Kunst
Magische Strahlkraft auf kleiner wie großer Leinwand
Auch dieser Stätte hochgestimmter Erwartung bescherte die Pandemie starke Einbußen: dem Lichtspieltheater. Jetzt ist es wieder da – und ausgerechnet Filme über künstlerisches Schaffen betören und berauschen. Filmtheater fahren volles Programm mit eigenwilligen Existenzen, denen oft Magnetismus nachgesagt wird.

Ein Film gewordenes Stillleben, ein Vanitas-Werk, ein Antikriegsfilm, eine Hommage an die sogenannten Trümmerfrauen sowie eine Betrachtung Trümmerdeutschlands auch im übertragenen Sinne entstand.
Es herrscht Inflation. Im Kino. Wann hätte man je kurz hintereinander so viele Ausnahmemenschen über Stunden große Leinwände beherrschen und mitunter gar die breite Öffentlichkeit erreichen sehen, die sich im richtigen Leben auf sehr viel kleinerer Leinwand abrackerten, ja bisweilen so wenig Zuspruch fanden, dass sie kaum etwas zu beißen hatten. Das Kino liebt sie alle: tragische Existenzen wie Vincent van Gogh und die Erfolgsverwöhnten wie Anselm Kiefer; Michelangelo Merisi, besser bekannt als Caravaggio, der gesellschaftlichen Außenseitern wie Prostituierten oder Obdachlosen – indem er sie zu Modellen erkor – Zutritt zu seiner Bildwelt und damit zu höchsten Sammlerkreisen gewährte, ebenso wie Giacometti, dessen spindeldürre Figuren großen Wiedererkennungswert besitzen, aber keiner großen Interpretationsanstrengung bedürfen, um das Publikum für seine künstlerischen Capricen zu begeistern. Versuche, diesen Genies in bewegten und bewegenden Bildern auf die Spur oder wenigstens ein bisschen näher zu kommen, haben plötzlich Hochkonjunktur. Gerade blüht das Genre Künstlerfilm. Dabei liegt die Messlatte der Erlebnistiefe himmelhoch.
Natürlich interessiert sich der Film erst dann für Maler (meistens) oder Künstler, die ein anderes künstlerisches Medium wähl(t)en (selten bis nie), wenn es die Kunstschaffenden zu Lebzeiten – oder wenigstens posthum – zu echter Größe gebracht haben. Folgerichtig sehen wir für gewöhnlich Männern in Künstlerfilmen zu, die zudem von Männern gemacht sind. Eine bemerkenswerte Ausnahme ist „Johnny & Me – Eine Zeitreise mit John Heartfield“. Diesen Mann kennt das breite Publikum eher nicht, umso aufregender, dass sich Katrin Rothe (Drehbuch, Kamera, Musik) an das Thema herantraute. Was hat sie geliefert? Einen Dokumentarfilm mit Real- und Animationsteilen.
Heartfield wird betrachtet von insgesamt vier Frauenaugen: Rothe lässt die Grafikerin Stefanie auf ihren Kollegen und Erfinder der politischen Fotomontage los – sprich: denjenigen, der weithin dafür gehalten wird, sollte jemand hartnäckig behaupten wollen, Heartfield zuvorgekommen zu sein.
Prominent wurde der mit George Grosz befreundete Kommunist, weil er sich mit Hitlers Kriegspolitik und dem Erstarken der Rechten befasste; ein Thema, das derzeit auf allen Kanälen behandelt wird und vielleicht auch Rothes Film, der im Oktober 2023 Deutschlandpremiere hatte, extra Aufmerksamkeit sichert. Rothe lässt Stefanie eine Zeitreise rückwärts antreten, katapultiert sie in Heartfields Atelier von vor hundert Jahren. Die Protagonistin – selbst in einer Kreativitätskrise – entdeckt das Werk des Künstlers in einer Ausstellung und dann Heartfields Leben.
Der animierte Teil des Films lässt an einen der beeindruckendsten Künstlerfilme der jüngeren Zeit denken: Mit „Loving Vincent“ präsentierte das Regisseur-Ehepaar Dorota Kobiela und Hugh Welchman 2017 van Gogh animiert. Ein Riesenerfolg für die beiden zurecht. Die übergroße Figur ihres Interesses erfassten sie buchstäblich wunderbar.
