Kultur
Improtheater – Der Phantasie freien Lauf
Versucht eine Journalistin, einen Impro-Theaterabend zu beschreiben, ist das meist sehr schwierig. Dann wird oftmals Zuflucht zu einer „knalligen“ Überschrift genommen, so dass man meinen könnte, hier habe sich etwas komplett Absurdes oder der Schenkelklopf-Abend des Jahrhunderts ereignet. Jedoch: Improtheater ist gar nicht so „knallig“. Es ist viel mehr als der „schnelle Gag“. Da sind sich alle einig, die für diesen Artikel interviewt wurden.

Wikipedia definiert es nüchtern als „eine Form des Theaters, in der dramatische Szenen ohne einen geschriebenen Dialog und mit weniger oder gar keiner vorbestimmten dramatischen Handlung dargestellt werden.
Wiesbaden und Mainz haben seit Ende der 90er Jahre eine florierende Impro-Szene. Es gibt das „kuenstlerhaus43“, wo Wolfgang Vielsack nicht nur bei „Mord in Aussicht“ seinen Kultkommissar Matschke spielt, sondern auch jede Menge Workshops für alle anbietet. Es gibt „subito“, mittlerweile eher in Idstein operierend, die im Kulturbahnhof regelmäßig die „Rotecke“ spielen und im Gerberhaus talentierte Laien gegeneinander beim Match antreten lassen. Es gibt „Für Garderobe keine Haftung“, die die größte regionale Veranstaltung dieser Art, den Improsommer auf dem Neroberg, ins Leben gerufen haben. Die Mainzer „Affirmative“ tritt nicht nur selbst auf, sondern betreibt nach eigener Auskunft die mittlerweile größte Impro-Schule Deutschlands. Und „Restrisiko“ aus Wiesbaden entstand aus Teilnehmenden eines Workshops, die jetzt auch schon jahrelang gemeinsam auftreten. Das sind jene, die wir besucht haben – es gibt viele weitere Gruppen, von Amateur bis Profi. Was aber ist tatsächlich „Improtheater“, was macht diese Sparte der Darstellenden Kunst aus? Wikipedia definiert es nüchtern als „eine Form des Theaters, in der dramatische Szenen ohne einen geschriebenen Dialog und mit weniger oder gar keiner vorbestimmten dramatischen Handlung dargestellt werden.“ Das hat es, so das Online-Lexikon weiter, schon in der Antike gegeben, in der „Commedia dell’arte“ und Anfang des 20. Jahrhunderts als „Stegreifkomödie“ mit psychotherapeutischen Zielsetzungen.
In den 70er Jahren schuf Keith Johnstone in England das Konzept „Theatersport“, in dem zwei Ensembles um die Gunst des Publikums spielen. Den Begriff ließ er sich schützen, deswegen umgehen das mittlerweile viele mit Begriffen wie „Impro-Match“. Und eine WM im Theatersport hat es in Deutschland auch bereits gegeben: im Rahmen des Kunst- und Kulturprogramms der Bundesregierung zur FIFA WM 2006 in elf deutschen Städten. Diese WM wurde von Belgien und Kanada gewonnen.
Spaß ist ein zentrales Element beim Improtheater. Es vergeht kaum eine Vorstellung oder ein Workshop ohne Lachen. Aber es ist sehr viel mehr als bloßer Klamauk. Darauf legen alle von uns befragten Impro-Schauspielenden großen Wert. Das Wichtigste beim Improspielen: annehmen, was geboten wird. Und das ist eine Fähigkeit, die viele nicht haben – oder die verloren ging. Zu viele Vorbehalte und Nachdenken, Hemmschwellen und Ängste – zum Beispiel vor der Blamage – lassen die Spontaneität schon bald nach der Kindheit schwinden. Ein guter Impro-Schauspieler muss sich diese wieder erarbeiten. Und das kann man tatsächlich üben, obwohl „Improvisieren üben“ sich zu widersprechen scheint.
Alle Ensembles proben und erlernen Handwerkszeug. Das ist anders als klassisches Schauspiel, weiß Wolfgang Vielsack vom kuenstlerhaus43, der auch über eine Schauspielausbildung verfügt. „Immer, wenn improvisiert wird, fange ich an zu leben. Wenn was auf der Bühne schiefgeht, sind das für mich die schönsten Aufführungen.“ Wobei es dann ja nicht „schiefgeht“ und die Zuschauer zu Buh-Rufen animiert. Sondern es wird mit der spontanen Reaktion der Spielenden auf der Bühne geschickt gearbeitet. „Du gehst als Figur raus und reagierst auf die Leute. Impro ist für mich Lebensphilosophie. Nimm an, was kommt, etwas anderes gibt es nicht. Das ist das Beste, was du haben kannst. Da muss man natürlich ein bisschen verrückt sein“, gibt Vielsack zu.
