkiefer eines Rehs, während ein ausgestopfter Igel die Szenerie stumm betrachtet.
Und dort, wie ein Bühnenbild für ein Drama von Shakespeare: ein Totenschädel starrt stumm auf einen Tuffstein, während schwebende Schmetterlingslarven schwerelos vom Werden und Vergehen künden.
Wie im Traum steige ich allmählich empor in der alten Scheune, Räume öffnen sich ineinander, alle Ecken und Nischen bis zum Bersten gefüllt, Wände, Decken, der Boden bedeckt mit immer neuen Assemblagen, Collagen, Objekten, unendliche Fülle – ein gigantischer Kult des Objekts.
Oft haben die Arrangements etwas Schreinartiges, Altäre des Abseitigen, die mit der Überhöhung spielen und das Profane zur Reliquie erheben.
Im Vorbeigehen winzige Medizinfläschchen, in denen embryonale Minipuppen kauern, eine Gasmaske schreit nach Luft oder Beachtung, die leeren Augenhöhlen eines Puppenkopfs verfolgen einen wie tote Scheinwerfer. Überhaupt, hier scheinen die Dinge „zurückzublicken“, immer wieder fühle ich mich seltsam beobachtet und ahne, dass die Objekte über uns lachen, sobald wir sie hinter uns gelassen haben. Geheimes Wissen offenbar: Sie bleiben, wir gehen....
Flackerndes Licht um einen gläsernen Sarkophag, der eine Katzenmumie birgt. Gelegentlich fällt ein wenig Licht durch ein blindes altes Fenster, Spinnweben zittern im Luftzug, ein ganzer Vorhang aus Rosenkränzen erbebt, ein Mädchenlächeln auf einem vergilbten Foto, das Gesicht durchkreuzt von martialischem Stacheldraht. Vanitas-Stillleben allesamt, Verweise auf die Hinfälligkeit allen Seins.
Unendlich abgründig ist das alles, morbid, melancholisch, sakral und gewiss auch ein wenig todessehnsüchtig. Und gleichzeitig unendlich romantisch, empfindsam und schön.
Schön vielleicht auch deshalb, weil all dies sich so konsequent dem Nutzen, dem Sinn verweigert und doch eine klare Botschaft hat: sieh her, ich bin bewahrt für die Ewigkeit und habe meinen Platz gefunden.
Ganz allmählich dämmert es mir ; hier geht’s einer empfindsamen Seele offensichtlich um die ganz großen Dinge; um Leben und Tod, um Glaube, Liebe, Sinn und Sinnlichkeit.
Themen also, die sich so gar nicht vertragen mit jener Welt jenseits des alten Scheunentors. Zeitlose Fragen, verhandelbar nur in einem geschützten Raum, in dem Verstand, Vernunft und Rationalität keine Wirkkraft haben.
Und so hat sich der Künstler eine eigene Welt erschaffen, in der der tickende Zeiger der Uhr nicht nur angehalten wurde, sondern als rostiges Relikt in der Ecke liegt, umringt von Federn, Knochen und Muscheln. Versiegelt für die Ewigkeit.
Eine Welt im Dornröschenschlaf, aus der Zeit gefallen und voller Sehnsucht nach einer imaginierten Vergangenheit, als die Welt und ihre Dinge scheinbar noch von einer inneren Ordnung und einem geheimen Sinn zusammengehalten wurden.
Anzeige
Ist das nun Nostalgie? Schon auch, doch zugleich ist das ein viel zu schwaches Wort, um die tiefe Melancholie zu beschreiben, die diesem Gesamtkunstwerk seine Aura gibt. Man ahnt: es geht um mehr, es geht um Alles.
Was vor wenigen Jahren in der Scheune als Materialfundus begann, hat sich längst zum Gesamtkunstwerk entwickelt. Es ist die Erschaffung eines Lebensraums, der einerseits Panzer ist gegen die Welt, andererseits aber auch ihr Abbild - verdichtet auf das Wesentliche: die Schönheit, den Schrecken und den Tod.
Der Künstler hinter all dem
„Wunderkammer der Humanität“ nennt Matthias Korb sein gewaltiges Werk und tatsächlich hat seine Sammlung viel von den Wunderkammern vergangener Zeiten.
Bevor Artefakte und Kunst in Museen ihren Platz fanden, waren es die fürstlichen Kammern, die Sonderliches aus aller Welt zusammenführten: Korallen, Tierhörner und -skelette, Riesenschnecken, Herbarien, Schmetterlinge, Landkarten und Tiere aus fernen Ländern neben Handwerkskunst, Goldschmiedearbeiten und Porzellan. Was staunenswert, fremd und damit wertvoll war, fand sich vereint in jenen Renaissance-Kammern. Den Betrachter erwarteten Begegnungen mit wahren „Wundern“, nie Gesehenem, Fragilem, Gewachsenem, Geschaffenem, Gesammeltem und Geordnetem in vielfältig wunderlichen Formen.
Doch das Zeitalter des Staunens, wir haben es längst verlassen. Nahezu alles ist erklärt, erschlossen, entdeckt, verbucht. Globalisierung und Google haben ganze Arbeit geleistet. Was lässt uns noch staunen? Wann erleben wir noch Verwunderung?
Fragen, die sich Matthias Korb schon früh zu stellen beginnt. Nach eigenen Aussagen geboren in eine Welt voller Hässlichkeit (siebziger Jahre im Raum Frankfurt) entdeckt er schon als Jugendlicher die Schönheit und die Qualität alter Dinge. Inspiration gibt ihm die Lektüre von Hermann Hesse, Fernando Pessoa und Anne Sexton. Einflüsse, die offenbar auf eine sensible Seele und somit auf fruchtbaren Boden fallen. Das Interesse am Besonderen, Extremen, an der Ästhetik des Abgrunds ist geweckt. Matthias Korb verschlingt Bücher und beginnt, sich selbst sein Inneres von der Seele zu schreiben – Briefe, Aufzeichnungen, Tagebuch. Etwas will raus. „Nur Verletzte machen Kunst“ - ein Satz, nebenbei gesprochen, der tief blicken lässt.
