Kultur

Lasset die Filmfestspiele beginnen!

Winterzeit ist Kinozeit! Und in den beiden Landeshauptstädten vor allem eines: Filmfestivalzeit! Bevor der Weihnachtsmarkttrubel losgeht und der Geschenkekaufrausch zu eskalieren droht, gibt es doch nichts Schöneres, als sich in einen gemütlich-plüschigen Kinosessel zu lümmeln, sich auf großer Leinwand verzaubern zu lassen und mit Gleichgesinnten über das Gesehene zu diskutieren.

7. Okt. 2024 10 Min. Lesezeit
Lasset die Filmfestspiele beginnen!
Im Programm werden Kurz- und Langfilme gezeigt – die Reihen reichen von „American Independents“ und „Made in Germany“ über das europäische Kino bis hin zum Blick in die weite Welt mit der Reihe „World Cinema“.

Aus Wiesbadens Untergrund

Aber von Anfang an: 1990 gründeten sechs Filmbegeisterte den Verein Wiesbadener
Kinofestival. Damals hieß das Festival noch „exground on screen“ – ein Kofferwort
zusammengesetzt aus Experimental- und Underground-Filmen, die man präsentieren wollte.
1999 wurde der Name dann in „exground filmfest“ geändert. Als Grund für diesen Vorstoß in
Eigeninitiative nennt die Mitgründerin Andrea Wink, dass es in Wiesbaden nur einen
Kinobetreiber gab, der lediglich Blockbuster zeigte und man für Filme jenseits des Mainstreams
in die Programmkinos nach Mainz oder Frankfurt fahren musste. Zu dieser Zeit war im Gebäude
des Caligari noch ein Boulevardtheater beheimatet und das junge Festival fand seinen ersten
Spielort im damaligen Haus der Jugend am Elsässer Platz. Ab 1992 wurde die Caligari
FilmBühne dann zum glanzvollen Festivalzentrum. Jährlich pilgern um die 15.000 Besucher*innen zum zehntägigen Festival, rund 250 Journalist*innen, Fachbesucher*innen und Gäste aus der Filmbranche treffen sich in Hessens Landeshauptstadt. Neben dem Caligari werden inzwischen auch das Murnau Filmtheater und die Krypta in der Marktkirche bespielt. Im Programm werden Kurz- und Langfilme gezeigt – die Reihen reichen von „American Independents“ und „Made in Germany“ über das europäische Kino bis hin zum Blick in die weite Welt mit der Reihe „World Cinema“. Viele der gezeigten Produktionen sind Deutschland- oder Europapremieren. Auch dieses Jahr werden wieder über 150 Filme aus aller Welt präsentiert. Vor dem Festival ist nach dem Festival ist vor dem Festival Bis es dazu kommt, hat das Team einiges zu tun: Vertreter*innen besuchen unter anderem die Filmfestivals in San Sebastian oder Rotterdam, aber auch die Big Three Cannes, Venedig und die Berlinale sowie die Kurzfilmfestivals in Hamburg, Oberhausen oder Dresden. Sie wählen Filme aus, die sie gerne beim exground zeigen möchten; unabhängig davon können natürlich auch Filme eingereicht werden. Für das diesjährige Programm standen circa 500 Langfilme und an die 2.000 Kurzfilme zur Auswahl, die vom Sichtungsteam geschaut und bewertet wurden. Dass das in Arbeit ausarten kann, zeigt sich an der Bemerkung von Andrea Wink: „Gestern habe ich sechs Langfilme geschafft!“ – klingt nach einem Zwölf-Stunden-Tag. Wichtig ist den Organisator*innen, dass die Filme noch nicht zuvor im Kino, Fernsehen oder bei Streaminganbietern zu sehen waren. Bislang gab es immer einen Länderschwerpunkt, dieses Jahr wird er erstmals durch den Themenschwerpunkt „Flucht und Vertreibung“ abgelöst – und auch in Zukunft will man auf Themen setzen. „Von den großen Filmnationen haben wir schon die meisten abgebildet“, so Gerald Pucher, gemeinsam mit Andrea Wink und Nadja Huhle im Vorstand des Vereins, und es gebe auch immer mehr länderübergreifende Co-Produktionen.