Comedy
Paul Ziehmer von der Affirmative sagt Ähnliches. „Wie gehe ich mit Ideen der anderen um: ‚Ja, genau‘, das ist die Reaktion. Kontrolle abgeben. Das kann man üben.“ Es habe auch Abende gegeben, an denen das Publikum „nicht so mitging“. Aber jetzt, sagt Ziehmer, „scheitern wir nicht mehr, weil wir die entsprechende Routine haben, die Gelassenheit, die Erfahrung. Wir wissen mittlerweile, wie man mit unterschiedlichen Situationen umgehen kann.“ Ist das Kunst oder Arbeit? „Ach, wir sagen: weder Kunst noch Arbeit, es ist Handwerk, und wir machen Comedy. Aber natürlich ist es auch eine Kunst, gute Comedy zu machen“, meint Ziehmer. Dabei ist es wichtig, dass sich die Truppe auf der Bühne das entsprechende Vertrauen gegenseitig entgegenbringt. „Das muss da sein“, sagt Sybille Schröpel von Restrisiko. „Dann fühlt es sich gar nicht wie Arbeit, sondern wie ein Flow an.“
Auch Restrisiko, vor 20 Jahren aus Teilnehmenden eines Workshops von Frederik Malsy entstanden, probt jede Woche. „Scheiter heiter“, das ist eine Devise. „Wir üben Handwerk, Charakterentwicklung, Szenenaufbau, Assoziationen. Aber wir lachen uns dabei auch kaputt“, beschreibt Sybille Schröpel. Nach etwa einem Jahr Probenzeit wagte sich das Ensemble vors Publikum. Bernhard Mohr von Subito spricht vom „Charme des Unperfekten“: „Man kann dem Affen Zucker geben oder auch nicht, das hängt von der Kunst der Spieler ab. Es gilt, das rechte Maß zu finden. Auch Zuhören können ist sehr wichtig.“
In einem festen Ensemble geht das sicher einfacher, aber wer genügend Erfahrung hat, kann auch mit Menschen, die er vorher noch nie gesehen hat, etwas Magisches entstehen lassen, so Malsy: „Kürzlich war ich bei einem Auftritt in Düsseldorf engagiert. Mit einer Kollegin, mit der ich noch nie gespielt hatte, habe ich eine sehr tiefe und theatrale Szene improvisiert. Es ist also nicht unbedingt notwendig, eine Routine zu haben, wenn alle ihr Handwerk beherrschen und verstehen, wie Improvisation funktioniert: zuhören, einlassen, Form geben. Rhythmus, Tempo, Sprache, Positionen auf der Bühne, Status, Beziehung der Charaktere, die Story... Das alles sind Elemente, die zu einer gelungenen Szene gehören. Wenn alle Spielenden wissen, wie sie das in der Improvisation gestalten, dann kann es magisch werden.“
Teambuilding
In einem festen Ensemble sei es wichtig, ein gemeinsames Spielverständnis zu entwickeln. Solche Techniken könne man auch für Firmenaufträge einsetzen. Teambuilding mit Impro-Methoden bieten fast alle Ensembles an. Und auch dabei gelte: die Belegschaften sollen mal was anderes machen, miteinander lachen – aber auch lernen, sich ohne Vorbehalte aufeinander einzulassen. „Ein häufiges Einsatzfeld für uns sind Veränderungsprozesse in Firmen. Diese werden häufig auf der reinen Prozessebene eingeleitet und kommuniziert. Wenn Veränderung jedoch wirklich gelingen soll, müssen alle Mitarbeitenden an einem Strang ziehen und loyal zusammenarbeiten. Improvisationsübungen können Teamwork und Zusammenhalt stärken und die Veränderungen auch emotional positiv erlebbar machen“, beschreibt Frederik Malsy die Methode. Und Paul Ziehmer von der Affirmative meint: „Wenn du Spaß hast, lernst du besser. Barrieren kann man abbauen: Man will erstmal nicht blöd wirken, man ist immer auf der Hut. Wenn wir das abbauen, können wir das Potenzial in allen wecken. Es geht nicht darum, alle Regeln über Bord zu werfen. Nur ein paar Prozent mit in den Arbeitsalltag nehmen, einen kleinen Funken.“
Musik
