Kunst
Mekka der Glaskunst
Mainz-Wiesbaden ist weltberühmt für seine Glas(kunst)produktion – wiewohl, wer hier lebt, das kaum wahrnimmt. Industrieglas vom Mainzer Global Player Schott ist eben - so begehrt wie die Kunstwerke, die die Taunussteiner Firma Derix Glasstudios im Künstlerauftrag umsetzt

Seinem Schreiben legte er Skizzen bei und kündigte an: „Diese Aufnahmen sind die Grundlage für die Vergrößerungen, ausgeführt von einer Glasfirma, welche wir für weitere technische Aufgaben auswählen werden.
Er trägt weiße Sneaker und eine helle Freizeithose zum weißen Sweatshirt mit dunkelblauer Weste – etwa farblich abgestimmt auf den Gestaltungsauftrag für den Schweriner Dom, den er in Blautöne kleidet? Dazu eine Wollmütze. In dieser Montur betritt Günther Uecker in der kalten Jahreszeit seine nicht eben mollige Werkstatt, wie er sein Düsseldorfer Atelier nennt, und schaut wieder einmal prüfend auf zum lieben Gott. Genauer: Er inspiziert seine Entwürfe für die Glasfenster, in die er sich zu dessen Lobpreis wahrhaft mit Leib und Seele vertieft hat. Begeistert hatte der Künstler – der breiten Öffentlichkeit wegen seiner charakteristischen Nagelreliefs vor allem als „Nagel-Künstler“ bekannt und seiner Anhängerschaft zudem als hochreflektierter Künstlerphilosoph mit vielen Interessen und reichem Themenspektrum - eingewilligt, vier Fenster im Querhaus des mittelalterlichen Gotteshauses in Mecklenburg-Vorpommern frei nach seinen Vorstellungen neu zu konzipieren: ein Quartett der Schwergewichte im buchstäblichen wie übertragenen Sinne.
Der Auftrag stellt für Uecker eine willkommene Herausforderung dar. Er kann seine spirituelle Seite zeigen. Er darf eintauchen in seine eigenen Glaubensgrundsätze, um für das Gebet in der Evangelisch-Lutherischen Domgemeinde ein atmosphärisch adäquates Ambiente zu schaffen, so dass hinter dem irdischen Licht eindrucksvoll das Überirdische hervorbricht und wir nach unserer Bestimmung fragen. Es ist eine fordernde Arbeit allein schon wegen der Dimensionen. Uecker ließ sich ein auf die Gestaltung von zwei zweibahnigen Fenstern und zwei dreibahnigen. Sie messen acht Meter in der Höhe und zwei beziehungsweise drei in der Breite.
Sobald er ans Werk geht, wird es ihm warm, vielleicht auch aufgrund der Eingebung von oben. Eine weiße Latzhose trägt Uecker dann gern über nacktem Oberkörper, bearbeitet auf dem Boden liegende Bildträger. Er läuft barfuß darüber, um mit blauer Farbe Bögen zu malen, die Licht evozieren und mit dem Maßwerk korrespondieren.
Zunächst entstanden für den Dom Musterscheiben. Im vergangenen November starteten dann die Bauarbeiten für die „Biblia nova pauperum“, die neue Armenbibel, wie sie die Auftraggeber in Schwerin nennen. Im Austausch mit ihnen beschrieb der Künstler in schöner Handschrift poetisch, plastisch und eindrücklich, was er tut: „die lichten Träume von tragenden Säulen am Abgrund zum Meer einschmiegend mit dem Ellbogen“.
Die originalen Buntglasfenster des Doms sind nicht erhalten; die später eingesetzten Hauptfenster von Quer- und Seitenschiffen “lassen das Licht in die gotische Kathedrale fließen, aber sie formen es nicht“, hatte Domprediger Volker Mischok schon lange erkannt und plante eine Art Reset. “Die Fenster sind zu beschreibende leere Blätter“, so Mischok. Bevor er im September 2022 in den Ruhestand trat, konnte er Ueckers Projekt “Lichtbogen“ nach jahrelanger Inkubationszeit noch Gestalt annehmen sehen.