Die Jugend begeistern – in Wiesbaden nicht so einfach
Besonders am Herzen liegt dem exground-Team der Nachwuchs: sowohl bei den
Zuschauer*innen als auch bei den Filmemacher*innen. Und darin sehen sie auch eine der
größten Herausforderungen: Die jungen Menschen für Kino zu begeistern! Mit den „youth days“,
die einen Jugendfilm-Wettbewerb für internationale Produktionen sowie für Filme von
Nachwuchstalenten aus Wiesbaden beinhalten, haben sie sich per se gut aufgestellt. Trotzdem
tut es ihnen weh, wenn die Vorstellungen nur mäßig besucht sind, vor allem weil auch oft die
Filmschaffenden zu Gast sind. „Kinder wachsen nicht mehr mit Kinoerlebnissen auf. Wenn die
Kids dann mal hier sind, sind sie geflasht. Dann merken sie: Es ist ein Unterschied, ob man
einen Film auf der großen Leinwand sieht, oder eben auf einem kleinen Screen“, fasst es
Gerald Pucher zusammen. In Sachen Jugendfilm zeigt sich zurzeit vor allem die lateinamerikanische Filmlandschaft innovativ und experimentierfreudig. Oft seien es auch schon in der Vergangenheit die Filmemacher*innen aus Ländern und Regionen, die mit Krisen, Restriktionen und Umbrüchen zu kämpfen haben, wie der Türkei, Brasilien, den Philippinen oder auch dem Iran gewesen, die besonders aufrüttelnde Geschichten in ihren Filmen erzählen oder dokumentierten, so Gerald Pucher nachdenklich. Die Krise macht kreativ. Leider.
Dem Iran wird auch dieses Jahr wieder ein Kurzfilmprogramm gewidmet – kuratiert wird das
Ganze von Nima Pasta, der selbst aus dem Iran stammt und die Filmszene vor Ort gut kennt.
Die Filmschaffenden dort haben eine eigene Filmsprache entwickelt und können damit Dinge
aufzeigen, die eigentlich unsagbar sind. Begeistert und auch ein wenig stolz erzählt Andrea
Wink von dem Regisseur Ali Asgari, dessen Kurzfilme und Spielfilme über die Jahre bereits
beim exground gezeigt wurden und der nun in die Jury von Venedig berufen wurde. Dass sie mit
dem Festival die Filmschaffenden begleiten können – „von den Anfängen, bis dann der erste
große Film kommt“, das freut sie besonders. „Wenn wir die Pflänzchen sehen und wie sie sich
weiterentwickeln.“

Highlights der 37. Ausgabe exground
Genau solch eine Entwicklung wird es auch beim diesjährigen Filmfest wieder zu sehen geben:
Das Spielfilmdebüt „Another German Tank Story“ des Regisseurs Jannis Alexander Kiefer, der
bereits vor vier Jahren für einen seiner Kurzfilme ausgezeichnet wurde. In der Europa-Sektion
können sich die Gäste auf die bitterböse Satire „Veni, vidi, vici“ aus dem Hause des
österreichischen Produzenten Ulrich Seidl freuen. In andere Realitäten des Erwachsenwerdens
eintauchen lässt sich mit dem Jugendfilm „The Dog Thief” („Perros“), der den Alltag eines
jungen Schuhputzers in Boliviens Hauptstadt La Paz beschreibt. Das rund zehnköpfige
Organisationsteam, unterstützt durch unzählige ehrenamtliche Helfer*innen, lässt sich immer wieder Neues einfallen: „Wir bleiben nicht im eigenen Saft stehen, sondern erfinden uns jedes
Jahr etwas neu“, so Andrea Wink.

