Kunst

KUNST ODER K.R.A.M?

Die Evolutionäre des Wiesbadener freien Kunst-Kosmos Gemessen an der Einwohnerzahl ist Wiesbaden ein bedeutender Hub für Kulturschaffende. Doch wo abseits des Schlachthofs findet man „Subkultur“? Ein Abstecher von der hiesigen Kulturroute („65“) lässt Nebenstraßen voller aufstrebender Künstler:innen entdecken – sogar über die Stadtgrenzen hinaus. Droht die Bubble des freien Kunst-Kosmos mit den sinkenden Kulturetats zu platzen? Oder erobern die gut vernetzten Underground-Kämpfer künftig aus eigenen Kräften die Stadt? Ein Blick in die Black Box der hiesigen freien Kunstszene.

Yvonne Kirchdorfer 27. März 2026 11 Min. LesezeitAusgabe 11
KUNST ODER K.R.A.M?
„Manchmal dauert es Monate, den richtigen Ansprechpartner zu finden, um dann festzustellen, dass doch irgendwo noch ein Sicherheitshaken ist“, so hat es Esther Malik bei einem Gebäude am Bismarckring erlebt.

Die Evolutionäre des Wiesbadener freien Kunst-Kosmos

Gemessen an der Einwohnerzahl ist Wiesbaden ein bedeutender Hub für Kulturschaffende. Doch wo abseits des Schlachthofs findet man „Subkultur“? Ein Abstecher von der hiesigen Kulturroute („65“) lässt Nebenstraßen voller aufstrebender Künstler:innen entdecken – sogar über die Stadtgrenzen hinaus. Droht die Bubble des freien Kunst-Kosmos mit den sinkenden Kulturetats zu platzen? Oder erobern die gut vernetzten Underground-Kämpfer künftig aus eigenen Kräften die Stadt? Ein Blick in die Black Box der hiesigen freien Kunstszene.

Fünf Jahre existiert das feuilleton nun – fünf Jahre, in denen auch die Kunst- und Kulturszene in Wiesbaden reifen konnte. Faszinierende Kunst hängt längst nicht mehr nur in cleanen White Cubes der großen Museen und Galerien; auch in den Hinterstuben des Westends und anderer Viertel tut sich was. Doch wer ist diese „freie Kunstszene“ in Wiesbaden überhaupt? Wie bedeutsam ist sie? Wie lässt sich ein Bild des nach außen Unsichtbaren zeichnen?

Drei Merkmale der freien Kunstszene:

1. Sie ist selbstorganisiert und damit geprägt von Eigenständigkeit gegenüber institutionellen und     kommunalen Einrichtungen.

2. Sie beschreibt künstlerische Ideen jenseits kommerzieller Zwecke und bleibt weitgehend frei von     inhaltlichen Vorgaben.

3. Sie wirkt mit ihrem kreativen Potenzial in alle Lebensbereiche hinein und trägt zur kulturellen,     gesellschaftlichen Vielfalt bei.

RAUS AUS DEM SCHATTEN, REIN INS LEBEN: DIE WIESBADENER BÜHNEN DER FREIEN KUNST

Die besten Gespräche über die freie Kulturszene finden nicht in sakralen Kunsthallen statt. Sondern da, wo sie lebt. Die Künstlerin und Kulturnetzwerkerin Alicia Scheld empfängt mich an einem sonnigen Sonntag im „Walhalla im Exil“ in der Nerostraße. Innerhalb weniger Tage hat sie neun freie Kulturschaffende für ein Interview organisiert, einen Querschnitt aus allen Sparten. Wir sitzen im Hinterraum des „Exils“ und zoomen sortiert ins Wirkungsfeld der Einzelnen – enden soll es in einer angeregten Diskussion über die kulturelle Lage der Stadt.