Für Uecker indes, gelernter Anstreicher und Schreiner, der 1961 Mitglied der Künstlergruppe ZERO geworden war, der Licht und Schatten immer schon nachspürt, bedeutet das himmelwärts ausgerichtete Projekt ein Stück weit nicht zuletzt, einen Kreis zu schließen in Bezug auf ein gefühltes Heimkommen. In Mecklenburg-Vorpommern wurde er 1930 geboren, wuchs in Wendorf unweit von Schwerin und auf der Halbinsel Wustrow auf. Die DDR verließ der Ingenieurssohn mit dreiundzwanzig.
Das Band zum Schweriner Dom hält nun schon länger als ein Jahrzehnt: 2009, mit fast achtzig, bestritt Uecker in Schwerin die Ausstellung “Dialog”: Initialzündung für das aktuelle Fensterprojekt. Der Förderkreis Schweriner Dom e.V. trat damals an ihn heran und erbat von einem der gefeiertsten deutschen Künstler mit internationaler Reputation einen guten “Rat”. Überlegt wurde daraufhin gemeinsam, “was wir mit den vielen lediglich aus einfachem Glas bestehenden gotischen Fenstern machen könnten”, erinnert sich der Vereinsvorsitzende Thomas Balzer.
Domkirchengemeinde und Domförderkreis müssen rund 750 000 Euro für die Herstellung der Uecker-Fenster, die Reparatur des Mauerwerks und der Windeisen aufbringen. Bis zum Jahreswechsel hatte man rund die Hälfte des Betrags über Zuwendungen und Spenden zusammen. Jede Spende ist hoch erwünscht, ganz gleich, in welcher Höhe.
Konkret geworden war das Vorhaben 2017. Nachdem Uecker die Kirchenglocken in Rerik “gestaltet und gestiftet hatte, traf man sich im Schweriner Dom”, sagt Balzer. “2019 schickte er die Entwürfe, 2020 besuchten wir ihn in seiner Werkstatt in Düsseldorf.” Uecker habe damals “verinnerlichen“ wollen, „was der Lichteinfall zur Erhellung der Gläubigen beitragen kann”. Glaubensthemen sind ihm vertraut; mit den Friedensbotschaften im Alten Testament und mit dem Koran hat er sich befasst.
Seine Erläuterungen zu seiner Herangehensweise und dem spirituellen Hintergrund berühren zutiefst, gehen unter die Haut und zu Herzen. Der Auftrag erfüllt Uecker spürbar ganz und gar. Es sprudelt nur so aus ihm heraus, wenn er vorträgt, was er meint, wenn er malt: einen „Lichtbogen“ nämlich, „der uns ins Universum führt auf der Narbe unserer Verletzungen aus einer Quelle von Leben und seiner Gefährdung, unserer Verwundbarkeit, im Aufbegehren, im Überschreiten der Schwelle einer Endlichkeit, einer Vision aus der Tiefe unserer Herkunft, die Farbe geführt im Kreis.“ Ein ergriffenes „Amen“ möchte man unter diese Worte setzen und lange aufschauen ins Blau.
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Technische Realisierung: Derix Glasstudios
„Sehr geehrter Herr Domprediger, lieber Herr Volker Mischok”, schrieb Uecker im Februar 2021, einen „weiteren Blick“ ankündigend „auf die Folge der nun bildhaft entwickelten Fenster in dem Maßstab der realen Proportionen der gemauerten Rahmung“. Seinem Schreiben legte er Skizzen bei und kündigte an: „Diese Aufnahmen sind die Grundlage für die Vergrößerungen, ausgeführt von einer Glasfirma, welche wir für weitere technische Aufgaben auswählen werden.“ Die Wahl fiel, wenig verwunderlich, auf ein Unternehmen mit großer Erfahrung auf dem Spezialgebiet: Angefertigt wird Ueckers Fenster-Quartett nach seinen Vorstellungen vor den Toren Wiesbadens. Die Firma Derix Glasstudios in Taunusstein stellt es her; Uecker begleitet - ungeachtet seines biblischen Alters - die handwerkliche Umsetzung. Zwecks Begutachtung von sechs Mustergläsern hatte er es sich nicht einmal nehmen lassen, auf das Baugerüst zu steigen. Am 13. März feierte er seinen 93. Geburtstag. Die Derix Glasstudios, gegründet 1866, sind nicht nur weltweit bekannter Spezialist für Glaskunst, sondern erste Adresse. Die Realisierung von Gegenwartskunst oder die künstlerische Glasgestaltung im Rahmen von Kunst-am-Bau-Projekten zahlen ebenso zum Leistungsspektrum wie sakrale Glaskunst, die Restaurierung historischer Glasmalereien oder Bleiverglasungen. In enger Zusammenarbeit mit Künstlern, Architekten und Designern, die nicht nur die technische Expertise der Firma auf Derix
vertrauen lässt, werden die Glaskunstwerke produziert. Für Laien besonders spannend sind die chemischen Grundlagen. Das in der Glasmalerei als Malfarbe verwendete Schwarzlot besteht größtenteils aus oxidiertem Eisen- oder Kupferpulver sowie zerstoßenem Bleiglas als Schmelzmittel.
