Kultur
Geschliffene Dialoge und gut gezeichnete Figuren
Seit 15 Jahren begeistern die „Kammerspiele“ im Gemeindehaus der Bergkirche mit Stücken, die unter die Haut gehen, – meist Komödien aus Frankreich. Längst gibt es eine treue Fangemeinde, nun würdigte auch die Politik das Theaterensemble mit dem Wiesbadener Kulturpreis 2023.

Gemütlich in Türkis und Ockergelb eingerichtet, bei näherem Hinsehen entdeckt man noch einige charmante Details wie zum Beispiel Kristallgläser, geschickt eingebaut in die Kristallleuchter an der Zimmerdecke.
Gregor Michael Schober empfängt in seiner „Kammerbar“. Gemütlich in Türkis und Ockergelb eingerichtet, bei näherem Hinsehen entdeckt man noch einige charmante Details wie zum Beispiel Kristallgläser, geschickt eingebaut in die Kristallleuchter an der Zimmerdecke. Das kleine Theater hat einen ganz speziellen Altbaucharme, zumindest bis zum Theatersaal, der ganz klassisch als „Black Box“ gestaltet ist. Flur und Bar zeigen aber deutlich, dass man sich in einem besonderen Haus befindet. Es ist das im neugotischen Stil erbaute Gemeindehaus der evangelischen Bergkirchengemeinde, wo Schober im Jahr 2009 sein kleines Theater eröffnet hat.
Eigentlich ist er von Hause aus Schauspieler, hat auch in früheren Zeiten an Stadttheatern gespielt. „Da wurde man als Ensemblemitglied per Aushang informiert: Diese Rolle spielst du demnächst, in diesem Stück, mit diesem Regisseur. Das hatte natürlich auch was: Sicherheit, festes Gehalt … Aber mir fehlte etwas“, sagt Schober. Er wollte selbst entscheiden, was er spielt. Am liebsten in einem eigenen Haus. Wann immer er Zeit fand, spielte und inszenierte er selbstbestimmt. Und irgendwann fiel die Entscheidung: Ich mach’ mein eigenes Ding! Damals noch mit zwei Kolleginnen kehrte er in seine Heimatstadt Wiesbaden zurück.
„Wir hätten gerne im Schlachthof gespielt, hatten uns die ,Räucherkammer‘ als Bühne vorgestellt“, blickt er zurück. Doch das klappte nicht. Ein halbes Jahr bespielte man das ehemalige „Passage“-Kino, das scheiterte dann aber am fehlenden Notausgang. „Unser Schild hängt heute noch da“, sagt Schober. Es gab auch sonst diverse Baumängel am alten Kinosaal, „das hätte eine halbe Million gekostet.“ Zurück nach Frankfurt in der „Katakombe“ spielte Schober weiter, es gab auch mal einen Versuch, das dortige Bahnhofsviertel mit Kultur aufzuwerten, doch auch dies war nicht von Erfolg gekrönt. „Also wieder zurück nach Wiesbaden, mein Vater sagte: Versuch’ doch nochmal, hier was zu finden. Da habe ich einfach einen Makler beauftragt.“
Der Makler fand die pittoreske Etage im Bergkirchen-Gemeindehaus. Die musste dann auch mit einigem Aufwand umgebaut werden, wurde vorher vom Gemeindekindergarten mitgenutzt, der noch heute im Untergeschoss ist. „Wo wir heute Theater spielen, war eine riesige gelb-weiße Kletterburg“, erinnert sich Schober. In kurzer Zeit waren die Räumlichkeiten so hergerichtet, wie er es sich vorstellte. Und das erste Stück hieß „Der große Krieg“ von Neil LaBute.
Der Name der neuen Spielstätte: „Kammerspiele“. „Das Wort steht für Schauspielqualität auf hohem Niveau“, betont Schober, der herausgefunden hat, dass es außer in Wiesbaden in allen anderen Landeshauptstädten „Kammerspiele“ gab. Und seine Idee waren auch wirklich „Kammer“-Spiele, also Stücke, die man als „gehobenen Boulevard“ bezeichnen kann, die tatsächlich auch meist in einem Raum spielen, deren Hauptidee geschliffene Dialoge und gut gezeichnete Figuren sind. „Kammerspiele haben in der Regel eine psychologische Ausrichtung und legen ihren Schwerpunkt auf die Wirkung der Gespräche zwischen den Figuren“, so eine Definition. Meist sucht er Stücke französischen Ursprungs aus – „das liegt mir“, sagt Schober, der auch oft selbst mitspielt. Von der One-Man-Show am Anfang ist das Theater inzwischen auf 34 Mitarbeitende angewachsen. „Gott sei Dank liegen mir auch Sachen wie Steuern und Buchhaltung ganz gut“, sagt der Intendant. Stammregisseure an den Kammerspielen sind die Regisseure Jan Käfer, Klaus-Dieter Köhler – und Schober selbst, aber auch zahlreiche Gäste inszenieren gerne hier. Auch bei den Schauspieler:innen gibt es feste und freie Ensemblemitglieder. Und im Publikum sitzen zahlreiche Stammgäste: „Da sind Leute dabei, die kommen immer wieder, man kann sie schon fast als Abonnenten bezeichnen“, freut sich Schober.