Mainz, wie es filmt und lacht
Um den Nachwuchs muss man sich in Mainz bislang keine Sorgen machen. In der
Universitätsstadt mit dem Studienangebot Filmwissenschaft/Mediendramaturgie trägt sich die
ursprüngliche Idee für ein Filmfestival wie FILMZ über Generationen von Studierenden weiter –
und das nun schon seit 23 Jahren. Da soll nochmal einer sagen, die jungen Leute engagieren
sich nicht ehrenamtlich – und wie sie sich engagieren für den deutschsprachigen Film!
Kai Graw, gemeinsam mit Hannah Wieland und Nico Friedt in der Festivalleitung, erzählt, dass
sich das Leitungsteam bei FILMZ, das sich traditionell aus dem Vereinsvorstand
zusammensetzt, nahezu jedes Jahr neu formiert. Gleiches geschieht in den unterschiedlichen
Teams, die für die einzelnen Bereiche des Festivals zuständig sind. Da können sich schon keine
langweiligen Routinen einspielen à la „das haben wir schon immer so gemacht“. Es ist immer
wieder neu, jede*r macht das Festival auf seine eigene Art und Weise. Und jedes Mal
funktioniert es – es gibt also unzählige verschiedene Arten, ein Festival zu organisieren.
„Trotzdem setzen wir auch auf Kontinuität und unterhalten seit 2018 ein stetig wachsendes Wiki
in unserem eigenen Festivalnetzwerk. Das hat es uns auch während der
Coronabeschränkungen ermöglicht, das Festival komplett dezentral digital zu organisieren.“ Am
Ende sind es für jede*n aber immer eigene Erfolgserlebnisse und Lernprozesse – ja, man lernt
wirklich was fürs Leben – „sei es nur, wie man eine professionelle E-Mail z.B. an die Verleiher
schreibt“, lacht Kai Graw, bis hin zur Budgetplanung. Die Grundidee von FILMZ ist es, „den
jungen deutschen Film zu feiern“ – und wie das geschieht, kann jedes Plenum als Gesamtheit
des Vereins immer wieder für sich entscheiden. Das Festival ist dabei nur ein
Gestaltungsrahmen mit starken demokratischen Strukturen. Das breite Engagement zeigt auch,
dass der deutsche Film in der Wahrnehmung nicht mehr verpönt ist – mit diesem Klischee
konnte FILMZ bereits aufräumen und zeigt, wie vielfältig die Filmlandschaft ist: das bezieht sich
auf deutschsprachige Filme, aber auch auf Produktionen mit deutscher, österreichischer oder
Schweizer Beteiligung. Das Besondere: Das Publikum vergibt die Preise.

FILMZ als Sprungbrett ins Berufsleben
Solange es Filmwissenschaften und Kinos in Mainz gibt, wird es wohl auch FILMZ geben. Hier
geht es nicht um Einzelpersonen, hier geht es um die Teamleistung, jede*r springt für den
anderen ein, jede*r will, dass es gut wird. Rund 50 Mitglieder hat der Verein, es bilden sich
Freundschaften und auch der Austausch mit Filmschaffenden ist bereichernd. Man kennt sich
und kann sein erstes Netzwerk in die Szene knüpfen. Aus dem einst studentischen Projekt sei
längst mehr erwachsen, freut sich Kai Graw. Das ehrenamtliche Engagement spricht
Filmenthusiast*innen über die Grenzen der Universität hinaus an. Es ist auch eine gewisse
Professionalisierung zu erkennen mit der neuen Projektleitung Film im Kulturamt der Stadt
Mainz, die sich auch weiter bei FILMZ engagiert, sowie weiteren Vertreter*innen aus der
Filmbranche. Wie auch das exground ist FILMZ Mitglied in der AG Filmfestival, wo sich der
Verein als Nachwuchsschmiede für den professionellen Festivalbetrieb positioniert.
Auch Kai Graw, der im 5. Jahr mit dabei ist, blickt schon mit einem lachenden und weinenden
Auge auf ein Leben nach FILMZ. Denn er weiß, wenn er sein Studium beendet hat, wird er
wahrscheinlich weiterziehen und das Festival in die guten Hände seiner Nachfolger*innen
übergeben. Sollte es ihn in der Festivalbranche halten, ist er wie alle übrigen Vereinsmitglieder
gut vernetzt.