Atmosphärisch fühle ich mich ein wenig in die berühmte New Yorker „Factory“ des Teams um Andy Warhol versetzt, die damals zugleich Atelier, Filmstudio und Partylocation war. Zwar ist das „Exil“ alles andere als eine Hommage an die Konsumsucht oder dekadente Opiatexzesse der Pop-Art-Generation, sie bildet aber einen ähnlich offenen Hub für kulturelle Kuriositäten wie Warhols „Factory“. Um mich herum sitzen im Halbdunkel auch nicht die Velvet Undergrounds des KI-Zeitalters im Stroboskopeffekt, aber ähnlich ambitionierte und ausdrucksstarke junge Künstler*innen, die sich in der Stadt zwischen Sedanplatz, „Brückenschlag“-Bänken und Event-Locations gefunden haben und dieses soziale Kapital verteidigen. Im Raum schwebt der leicht trotzige Intellekt einer 60er-Jahre-Bohème und die Energie unaufhaltsamer Kreativität – so stellt man sich den Spirit von Macher*innen vor, die künftig Geschichte schreiben.

DIE BUBBLE ALS GUM: „FREIE KUNSTSZENE“ IST EIN DEHNBARER BEGRIFF

Die Künstler*innen kennen sich persönlich von Events oder gemeinsamen Aktionen. Daraus abzuleiten, hier säße lediglich eine nicht repräsentative Bubble an Nachwuchs-Kreativen, wäre jedoch der falsche Ansatz. Selbst wenn die unabhängigen „Altmeister“ Wiesbadens an diesem Tag nicht anwesend sind, so findet Vernetzung und Diskussion mit den „Neuen“ statt. Generell ordnen sich die meisten der neuen Künstler*innen nicht einer einzelnen Kultursparte zu. Die Mehrheit arbeitet interdisziplinär, probiert sich aus, setzt jedoch Schwerpunkte.

„Kunst ist für mich eine Ausdrucksform, um politische Themen für eine breite Masse greifbar zu machen“, sagt Esther Malik. Sie redet von ihrem Stuhl in abgewogenen Sätzen, ist überall in der Bildenden Kunst zu Hause und nutzt Formate wie Malerei, Text, Fotografie oder Klanginstallation. Andrew Polasek und Jascha Bühler, an diesem Tag ebenfalls dabei, geht es mehr um die große Geste, um die kritische Auseinandersetzung mit dem System. Ihren humanistischen Ansatz transferieren sie auf ihre Kunst-Events, was unter anderem heißt: Menschen zusammenbringen, die sich sonst nie über den Weg laufen würden – möglichst bunt und divers.

THE NET WORKS: WIESBADEN ALS GROUND BASE FÜR DIE NEUE KUNSTSZENE IM (MANGELNDEN) RAUM

Prinzipiell agiert die freie Kunstszene in Wiesbaden im Schatten der Öffentlichkeit, zumal sie auf der von der Berichterstattung bedachten Kultur-Schlagader selten anzutreffen ist. Das geschieht nicht immer aus freien Stücken: Fehlende Räume und Zugänge in Wiesbaden zwingen die meisten „Freestyler“, sich auf Nebenstraßen, Plätze, Bars und Hinterhöfe bis Mainz oder Frankfurt zu verteilen – oder eben ins „Walhalla im Exil“. Dort haben die beiden Musiker Theo Lorenz und Nikolas Zimmer mit der „Walhalla Jam Session“ jedenfalls ihre Plattform gefunden. Für Letzteren gestaltet es sich schwierig, als Musikproduzent in Wiesbaden beruflich anzudocken. „Hier fehlt einfach der Raum dafür“, sagt er. Stattdessen erscheint sein Elektrosound inzwischen auf einem Label in Texas.

Um seine Berufung leben zu können, nutzt man eben alle kleinen Pfade, die sich im „Kultur-Exil“ auftun. Dennoch – und da sind sich alle Anwesenden einig – existieren in Wiesbaden prinzipiell optimale Entfaltungschancen für Kunstschaffende. Der Grund: Die Stadt sei kompakt und böte ihrem Publikum lediglich ein überschaubares Angebot. Das fördere ein intensiveres „Connecten“ als in größeren Metropolen. „Es gibt eine rege Corner- und Kiezkultur“, bestätigt Jascha Bühler. In Wiesbaden sei er durch die „gepolishte Oberfläche“ schnell in die freie Szene eingetaucht und fühle sich im Vergleich zu seiner Herkunftsstadt hier mehr zu Hause.