Van Goghs außerordentliche Persönlichkeit, seine beispiellose Kunst, seine bedrückende Armut, der Aufenthalt in der Anstalt reizen Literatur und Film seit langem über die Maßen. Eigentlich ist diese tragische Gestalt nicht zu fassen. Dennoch konnte ihr eine Schauspiellegende wie Kirk Douglas Wahrhaftigkeit verleihen. Überraschenderweise war aber auch die liebevoll gezeichnete Cartoon-Hommage „Loving Vincent“ in jeder Hinsicht so anrührend, dass man sie wieder und wieder sehen mag.
Wegen möglicher Enthüllungen und Offenbarungen zieht es die Leute in Künstlerfilme. Erkenntnisgewinn spielt eine Hauptrolle. Darüber hinaus darf die Seele kräftig berührt werden. Die komplexe Künstlerthematik, sie kann unterdessen naturgemäß nie restlos ausgereizt werden. Bei gängigen Filmen und den vielen gähnend langweiligen Fernsehproduktionen mit ihren oft zeitlosen, wiewohl angestrengt zeitgeistig interpretierten Hauptmotiven wie Liebe und Tod, Adoleszenz und Alter, Migration und Integration, Vertreibung und Neustart, Krieg und Niederlage auf der Erde, im Cyberspace oder im All, ist hinsichtlich der existenziellen Situationen, Ängste und monströsen Menschen oder Zustände, um die zahllose Filmstoffe kreisen, irgendwann dann doch das meiste zumindest im Wesentlichen gesagt. Bei Künstlerfilmen nie.
Die Biografie eines schöpferischen Menschen, der sich zugunsten von weitgehend selbst gesetzten Rahmenbedingungen von der gesellschaftlich nahegelegten und vorskizzierten Art der Erwerbstätigkeit gezielt entfernt, hat oft noch einen Dreh- und Angelpunkt – einen speziellen Spin –, für den es keinen Spin-Doktor braucht, weil er von innen kommt und womöglich nicht einmal erklärt werden kann. Eine solche biografische Struktur folgt nur bedingt einem Muster. Sie funktioniert auf einer ganz anderen Daseinsebene als der allgemein eher vertrauten der Arbeiter- und Angestellten-Galaxie: Die Selbstständigkeit im oder außerhalb des Künstlerateliers wird zuerst als geistige Notwendigkeit und erst dann als Notwendigkeit zwecks elementarer Bedürfniserfüllung betrachtet – auch wenn das ein wenig klischeehaft anmuten mag.
Filme können aufs Erregendste beispiellose Leuchtkraft in ihr Zentrum stellen, aber auch Schattenseiten ausmalen. Den Anspruch, politisch und soziokulturell einzusteigen in ein kunstbiografisches Thema, besitzt – unter anderen Vorzeichen als Rothes Werk – Wilfried Haukes Nolde-Porträt. Ein Film, der uns einen Jahrhundertkünstler nahe zu bringen vermag aus eigener Anschauung, ist indes „Max Ernst – Mein Vagabundieren, meine Unruhe“ (1991) von dessen Freund Peter Schamoni. Und wenn wir uns schon in Amerikas Westen umsehen, wo Ernst eine Weile gelebt hat und Inspiration fand, kommt Georgia O'Keeffe in den Sinn, die in New Mexico jeden Tag animierende Objekte für ihre Kunst fand, was der Dokumentarfilm über sie und mit ihr tatsächlich vermitteln kann. Dokumentationen wie diese – auch diejenigen etwa über Gerhard oder Daniel Richter mögen dazu zählen –, bei denen man den Porträtierten über die eigene und nicht von Schauspielern gemimte Schulter schauen kann, sind oft die mitteilsamsten Künstlerfilme: Bestes Beispiel ist Picasso. In Mike Leighs „Mr. Turner“ von 2014 ist der Protagonist trefflich gezeichnet, und der Streifen ist obendrein eine mitreißende Epochenzeichnung.
Derweil passen Produktionen mit investigativem Moment wie der Nolde-Film nicht nur besonders gut in unsere vergrübelte Zeit, sondern können auch Schlüsselfragen anstoßen und behandeln wie die der Trennung von Werk und Autor. Das Zerrissene, das Unerklärliche, das Gefährliche und das Politische im Persönlichen – das sind per se Kinostoffe. Apropos: Wo bleibt der große Ernst Ludwig Kirchner-Film? Und wo das ultimative Courbet-Biopic? Viel mehr als eine künstlerisch ungeheuer fesselnde Figur war jener französische Umstürzler, der mit seiner Kunst einen ganz eigenen Weg ging und politisch aktiv war. Deswegen kam er sogar ins Gefängnis.