In Liebe zum Kurzfilm vereint
Die Kurzfilmsparte des FILMZ ist äußerst beliebt, neben dem klassischen Kurzfilm, dem lokalen
Kurzfilm und der Kurzfilmsektion andersARTig wird es erstmalig auch die Rubrik Animierter
Kurzfilm geben, um diese Kunstform mehr wertzuschätzen. „Die Kurzfilmwettbewerbe machen
am meisten Spaß. Im letzten Jahr sind sie regelrecht explodiert. Da war es richtig voll! Die
Kurzfilme werden nacheinander gezeigt mit ein paar Blöcken Q&A dazwischen mit den
Filmschaffenden. Am Ende nach der Abstimmung stehen die Gewinner direkt fest.“ Auch das
exground filmfest kann nur bestätigen, dass die Tickets für die Kurzfilmabende besonders
begehrt sind. Ob es daran liegt, dass man sonst als Filmbegeisterte*r nur selten Kurzfilme im
klassischen Programm von Fernsehen, Kino oder Streamingangeboten zu Gesicht bekommt?
Andrea Wink, auch im Vorstand der AG Kurzfilm, freut das zum einen besonders, zum anderen
merkt sie auch an, dass Kinos eigentlich mal qua Filmfördergesetz dazu verpflichtet waren, vor
dem Spielfilm einen Kurzfilm zu zeigen. Das Murnau-Filmtheater knüpfe nun wohl (endlich)
wieder an diese Tradition an.

Gute Neuigkeiten aus Mainz
Neben den Kurz- und Langfilmwettbewerben findet sich bei FILMZ noch eine Rarität: der
mittellange Film mit einer Laufzeit von 20 bis 69 Minuten. Die Mainzer gehörten 2007 zu den
ersten Filmfestivals in Deutschland, die diese Sektion einführten. Wie auch beim exground
achten die Veranstalter*innen darauf, dass der Kinostart nach dem Festival liegt. An
verschiedenen Orten in Mainz wird ein umfangreiches Rahmenprogramm geboten, z.B. das
Drehbuch-Pitching und Lesungen im LUX – Pavillon der Hochschule, das Stummfilmkonzert in
der Altmünsterkirche oder das Trash-Trommeln in wechselnden Locations. Doch wo werden die
Filme gezeigt? Nachdem das FILMZ im vergangenen Jahr nach Schließung der Programmkinos
Capitol und Palatin auf andere Spielstätten ausweichen musste, kann es dieses Jahr wieder ins
Capitol zurückkehren. Die neuen Interimsbetreiber, denen auch die Programmkinos Cinéma,
Harmonie und Eldorado in Frankfurt sowie das Casino in Aschaffenburg gehören, stellen die
Räumlichkeit wieder zur Verfügung. „Sie haben wirklich Bock auf das Festival und tragen das
FILMZ auch weiter ins Rhein-Main-Gebiet, indem der Trailer auch in den anderen Arthouse
Kinos gezeigt wird“, freut sich Kai Graw. Neben der weiteren Spielstätte im kommunalen Kino
CinéMayance hat FILMZ aber auch noch einen Slot im CineStar behalten, weil die Kooperation
im letzten Jahr gut funktioniert habe. „Wir sind Programmkino und da gehören wir auch hin.
Trotzdem finde ich es schön, wenn wir in allen Kinos vertreten sind, die wir in Mainz aktuell
haben“.

Austausch ist das Salz in der Suppe
Die beiden Filmfestivals bereichern die Programmkinos – und gehen über sie hinaus. Denn
verdichtet auf die Festivaltage bringen sie Menschen zusammen, die alle eine gemeinsame
Leidenschaft teilen. Da wundert es nicht, dass die Macher*innen vor allem die Gäste aus aller
Welt und den bereichernden Austausch als Salz in der Suppe hervorheben. Die Restriktionen
der Coronajahre hätten gezeigt, wie wichtig das physische Zusammentreffen für alle Beteiligten
ist: Regisseur*innen, Schauspieler*innen, Kostümbildner*innen, Produzent*innen, die einen
Einblick hinter die Kamera und die Kulissen geben, die sich untereinander austauschen, sich
vernetzen über Grenzen hinweg und dass daraus neue Projekte entstehen; das Publikum, das
mit den Filmschaffenden und vor und nach den Filmen angeregt diskutiert. Kino ist ein Erlebnis
– nicht nur auf der Leinwand, sondern vor allem auch davor und danach, dazwischen und
außerhalb.

Abbildungen:

EXGROUND-Leitung: Andrea Wink und Gerald Pucher

FILMZ-Leitung: vlnr.: Kai Graw, Hannah Wieland, Nico Friedt

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