Wichtig für die meisten Ensembles ist die Musik. Oft sitzt ein Musiker oder eine Musikerin am Keyboard und sorgt – ebenso spontan wie die Schauspielenden – musikalisch für die passende Atmosphäre. Helga Liewald von Subito schätzt es als ausgebildete Sängerin sehr, auf der Bühne nicht nur zu spielen, sondern auch spontan in Gesang ausbrechen zu können: „Besonders gerne improvisiere ich als Sängerin aus einer Figur heraus Lieder aller Genres zusammen mit Michael Bibo, Uwe Oberg oder Marek Herz.“ Auch Liewald ist bei Workshops aufs Impro-Genre gestoßen und hängengeblieben. „Die Hofnarren sein zu dürfen, ist eine so wundervolle Aufgabe. Da braucht es Fußspitzengefühl, wem man wann wie lange auf die Füße treten darf. Am Anfang hätte ich nie gedacht, dass ich mich ausgerechnet das Gesellschaftskritische trauen würde, denn es erfordert Mut.“
Die Ensemblemitglieder haben durch ihre Fähigkeiten bei ihren Auftritten viel erlebt. Von „mehreren tausend Einsätzen in den letzten 24 Jahren“ spricht Frederik Malsy. Da seien ihm nicht nur komische, sondern auch zutiefst berührende Momente in Erinnerung: „Ich erinnere mich an ein Gedicht, das ich im Rahmen einer Vorstellung von ‚Impro meets Poetry‘ verfasst habe, kurz nach der Invasion der Russen in die Ukraine. Während meines Vortrags, hatten einige Tränen in den Augen und nach der Show kamen sie zu mir, um mir zu danken, dass ich ihrer Hilflosigkeit, Trauer und Wut Ausdruck verliehen habe.“
Paul Ziehmer erinnert sich an die Coronazeit, die man mit Zoom-Kursen überbrückt habe. „Plötzlich haben wir mit Leuten aus ganz Deutschland gespielt. Dass wir mit der Affirmative diese Coronazeit überlebt haben, ist ein Riesenerfolg gewesen.“ Bei der Affirmative spielt man hauptberuflich, Ziehmers Kollegin Claudia zum Beispiel ist studierte Juristin, aber voll auf Impro umgestiegen. Da war es nicht einfach, die Zeit ohne Publikum auch finanziell zu überbrücken – aber es hat geklappt.
Magie
Zoom war und ist für die Wiesbadener von Restrisiko auch eine Möglichkeit, Kontakte zu Gruppen aus Partnerstädten zu pflegen. „Wir haben einen guten Austausch mit einer israelischen Gruppe. Inklusive digitaler Proben und Auftritte. Auch mit Wroclaw oder Tunbridge Wells. Da waren auch Sprachbarrieren mal Impro-Themen.“ Wolfgang Vielsack berichtet von spannenden Momenten mit zunächst Unbeteiligten: „Ein Mann saß im Publikum, ich als „Kommissar“ hatte keinen Assistenten, ich nahm ihn. Der war grandios, ich war sprachlos. Hatte ihn vorher noch nie gesehen. So etwas ist phantastisch. Auch eine Frau hat mal spontan auf der Bühne die Leiche gespielt, auch sie war phantastisch, hat dann mit mir sogar ein Duett gesungen. Ich wollte ihre Adresse haben, damit ich sie zum weiteren Mitspielen überreden konnte, aber sie ist leider einfach gegangen“, erinnert sich der Intendant vom kuenstlerhauses43.
Magie kann also entstehen – unter den Spielenden, zwischen ihnen und ihrem Publikum, kein Abend ist wie der andere, planen lässt sich wenig: das gerade macht den Reiz aus. Und natürlich: gelacht wird auch und der Alltag, der sonst mit seinen Problemen, Unwägbarkeiten, Hindernissen und Vorbehalten meist unsere Gedanken dominiert, den kann man mal abschalten – auf der Bühne, bei einer Workshopteilnahme oder auch einfach im Publikum. Momentan eine besonders verlockende Idee.
Mehr Informationen zum Artikel unter den Theaterhäusern:
www.dieaffirmative.de
www.kuenstlerhaus43.de,
www.fgkh.de
www.subitotheater.de
www.restrisiko.info
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