THE UNSTOPPABLES: DIE „KLEINE“ KUNSTWELT ALS GROSSER GEWINN

Alle Anwesenden sind der Stadt für die zahlreichen kulturellen Fördermöglichkeiten dankbar. Umgekehrt sehen sie ihre frei organisierten Events und Ausstellungen als kontinuierlichen Gewinn für partizipative, zutiefst demokratische Prozesse im Stadtgeschehen. „Wir tun enorm viel dafür, dass Wiesbaden sich lebenswert entwickelt; jede kleine Aktion von uns trägt dazu bei“, so Laura Yurtöven. „Irgendwie scheint es auch zu fruchten, sonst wären wir längst alle weg.“ Wenn sie spricht, schimmert mit jedem Wort der Tatendrang der guten, alten „Do-it-Yourself“-Kultur durch, die man aus den Anfängen des Schlachthof e.V. kennt. Die Neuen sehen in kontrollierten Kulturkonzernen jedoch wenig kreativen Entfaltungsspielraum.

BACKSTAGE ART: KAUM SICHTBARKEIT & FEHLENDE EINBINDUNG IN PLANUNGEN

Was die freie Szene beklagt, ist fehlende Sichtbarkeit und Wertschätzung durch größere Kulturinstitutionen und die Stadtpolitik. „Mehr Augen auf uns Jüngere und eine Plattform, über die wir gesehen werden“, wünscht sich Musiker Theo Lorenz. Die Bildende Künstlerin Esther Malik organisierte kurzerhand zusammen mit weiteren eine Ausstellungsreihe für ungesehene Kulturschaffende im Godot in der Westendstraße – gefördert durch das Kulturamt.

Obwohl der künstlerische Zusammenhalt der freien Szene stetig wächst, bleibt die Resonanz von Politik und Medien gering. „Mit dem ehemaligen Sensor-Leiter Dirk Fellinghauer ist ein wichtiger, unabhängiger Vernetzungsapparat verschwunden“, bedauert Laura Yurtöven. „Er kam spontan bei uns vorbei und berichtete“. Die Künstlerin ist ein kreativer Tausendsassa: Experimentalfilmerin, Szenografin, Requisiteurin oder Bastelfreak. Hierfür leitet sie das „Labor Westend“, ein Mix aus Atelier, Galerie, Projekt-Hub, Abhängplatz und Dauerfundus für Ideen, Requisiten und Kram. Ihre Karriere als „Kulturknotenpunktvernetzungsmöglichkeit“, wie sie sich selbst nennt, startete mit ihrem Projekt „Taten und Drang“ im „Marleen“ im Einkaufszentrum Lily während der Pandemie.

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Viele freie Kulturschaffende engagieren sich ehrenamtlich und mit hohem Zeitinvest, obwohl sie davon nicht leben können – ein mitunter existenzgefährdendes Engagement, das nach außen selten durchschimmert. Zwar hätten einige ihre „kleine, feine Base“ gefunden, so Laura Yurtöven, aber selbst diese kämpften um ihre Räume und Existenz. Die freien Akteur*innen wünschen sich daher eine Stimme in der Öffentlichkeit sowie eine stärkere Vernetzung seitens der Stadtverwaltung.

MEIN K.R.A.M. IST DEIN KRAM: GRANDIOSE GEMEINSCHAFTSERFOLGE TEILEN

„Wir sind Kultur in Bewegung“, so definiert der Digitalkünstler Mathias Blum Sanchez die freie Szene. Der Frankfurter gehört unter anderem zur Künstlerinitiative „Interzone“ in den Community Spaces („2. OG“) der SCHIRN-Kunsthalle. Allerdings fühlt er sich dem „inklusiven“ Wiesbaden-Kosmos wesentlich verbundener: „In einer anderen Stadt hätte ich meine Affinität zur Kunst nie so schnell wahrnehmen oder von heute auf morgen motiviert realisieren können“, sagt er. Die Tür zum „2. OG“ öffnete sich für ihn durch den Mitmach-Abend „K.R.A.M.“ (Kunst – Raum – Aktion – Musik) im Museum Wiesbaden. Die Veranstaltung sprengte mit über 300 überwiegend jungen Besucher*innen nahezu die zur Verfügung gestellten Räume.