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Nicht nur die Bildende Kunst bietet sich als Recherchegebiet und Bezugspunkt ambitionierter Produktionen an. Die Musikervermarkter schlafen nicht. Im Gegenteil. Filmproduzenten halten Ausschau nach Solisten oder Bands, deren Lebensgeschichten, Höhen und Tiefen die Menschen ins Kino locken können und nehmen alles, wo Sound und Narrativ stimmen. Gegenwärtig erfüllen etwa Maria Callas, Amy Winehouse oder Beach Boy Brian Wilson die Bedingungen. Über sie gibt es neue Filme.
Zuletzt jedoch erlebten wir einen Winter voller Malerfilme. Im Dezember 2023 kam „Munch“ in die Kinos, der Mann, den ein einziger Schrei – der Schrei in der Malerei – weltberühmt machte und nie mehr vergessen lässt. Kurz zuvor war das Meisterwerk von einem der renommiertesten deutschen Regisseure über denjenigen Künstler fertiggestellt, der das Deutschsein, die deutsche Schuld und die Schwierigkeit der Sühne dauerhaft erfolgreich – wenn man die Höchstpreise für seine Werke als Maßstab nehmen möchte – und stellvertretend für uns alle verhandelt: Anselm Kiefer. Doch wie ist unterm Strich zu bewerten, was Wim Wenders in „Anselm – das Rauschen der Zeit“ aus ihm herausholt? Ein schwieriger Film ist das. Beide Künstler sind gesichert topkreativ, spielen in der höchsten Liga, aber geht das gut, wenn zwei so Ebenbürtige und gleichermaßen Geltungsbedürftige aufeinandertreffen?
Der Film des einen zeigt, wie der andere wurde, was er ist. Für den Vitalitätsbeweis zweier alter weißer deutscher Männer, die als Koryphäen im Kulturbetrieb vor bereits so langer Zeit ganz oben angekommen sind, dass ihnen gar nichts anderes übrig bleibt, als sich in dieser Sphäre – um die Metapher des bleiernen Buches aufzugreifen, das sich die Kamera hochregalweise krallt –, geradezu bleiern auch zu halten, blieb der Filmemacher dem bildenden Künstler mehr als zwei Jahre auf den Fersen.
Ein Film gewordenes Stillleben, ein Vanitas-Werk, ein Antikriegsfilm, eine Hommage an die sogenannten Trümmerfrauen sowie eine Betrachtung Trümmerdeutschlands auch im übertragenen Sinne entstand. Ein fiktiver Dialog mit Paul Celan und Ingeborg Bachmann wird geführt, die für Kiefer wichtig sind. Hervorragend besetzt ist das Biopic, aus dem Rahmen des Üblichen fallend und schlussendlich ein Schulterschluss zweier unermüdlicher Fragensteller, die sich in ihrer Kunst kritisch auch dem (Nachkriegs-)Deutschland, in dem sie aufwuchsen, nähern. Und es ist eine Familienangelegenheit. Wenders‘ Kiefer wird Dokumentarfilm genannt, beinhaltet Spielfilmelemente. Man habe Szenen aus Kiefers Kindheit für den Film erfunden, so Wenders. Sein eigener Großneffe Anton mimt den kleinen Kiefer, Kiefers Sohn Daniel den Künstler als jungen Mann. Nur der alte, der Jetztzeit-Kiefer, ist er selbst. Man muss wissen: Wenders und Kiefer gehören nicht nur derselben Generation an, sie sind fast gleichaltrig, erarbeiteten am Vorabend ihres 80. Geburtstages diesen melancholiedurchwehten Film.
Ein ganz anderes Kaliber, ja ein Gegenentwurf, wenn man so will, ist „Dalíland“. Als begnadeter Exzentriker ist Salvador Felipe Jacinto Dalí i Domènech bis heute ein Aufreger. Mary Harron, die kunstinteressierte Regisseurin, die sich bereits mit Warhol befasst hat, linste jetzt in die Ära seiner New Yorker Hotelaufenthalte.