Die Magie der Dinge nimmt ihn mehr und mehr gefangen. Er beginnt zu sammeln und mit den Objekten künstlerisch zu arbeiten. Plötzlich tun sich geheime Verbindungen auf – hat nicht alles mit allem zu tun? Steckt nicht eine Art Weltbewusstsein hinter dem allen?
Um leben zu können wird Matthias Korb Gärtner – irgendwie passend, denn in der Natur findet er noch die ersehnten Werte: Demut, Unschuld, Schönheit, Gottgefälligkeit und natürlich auch Sinnhaftigkeit.
Doch die innere Welt schreit nach äußerem Ausdruck. Er kauft das kleine Anwesen im Taunus und schafft innerhalb von zwanzig Jahren einen Lebensraum um sich, der tief hinein führt in das Seelenleben eines Suchenden.
Tag und Nacht arbeitet er wie besessen, bohrt, hämmert, malt, lötet, spachtelt, sägt, transportiert und arrangiert, sucht und findet in der Natur, auf Flohmärkten und Schrottplätzen. Dazu kommt ein nächtelanges Studium von philosophischen Texten, religiösen Traktaten, den Aufzeichnungen psychisch Kranker.
Der Preis dafür ist hoch und dennoch selbstgewählt: „ein Asozialer“ sei er, meint Matthias Korb von sich selbst.
In der Tat: Ein Leben in Gesellschaft, bürgerliche Beziehungen, Prestigeobjekte und Renommee sind seine Sache nicht. Er habe keine Angst vor gesellschaftlicher Ächtung, sagt der schmale Mann, dessen ganze Erscheinung auch seltsam aus der Zeit gefallen zu seien scheint.
Kunst ist für ihn die Versenkung in jene Bereiche seiner selbst, über die er nur so Auskunft geben kann. Eine Unio mystica von Seele und Außenwelt, sein ganz persönliches Jenseits von Gut und Böse.
„Ordnung bringen in die gigantische Wirrheit der Welt“ - was Matthias Korb sich selbst zur Aufgabe gemacht hat, zeigt sich am deutlichsten an einigen seinen großformatigen Arbeiten. Wie Schaubilder wirken die Tableaus, auf denen kleine Objekte oder Tafeln mit abstrakten Begriffen in einem komplizierten System von Drähten miteinander verbunden sind. Leitfäden des Lebens, Spinnennetze, die Beziehung schaffen, Verbindlichkeit und – vielleicht so etwas wie Halt?
Halt und Erfüllung findet Matthias Korb nur im Prozess der Schöpfung. Doch anders als etliche Kollegen scheint Korb erfrischend frei von jeglicher künstlerischer Eitelkeit.
Es gehe ihm nicht um Gefallen und Anerkennung, sondern darum, sich den eigenen Dämonen zu stellen, mit denen man lebt. All dies sei der Versuch, Frieden zu schließen mit einer Welt in Unordnung und den Wirren der menschlichen Leidenschaften. Wer wolle, könne seine Arbeiten emotional „begreifen“ und über die Sinnlichkeit zu einer Art Erkenntnis kommen.
Welcher Art aber könnte diese Erkenntnis sein? Irgendwann beim Rundgang treppauf, treppab die Ahnung, dass sich hinter diesern immensen Vielfalt möglicherweise eine grundlegende Einheit verbirgt. Vielleicht läuft ja alles auf das Thema „Vergänglichkeit“ hinaus, jene Vergeblichkeit allen Tuns also, mit der Künstler und Sammler seit jeher im Kampf liegen.
Bewahren und vergehen – all das hier atmet diesen Widerspruch und ergreift unerbittlich auch mich als Besucherin.
Wie ferngesteuert drohe ich mich allmählich zu verlieren in dieser Schattenwelt voller Sehnsüchte. Wo mag diese Zeitreise, dieser Trip mit alptraumhaften Zügen enden?
Ein letzter Raum, und da scheinen buchstäblich alle Fäden zusammen zu laufen. Wie in einem gigantischen Spinnennetz enden hier tausende Drähte und Kupferkabel in verrosteten Spulen und Kondensatoren.
Flackernde Lichtpunkte beleuchten auf dem Boden schwere Eisenketten, auch sie akribisch sternförmig angeordnet. Alles ist mit allem verbunden, ein geheimer Schaltplan scheint hier zu walten und Ordnung zu schaffen im Chaos der Welt. Das Zentrum der Macht? Der Maschinenraum desr Wahnsinns? Jeden Moment könnten all diese Gerätschaften funkensprühend anspringen und einen großen Gedanken gebären...
Mehr als ein Jahr hat Matthias Korb an dieser rostroten Vision einer Schaltzentrale gelötet, geschweißt und gehämmert. Von der Decke herab hängt ein Schild, mit großen Buchstaben steht da geschrieben: „Eintritt des Menschen in das Bewusstsein der Welt“. Ob da nicht längst alles zu spät ist?
Irgendwann, Stunden später, vielleicht auch Dekaden später, tauche ich wieder auf aus dieser verwunschenen Welt – verloren, verwirrt und verwandelt.
Am Eingang sitzt immer noch die Krähe. Und plötzlich ahne ich, wohin sie blickt.
Anzeige
Autor:in
Sabine Hampel