Zum Orga-Trio von K.R.A.M. gehörte auch Alicia Scheld, ein Vorstandsmitglied der „Jungen Freunde des Museum Wiesbaden“. Das Biebricher Quartiersmanagement gab der Künstlerin im Jahr 2024 die Möglichkeit, einen Supermarkt in der Galatea-Anlage in ein Gemeinschaftsatelier umzuwandeln. Dort organisierte Alicia Scheld 2025 mit ihrem Künstlerinnenkollektiv „Ragazzia“ ein einwöchiges Festival mit Poesie, Performance, Film, Musik – nicht zuletzt, um vor allem Künstlerinnen die Hemmschwelle zur Präsentation zu nehmen. Die gut besuchte Veranstaltung hatte „Ragazzia“ neben reinen Ausstellungsflächen mit liebevoll gestalteten Raum-im-Raum-Ideen angereichert, darunter ein Kino, eine Bühne oder ein Kunst-Kiosk sowie kreativer Mitmach-Space. Die Presse blieb trotz Werbung aus und inzwischen wurde ihr der Raum schon wieder gekündigt. „Man fühlt sich wie ein Wanderzirkus“, so empfindet sie es.

„WIR HACKEN FÜR WIESBADEN“: „GROBER UNFUG“ UND DIE EWIGE KUNST DER LEBENSCOLLAGE

„Wir erhalten keine festen Orte, deshalb hacken wir für Wiesbaden und spielen mit den Mitteln, die existieren“, sagt Jascha Bühler. Das heißt: Keine Mühe wird gescheut, um in temporäre Begegnungsräume künstlerisch Bewegung zu bringen. Zusammen haben beide mit fünf Freund*innen die Gemeinschaft „Grober Unfug“ ins Leben gerufen, die langfristig künstlerische Schnittstellen – analog einem PC – schaffen soll. Bei ihrer Veranstaltung „Kabelsalat“ in einer Mainzer Bar schufen sie eine Bühne für rund 15 Kulturschaffende, darunter Mathias Blum Sanchez. Es entstand ein spartenübergreifendes Format von Ausstellung über Performance bis Konzert, bei dem Leben und Kunst für mehr als 250 Gäste zur öffentlichen Collage verschmolzen.

Die freie Kunstszene scheint auf Geben und Nehmen gebaut zu sein, auf freiwillige Partizipation und vor allem: auf gemeinsames Tun statt Zerreden. Nichts wird aufgehalten durch starre Zielvorgabe oder zeitfressende Planungen. Stattdessen bündelt ein zeitlich und finanziell knapper Rahmen die Energien und lässt Kunst im konzentrierten Prozess entstehen. Man könnte auch sagen: Der schöpferische „Flow“ der freien Szene ist frei komponierte „Kunst in Aktion“ – exakt das gilt als ein Merkmal der offiziell in Wiesbaden manifestierten Kunstrichtung „Fluxus“. Die Aktionen der Neuen werden zum fixen Teil des eigenen Lebens und ziehen immer größere Kreise nach dem Motto „Sharing is Caring“.

KULTUR-GENTRIFIZIERUNG STATT NEO-FLUXUS: KEINE KULTURPLANUNG OHNE ZIELGRUPPE

Mit ihrer Aktionskunst hat die freie Szene eine Art subkulturellen „Neo-Fluxus“ erfunden. Diesen würde man zum jetzigen Zeitpunkt sicher nicht ins Lexikon der arrivierten Kunstrichtungen aufnehmen. Denn: „Die Zugänge zu den geschlossenen Gesellschaften etablierter Kulturinstitutionen bleiben der freien Szene in der Regel verwehrt“, sagt Alicia Scheld. Immerhin scheinen sich die Türen bei Veranstaltungen wie der „Kurzen Nacht der Galerien“ oder der „Biennale“ zu öffnen – wenn auch nur, um mehr oder weniger ehrenamtlich mitwirken zu dürfen. Die Künstlerin erkennt darin eine Art „Kultur-Gentrifizierung“, die sich auch in der Planung prestigeträchtiger Kulturneubauten oder -sanierungen für Millionengelder ausdrücke, anstatt kostengünstige Bestandsnutzung anzustreben. Ebenso blieben die Expertise, Bedürfnisse und Arbeitsroutinen der (freien) Kulturszene bei Bauvorhaben außen vor – so angeblich geschehen beim Skatepark unter der Schiersteiner Brücke.

