Kultur

Literatur ist mehr als Schullektüre!

Eine jugendliche Entdeckungsreise durch WiesbadenZeitverschwendung. Vielen Jugendlichen kommt dieses Wort in den Sinn, wenn sie an Literatur denken. Trockene Werke wie „Der zerbrochne Krug“ oder „Faust“ verderben ihnen die Lust am Lesen. Der Grund: Geistige Offenheit und Kreativität, die die Literatur eigentlich fördern möchte, kommen in der Schule nicht an. Gelesen wird, was im Lehrplan steht, sei es noch so realitätsfern. Die folgende Lesereise durch Wiesbaden soll zeigen: Literatur kann verbinden, und ist dabei sogar noch echt cool.

Hendrik Heim 8. Okt. 2025 4 Min. Lesezeit
Literatur ist mehr als Schullektüre!
Für Jugendliche gibt es das „Junge Literaturhaus“ – neben der Schreibwerkstatt warten interaktive Lesungen, Meet-ups mit Autor innen und Workshops auf Kinder und Jugendliche von der Kita bis zur Oberstufe.

Geschichtenraum und Vorlesestunde in der Stadtbibliothek
Besonders attraktiv für Jugendliche ist die Stadtbibliothek Wiesbaden in der Mauritius-Mediathek. Schüler*innen, Azubis und Studierende können sich hier nicht nur kostenfrei Bücher ausleihen. Auch von Mahngebühren sind sie befreit. Wie das Lesen Generationen verbinden kann, lässt sich jeden ersten und dritten Samstag im Monat von 10:30 bis 11:30 Uhr erleben. Dann kommen die Vorleserinnen des Projekts „Lies mit mir“ des Vereins MitInitiative e.V.  zum Einsatz. Charlotte Durkin und Karin Jackwerth sind beide seit Kurzem im Ruhestand. Als Vorleserinnen möchten sie Kindern von drei bis zehn Jahren helfen, schneller lesen und schreiben zu lernen. „Hinterher hat man immer das Gefühl, man hat etwas Gutes getan“, meint Charlotte Durkin. Manche Kinder stellten Fragen beim Vorlesen, andere hörten nur zu, wieder andere erzählten Erlebnisse von zu Hause. „Viele Kinder haben Schwierigkeiten, sich über längere Zeit zu konzentrieren. Vorgelesen zu bekommen, ist da ein gutes Training.“ In der Vorlesestunde der Stadtbücherei gibt es eine eigene Leseecke mit mehreren Rängen. An der Wand prangt ein Pfau mit bunten Kinderhänden als Federn. Der Raum ist offen – wer genug hat, kann einfach wieder gehen. Für die kleineren Kinder gibt es einen Geschichtenraum mit einer großen Deckenlampe. Je nach Geschichte erstrahlt der Raum in verschiedenen Farben. Alexandra Dietrich ist noch berufstätig und arbeitet in einem Wirtschaftsunternehmen. Im Ehrenamt wollte sie dazu einen Ausgleich schaffen. „Ich habe hier ein dankbares, kleines Publikum, das Bock hat zu lesen.“ Dietrich findet es interessant, wie unterschiedlich der Spielraum sei, den die Eltern ihren Kindern lassen. So erklärten manche das Vorgelesene sofort und griffen bei Denkprozessen ein. Andere lassen mehr Freiraum und genießen es, die Kinder beschäftigt und zufrieden zu wissen. Jeden zweiten Monat findet die Vorlesestunde in Fremdsprachen statt. Dann wird dieselbe Geschichte mehrsprachig vorgelesen.