Dalí und Ehefrau Gala besuchten Amerika zum ersten Mal 1934. Im selben Jahr beschuldigte Breton den Künstler der Hitlersympathie, die Dalí bestritt. 1935 hielt er einen Vortrag im MoMA, 1937 beehrte „Mister Surrealism“ Hollywood, schließlich lebten er und Gala sogar in den USA. Reichlich Hochspannung und interessante politische Aspekte stecken in ihrem Leben. Harrons Biopic aber beäugt vorrangig den gealterten Künstler, der mit Gala im St. Regis Hotel in New York logiert und die Puppen tanzen lässt: um die Endlichkeit auszublenden per Ausschweifung? Seine Hotelsuite – gedreht wurde in Liverpool, wo die Kulisse aus Sicht der Produzenten gut passte –, wird zum Tummelplatz der Schönen und Schlauen, Halbnackten, Hippies und Hallodris. Vor dem Tod fürchte er sich „am meisten, und das ist der Ursprung meiner Inspiration“, verrät Dalí im Film. Ob man allerdings künftig in Ben Kingsley, der ihn mimt, immer den Surrealisten sehen wird?
Er brauche am Eingang zum Kinohimmel nur zwei Rollen zu nennen, um zu seinem Ehrenplatz geleitet zu werden, so Kritikerin Verena Lueken im Nachruf auf Kirk Douglas, dessen Todestag sich am 5. Februar zum vierten Mal jährte. Die eine Rolle ist Douglas' Verkörperung van Goghs. Ein Filmlexikon hält seine Darstellung der aufwühlend unsteten Existenz des niederländischen Malers, der als Laienprediger zu den Menschen spricht, bevor es seine Himmelserscheinungen, Sämänner und gemalten Provenceporträts tun, gar für das Beste vom Hollywoodstar: Sohn jüdischer Emigranten aus Belarus.
„Vincent van Gogh – Ein Leben in Leidenschaft“ (Lust for Life) lief 1956: im Todesjahr Noldes und ein Jahr vor der Geburt des im Nachkriegsdeutschland aufgewachsenen Regisseurs und Küstenlandschaftskenners Wilfried Hauke, der sich vor Nolde der Künstlerin Paula Modersohn-Becker und danach Noldes Kollegen Max Pechstein gewidmet hatte. 2017 wirft Hauke im Dokumentarfilm „Emil Nolde. Maler und Mythos“ einen neuen Blick auf den gefeierten Expressionisten und Publikumsliebling vom Meer und stellt klar, dass er keineswegs nur das „Opfer“ der NS-Zeit war, wie es die junge Bundesrepublik gerne glauben wollte. Nolde war NSDAP-Mitglied.
Das Capitol, ältestes Filmtheater in Mainz mit rund 300 Sitzplätzen, wurde im Jahr der Machtergreifung 1933 erbaut und zuletzt zusammen mit dem mehrfach umbenannten und eine Weile dem Pornofilm verfallenen Palatin gemanagt. Ende Oktober erfasste jedoch das Rauschen der Zeit die beiden Mainzer Programmkinoinstitutionen. Das Palatin lud zur Abschiedsfeier vor dem Abriss und nannte sie „Ein letzter Tanz“. Dieser Totentanz folgte unmittelbar auf Wenders Kiefer: gespenstisch nicht zuletzt, weil der Künstlerfilm einige geisterhafte Elemente enthält.
Für das Mainzer Capitol wurde bei Redaktionsschluss ein neuer Betreiber gesucht. Die Zukunft ist ungewiss. Gewiss ist immerhin, dass die Stadt, die sich für diese Aufgabe externe Berater geholt hat, die Programmkinos retten will und für das Capitol neuerdings einen Zehnjahresmietvertrag anbieten kann. Wiesbaden, du hast es besser: Deine ausgezeichnete Caligari-Filmbühne, die schon als Kinogebäude Kultstatus genießt und regelmäßig auch Künstlerfilme bietet, wird finanziell gefördert, darf sich sonnen im Glanz der prächtigen Ausstattung und ihres weit über die Landeshauptstadt hinaus vernommenen Rufs.
Der Titel des Films, der die Wiesbadener Künstlergruppe 50 porträtiert und unlängst dort lief, lautet „Kunst als Schlüssel zur Existenz“. Filmkunst wiederum ist Existenzgrundlage schlechthin von Lichtspieltheatern – und Künstlerfilme geben den Programmen die ganz eigene Note. Gewissermaßen setzen sie ihnen ein Extralicht auf wie es der Maler mit dem Pinsel auf seiner Leinwand tut.
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