Kirchenfenster Quell säkularer Unterrichtung
Viele namhafte Künstler woll(t)en in die Kirche. Dass der Glaube auf Glas schwört – dessen enormer symbolischer Verweiskraft verdankt – ist das eine. Dass die Schöpferischen sich inspiriert in Glasfensteraufträge der Kirche knien, das andere. Glaskunst findet dort ihr erhabenes Anwendungsgebiet an der Grenze zum Unfassbaren. Wiewohl Kirchenfenster auch ein Quell geschichtlichen Wissens, säkularer Unterrichtung und profaner Dokumentation sein können. Aspekte der Industrialisierung, in St. James‘s gar die Feier der Eisenbahn, hielten Einzug ins Kirchenfensterbild und erinnern die Gläubigen bis heute daran, was die Menschheit mit Gottes Hilfe schon erreicht hat: In St. James‘s, der Pfarrkirche im Londoner Stadtteil Paddington, wo im Jahr 1838 erstmals die Great Western Railway hin schnaubte, erinnert im Te-Deum-Fenster eine Ansicht vom Bahnhof Paddington als östlicher Endstation der Eisenbahnlinie an jene Umbruchszeit, in der das aufregend neue Transportmittel Eisenbahn die bis dahin ländliche Gegend nördlich des Hyde Park mit Schienensträngen an die City angebunden hat. Im Kirchenfenster wird obendrein der Entdeckerdes Penicillins, Alexander Fleming, bei der Arbeit im Labor porträtiert: Er lebte und arbeitete in diesem Londoner Pfarrbezirk.
Richter, Leistikow, Lüpertz, Rauch
Während dort ungewöhnliche Sujets die Gemeinde aufblicken lassen, sind es andernorts zuerst die prominenten Namen. Gerhard Richter schlüpfte ins Gewand eines Glaskünstlers, um dem Kölner Dom ein neues Fenster-Outfit zu verpassen. Ganz abstrakt, rein basierend auf Farbwirkung. Hans Leistikow (1892-1962) schuf Glaskunst für den Frankfurter Dom, dessen Fenster 1944 zerstört worden waren, ebenfalls in maximaler formaler Distanz zu sakralen Inhalten. Klare geometrische Formen erhellen mehr als 50 Fenster, jedoch kein biblisches Narrativ, wobei günstiges Industrieglas statt des üblichen Antikglases Verwendung fand. Fenster als Ausweis der Nachkriegsmoderne schuf Leistikow also in mehrfacher Hinsicht. Gänzlich fremd ist die völlig abstrakte Formensprache Markus Lüpertz, via Kirchenfenster verbunden mit der romanischen Kirche St. Andreas in Köln und der Bamberger Pfarrkirche St. Elisabeth, für die er acht Fenster entwarf, je fünf Meter hoch mit Szenen aus dem Leben der heiligen Elisabeth in Verbindung mit den sieben Werken der Barmherzigkeit. Diesen Heiligen huldigte auch Neo Rauch: in deutlich kleinerem Maßstab im Naumburger Dom.