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Lesen für alle im Bücherschrank Biebrich
Wie Literatur für alle aussehen kann, zeigt der Offene Bücherschrank in Wiesbaden-Biebrich. Mit einer Höhe von 175 Zentimetern ist er der größte der Stadt, zentral gelegen an der Robert-Krekel-Anlage. Wer will, kann in den Büchern stöbern, eins hineinlegen, oder kostenfrei selbst welche mitnehmen. Neben Romanen gibt es eigene Regale für Kinderbücher und internationale Literatur. Betrieben wird der Bücherschrank vom Quartiersmanagement Biebrich-Mitte, vier Ehrenamtliche betreuen den Schrank und misten kaputte oder diskriminierende Bücher aus. 2021 kam die Anregung aus der Nachbarschaft nach einen Bücherschrank direkt in Biebrich-Mitte. Hergestellt wurde er regional von einem Biebricher Unternehmen und ist seitdem jederzeit zugänglich. Annika Wolf leitet das Projekt. „Bei uns bleibt ein Buch nie lange liegen. Mittlerweile werden so viele reingelegt, dass wir schon Bücher im Keller lagern mussten.“ Inzwischen gehöre der Schrank fest zum Viertel dazu. So ein Bücherschrank zeigt – Literatur kann niedrigschwellig sein, muss nichts kosten – und kann genau dadurch in der Mitte der Gesellschaft ankommen.

Lesepartys und Krimifeste in der Villa Clementine
„Lesen ist für mich Horizonterweiterung. Man bekommt durch Literatur einfach ein viel besseres Verständnis von Menschen. Vielleicht hat die Person, der ich auf der Straße begegne, Sachen erlebt, von denen ich gar nichts weiß.“ Josephine ist 18 Jahre alt. Bereits drei Mal war sie Teil der „Schreibwütigen“. Die Schreibwerkstatt des Literaturhauses Wiesbaden findet jedes Jahr von September bis November statt. Einmal in der Woche treffen sich dann schreibinteressierte Jugendliche in der Villa Clementine, direkt an der Wilhelmstraße. Unter Anleitung des Wiesbadener Autors Andreas Pfeiffer lernen sie, was zu einer guten Geschichte gehört, und stellen sich gegenseitig Geschriebenes vor. Zum Jahresende entsteht dann ein Heft mit eigenen Texten, die in einer Abschlusslesung im Literaturhaus vorgetragen werden. Für Josephine ist diese Veranstaltung immer ein Highlight. Alexander Pfeiffer betreut die „Schreibwütigen“ seit 2016. „Wie fördern hier eine Art von Schreiben, die im Schulunterricht nicht vorkommt. Eine eigene Geschichte zu entwickeln, stärkt Kreativität und Selbstvertrauen, ohne dass man dabei direkt bewertet wird.“ Viele Jugendliche kämen immer wieder in die Schreibwerkstatt und entwickelten so ihren ganz eigenen Stil. Das Literaturhaus Wiesbaden in der Villa Clementine wird seit 2002 vom Kulturamt betrieben. Sieben Mitarbeitende organisieren jährlich ca. 150 Lesungen, Autorentreffs, Schreibworkshops und Literaturforen. Außerdem gibt es in jedem Jahr Festivals wie die Wiesbadener Literaturtage, den „KrimiMärz“ oder das hr2-Hörfest. Lesepartys und Poetry Slams bringen Modernität in die Literatur. Für Jugendliche gibt es das „Junge Literaturhaus“ – neben der Schreibwerkstatt warten interaktive Lesungen, Meet-ups mit Autor*innen und Workshops auf Kinder und Jugendliche von der Kita bis zur Oberstufe.

Egal ob alt, jung, mit viel oder wenig Budget – Wiesbaden bietet eine Vielzahl an Möglichkeiten, der Literatur zu frönen und in andere Perspektiven einzutauchen. Alle Veranstaltungen im Literaturhaus werden im zweimonatigen „Lesezeichen“ angekündigt. Kostenlose Bücherausleihe, sowie eine Online- und Musikbibliothek bietet die Mauritius-Mediathek. Informationen über sonstige Lesungen in der Stadt geben die örtlichen Buchhandlungen – einfach mal fragen!

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Autor:in

Hendrik Heim