Mit seinen leichten, aber nie anspruchslosen oder klamaukigen Komödien, besetzt mit zwei bis vier Rollen, trifft er den Nerv vieler Wiesbadener Theaterbegeisterter. Es waren schon Werke von Daniel Glattauer („Alle sieben Wellen“, „Gut gegen Nordwind“) zu sehen, von Eric Assous – „sein ,Achterbahn‘ war bei uns der absolute Dauerbrenner mit über 80 Vorstellungen!“ –, von Yasmina Reza („Gott des Gemetzels“) und vielen anderen. Dass er jetzt die künstlerische Lufthoheit über ein eigenes Theater hat, stelle ihn sehr zufrieden, sagt Schober fröhlich. Und sein Publikum sei ihm auch nach Corona treu geblieben. Die Förderungen hätten ihn über die schwierige Zeit gerettet. „Anfangs war das ganz ungewohnt, das Hamsterrad stand plötzlich komplett still“, erinnert er sich. Und dann hat er im vergangenen Jahr noch eine besondere Würdigung erfahren: Die Kammerspiele wurden mit dem Wiesbadener Kulturpreis 2023 ausgezeichnet.
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„Als der Kulturdezernent anrief, dachte ich zuerst, es geht um die Etatkürzungen”, berichtet Schober – im vergangenen Jahr mussten alle Kulturschaffenden zittern, ebenso wie viele soziale Einrichtungen. Doch dieses Mal kam aus der Politik die frohe Nachricht, dass die Kammerspiele zum diesjährigen Preisträger der Landeshauptstadt auserkoren worden waren. „Über diese Würdigung haben wir uns unheimlich gefreut“, sagt Schober. Eine Würdigung, die das mittlerweile 15-jährige Kulturschaffen des Theaterensembles auszeichnet. „Im Herbst wollen wir das Jubiläum auch ein bisschen feiern“, sagt Schober. Er suche übrigens schon länger nach einer zweiten Spielstätte und hat dabei auch ein Auge aufs Walhalla geworfen. „Wenn das irgendwann mal saniert ist, kann ich mir gut vorstellen, dort einen Abend pro Woche zu spielen“ – vor dann viel größerem Publikum als den 72 Plätzen, die er in den Kammerspielen hat. Meist seien die Abende ausverkauft, sagt Schober, „an der Abendkasse was bei uns zu kriegen, ist in der Regel nicht so einfach.“ Den genauen Überblick hat seine Mutter Brigitte, die neben zahlreichen anderen Teammitgliedern ein „Urgestein“ der Kammerspiele ist, für jeden ein freundliches Wort übrighat und alle Stammgäste kennt. Sie wird in diesem Jahr 80, sagt Schober. „Und sie ist nicht zu bremsen.“ Die Sparte „Junge Kammerspiele“ wolle er gerne wieder stärker aufleben lassen, da auch mal ein bisschen experimenteller unterwegs sein. Neu ist die „Kammerbar“, die auch an spielplanfreien Tagen geöffnet ist, es gibt kleine musikalische Beiträge mit Piano und Gesang. „Da kommt wieder ein ganz anderes Publikum“, weiß der Intendant.
Der Kulturpreis zeigt ihm an, dass er tatsächlich die richtige Idee hatte, in seiner Heimatstadt Wiesbaden kulturell aktiv zu sein. Er befindet sich damit auch in guter Gesellschaft. Den Kulturpreis gibt es seit 1951, erster Preisträger war Prof. Hans Freyer, Autor des damals in Wiesbaden ansässigen Brockhaus-Verlages. Eine echte Regelmäßigkeit stellte sich indes erst 1981 ein. Dann wurde unter dem damaligen Kulturdezernenten Prof. Franz Bertram ein neuer Name gefunden, nämlich „Preis zur Förderung des kulturellen Lebens in der Landeshauptstadt Wiesbaden“. Der Preis wurde mit 7.000 DM dotiert und als erster erhielt ihn Dramaturg und Schriftsteller Michael Schneider. Aus finanziellen Gründen wackelte der Preis Mitte der 1990er Jahre wieder, aber er wurde „gerettet“ und wird seitdem kontinuierlich verliehen. Von den Fluxus-Sammlern Ute und Michael Berger über den Wiesbadener Knabenchor und die Wiesbadener Fototage, die Juristenband, die Velvets, die Kooperative New Jazz, das Caligari, den Männerchor Sonnenberg, Exground, den Filmclub Leibniz, das Aktive Museum, den Schlachthof, das Meeting of Styles, die Jüdische Gemeinde bis zur Kunstarche 2022 – dies nur einige Beispiele: Alle wichtigen Kulturschaffenden, alle Sparten wurden bedacht.