Im französischen Reims gefällt die Fenstergestaltung des deutschen Künstlers Imi Knoebel. Die Franzosen ergreift das Medium besonders:In Troyes, seit 500 Jahren weithin bekannt für Glasmalerei, eröffnete vor Weihnachten die Cité du Vitrail als Ausstellungsort, Dokumentations-und Forschungsstätte für diese Kunstform. Exklusiv widmet sichihr bei uns das Deutsche Glasmalerei-Museum in Linnich. In Troyesstarten 2023 die ersten Sonderschauen. Frankreich besitzt 80 Prozentaller Glasmalereien.
Glaskünstler in der Region
Der Wahlfranzose Marc Chagall (1887-1985) wiederum setzte Zeichen in Mainz. Für die katholische Kirche Sankt Stephan schuf er zwischen1978 und 1985 sein größtes Glaskunstwerk. Über drei Jahre lang war Überredungskunst nötig, um ihn dazu zu bewegen. Wie für Uecker ist auch für Chagall Blau die Kirchenfensterfarbe schlechthin. Vierzehn biblische Geschichten fügt er in die Mainzer Fenster ein. In Mainz geboren ist Ulli Böhmelmann, die sich unter anderem mit Glaskunst einen Namen gemacht hat, in der Frankfurter Allerheiligenkirche ausstellte, für die wiederum Leistikow die Fenster entwarf, und die von der Wiesbadener Galerie Rother vertreten wird. Böhmelmann hat sich (noch) nicht mit Kirchenfenstern befasst, aber mit mystischer Erleuchtung und Kirchenlichteinfall sehr wohl. Jetzt gelang ihr mirnichtsdirnichts, ja tatsächlich völlig unerwartet, der Sprung über den großen Teich direkt an den New Yorker Broadway. Eine schier unfassbare Geschichte erlebte die in Köln lebende Künstlerin, für die Glas ein zentraler Werkstoff ist. Sie hat weder antichambriert noch war sie sonst in US Kunstkreisen irgendwie aufgefallen. Aus dem Nichts kam der Auftrag, das „Phantom der Oper“ zu visualisieren für das brandneue Museum of Broadway (MoB). Ihn verdankt Böhmelmann der Spürnase der Gründerinnen, die sie im Internet fanden, wo sie nach Glasexpertise suchten und die deutsche Glaskugelspezialistin fanden. Böhmelmanns „Phantomenon“ ist ein Drei-Kubikmeter-Werk in Gestalt einer amorphen Wolke aus fast 14.000 Glaskristallkugeln: so viele wie bis dato Phantom-Vorführungen über die Broadway-Bühne gegangen waren. Von einem bestimmten Standpunkt aus materialisiertsich im Kristallkugeldickicht des Phantoms berühmte Maske.
Wiesbadens neues Weltklassemuseum, die Schatztruhe des Sammlers Reinhard Ernst, brilliert desgleichen mit Glaskunst - von Katharina Grosse und Karl-Martin Hartmann, gebürtiger Wiesbadener, der unter anderem bei dem Glasbildner Johannes Schreiter an der Städelschule studierte und in zahlreichen Kirchen, darunter die Marktkirche in Wiesbaden, mystische Lichtstimmung erzeugt. Auch seine Entwürfe setzt Derix um. Ernst würdigt in seinem Museum das Material und diejenigen, die in Glas Herausragendes schaffen, und es ist einem weiteren Wiesbadener Künstler zu wünschen, dass auch ihn ein Auftrag des Sammlers und Mäzens erreicht: Nabo Gass setzt lange schon auf Glas. Vor 50 Jahren veränderte die Begegnung mit Glasmalerei im Dom von Florenz sein Leben: Am Arno fand er sein Herzensmedium. Seit Jahrzehnten entsteht Glaskunst in seinem Atelier in Biebrich – auch vielfach in Form von Kunst-am-Bau-Projekten. Neben Hartmann ist der gebürtige Schwabe, der 2024 seinen 70. Geburtstag feiert, der führende Glaskünstler in der Landeshauptstadt. Dass der Großraum Mainz-Wiesbaden ein Mekka für Glaskunst wurde, das ist auch sein Verdienst.
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