HIDDEN GEMS LOST: IM DSCHUNGEL DER STÄDTISCHEN BÜROKRATIE

Trotz aller Widrigkeiten erobert die Szene mit ihren dynamischen Freestyle-Collagen aus Kunst und Leben langsam die Stadt, wenn auch derzeit nur als „Hidden Gem“ gehandelt. Fortschrittlich denkende Institutionen wie das Museum Reinhard Ernst oder Citymanagement verbinden sich bereits mit dem neuen Rhythmus und lassen lokale Künstler*innen in ihre Nischenprogramme, Workshops oder Events hineinwirken oder Leerstände beleben. Die Kehrseite für die Kulturschaffenden: Gerade das spontane „Pop-Upping“ erweist sich als ausgesprochen energieraubende Aufgabe. Stetige Übergangsnutzungen, Ein- und Auszüge, bürokratische Hürden, das monatelange Abklopfen der zu erfüllenden Auflagen, um am Ende doch ohne Genehmigung oder mit Blitz-Kündigung dazustehen – all das macht auch jüngere Menschen mürbe. „Manchmal dauert es Monate, den richtigen Ansprechpartner zu finden, um dann festzustellen, dass doch irgendwo noch ein Sicherheitshaken ist“, so hat es Esther Malik bei einem Gebäude am Bismarckring erlebt. Es müsse bessere Vorschriften für solche Zwischennutzungen geben, sagt sie – dies nicht zuletzt im Sinne derjenigen, die das Gebäude beleben und damit auch vor dem vorzeitigen Verfall schützen.

DIE SUPERPERFORMER: VERSCHWENDETES POTENZIAL FÜR DIE STADT

Wenn sinkende Kulturetats die Freiräume von Kunstschaffenden einengen, sind Ideen gefragt. Schöpft die Stadt Wiesbaden derzeit ihre Spielräume als Vermieterin tatsächlich voll aus und bietet ausreichend bezahlbare räumliche Perspektiven für die freien Kulturschaffenden? Zu oft wird Kunst als Experimentierfeld jenseits der Realität verstanden, als Spielwiese naiver Visionäre oder Entertainer. Und doch nimmt sich die kommunale Politik des Terrains „Kultur“ gerne an, bietet es doch neben einer großen, potenziellen Wählergemeinde weniger „Ecken und Kanten“ und fröhlichere Programmpunkte als so manch anderes unbequeme Thema zwischen Nichteinhaltung des Klimaschutzplans, Bildungsmisere oder dem Dilemma der Mobilitätswende.

Statt harte Wirkungsgrenzen zu setzen und Unsummen in Vorzeigeimmobilien zu stecken, müsste man nur einen Bruchteil der geplanten Investitionsgelder freien Kunstakteur*innen zugutekommen lassen, um diese aus ihrem Schattendasein zu holen. Sind nicht gerade sie die (noch) Enthusiastischen, Zähen und Leistungsfähigen der Gesellschaft, die sich ehrenamtlich bis ans Limit engagieren? Umso verständlicher, dass sich die Künstler*innen gegen kreatives Burnout schützen und lieber ihr eigenes, unperfektes Ding aus dem Handgelenk schütteln – zu ihrer eigenen Freude und der ihres Publikums.

VERTRAUEN BEGINNT DA, WO WISSEN AUFHÖRT: MEHR SICHTBARKEIT FÜR FREIE KUNST IN WIESBADEN

Ich wünschte, eines Abends würde es still werden in der Stadt. Menschen streifen durch die Straßen auf der Suche nach Kunst und Kultur. Doch alle Kulturschaffenden verweigern sich. Die kulturelle Leere im physischen Sozialraum lässt die Suchenden in ihrer „Work-Death-Balance“ zurück. Denn mit fehlendem künstlerischem Ausdruck stirbt auch die letzte Inspiration des Publikums.

Die selbst geschaffenen Räume der freien Szene sehnen sich nach Vernetzung, nach Sichtbarkeit, nach Vertrauen, Anerkennung und Entwicklungsmöglichkeiten. Zu oft baut man eine Welt, die zu den Vorstellungen finanzstarker Investoren oder existierender Kultur- und Medienkonzerne passt. Doch zählt am Ende für eine Stadt nicht Strahlkraft nach innen, hin zu den Menschen, die sie stärken und für sie langfristig nach außen wirken könnten? Wenn eine freie Kulturszene nicht existieren kann, bleibt das Leben ausgeklammert. Geben wir ihr Raum.

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Autor:in

Yvonne Kirchdorfer

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