Mittlerweile ist der Preis mit 10.000 Euro dotiert und heißt nur noch „Kulturpreis der Landeshauptstadt Wiesbaden“. Vorschläge können seit letztem Jahr von allen Bürger:innen eingereicht werden, über die Vergabe entscheidet dann eine Jury. Neben „künstlerisch-kreativer Exzellenz“ und „Pionierfunktion“ ist auch die Bedeutung der Projekte für die künstlerische Entwicklung und Vernetzung in Wiesbaden sowie die Bedeutung der Arbeit für Diversität und Vielfalt entscheidend. „Der Preis und die Auswahl sind etwas zeitgemäßer geworden“, meint Silke Bolender, die beim Kulturamt dafür zuständig ist. „Wir wollten ihn bewusst stärker mit der Bevölkerung in Verbindung bringen.“ 15 Vorschläge erreichten das Kulturamt im letzten Jahr, die Jury wählte dann die Kammerspiele aus. „Das Kulturleben unserer Stadt wird vom Potenzial der Kulturträger beeinflusst und das soll mit dem Preis entsprechend gewürdigt werden“, sagte Oberbürgermeister Gert-Uwe Mende bei der Verleihung im vergangenen November. Das nimmt Gregor Michael Schober hocherfreut zur Kenntnis und fühlt sich dadurch wie auch durch den guten Publikumszuspruch bestätigt. „Es war eine tolle Überraschung“, sagt er.
Wie geht es kurzfristig im Spielplan weiter? In einem der nächsten Stücke namens „Sechs Tanzstunden in sechs Wochen“ wird Anja Kruse, bekannt aus Serien wie „Traumschiff“ und „Schwarzwaldklinik“ auf der Bühne stehen – auch solche Stars holt Schober nach Wiesbaden. Dieses Stück hat einen amerikanischen Autor, sonst zeigt sich der Spielplan tatsächlich schwerpunktmäßig eher französisch inspiriert. „Diese Stücke sind meistens auf den Punkt übersetzt, sind einfach tolles Schauspielfutter“, sagt Schober. „Die Tür nebenan“ von Fabrice Roger-Lacan kommt im Juni, „Eine wunderbare Trennung“ von Gérald Aubert als deutsche Erstaufführung bereits im März. Weiter auf dem Plan: „Die Wahrheit“ von Florian Zeller, „Glück“ von Eric Assous und „Zwei wie wir“ von Norm Foster mit Gregor Michael Schober auf der Bühne, denn das macht er nach wie vor gerne. Mit der Kirchengemeinde gebe es direkt keine Berührungspunkte, sagt der Intendant auf Nachfrage. Vermieter ist auch nicht die örtliche Gemeinde, sondern die Landeskirche. Aber die Koexistenz mit Gemeinde und Kita unter einem Dach funktioniere prima – und der besondere Charme des historischen Hauses tut sein Übriges, um die Kammerspiele zu einem inspirierenden Ort zu machen.
Dass im Bühnenraum die Zuschauer nahe ans Bühnengeschehen rücken, gehört ebenfalls zum Konzept: Intime Atmosphäre, die es erleichtert, sich von den Themen der Stücke berühren zu lassen. „Denn das wollen wir erreichen: Die Zuschauer emotional mitnehmen“, sagt Schober. Das fällt dann tatsächlich leichter als auf einer entfernten oder gar erhöhten Bühne: „Manche kommen raus und haben Tränen in den Augen“ – auch mal vor Lachen natürlich, denn Komödien finden sich zahlreich im Spielplan. Mit den Ensemblemitgliedern kann das Publikum anschließend auf Wunsch in der Bar meist noch ins Gespräch kommen, auch nach der Aufführung kann man hier auf den gemütlichen Sofas ein Glas Wein trinken. „Die Nischen-Idee von vor 15 Jahren ist aufgegangen, und das ist mit dem Preis jetzt auch gewürdigt worden“, meint Schober, der die Hoffnung aufs Walhalla nicht aufgibt, auch wenn da momentan noch gar kein Zeitplan abzusehen ist. Aber groß denken ist ja durchaus erlaubt.
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