Kunst
Expressis verbis
Merħba f

Beispielsweise für die Sanierung des in einem historischen Stadtpalast Vallettas eingerichteten archäologischen Museums: seit Jahren der zeitgemäßen Präsentation der Schausammlung bedürftig.
Merħba f'Malta – willkommen im Meer der Biennalen
Die feuilleton-Kolumne von Dorothee Baer-Bogenschütz
Er war der erste deutschstämmige Großmeister des Malteserordens und zugleich der letzte – seine Amtszeit der Anfang vom Ende. Mit dem unentschlossenen und viel zu gutgläubigen Deutschen an der Spitze der Ordensgemeinschaft war Malta weder wehrhaft genug noch gegenüber Napoleon strategisch gut aufgestellt. Selbst die Verräter in seinem Umfeld registrierte er nicht. Insofern gibt Ferdinand von Hompesch (1744–1805) kein glanzvolles Bild ab, wiewohl der Großmeisterpalast in Valletta prächtige Porträts von ihm birgt und die seit 2010 mit Eschborn verpartnerte maltesische Stadt Żabbar – die er zur Città Hompesch erklärte – ihm eine markante Bronzebüste widmet: aufgesockelt gar neben einer historischen Kanone. Das grenzt an Satire, wo doch der Geehrte nicht einmal die Befestigungsanlagen zu bemannen vermochte. Dennoch ist der Ordensritter aus rheinischem Uradel, obwohl er nur knapp zwei Jahre im Amt war, in guter Erinnerung. Er galt zwar als schwach, doch auch als umgänglich. Ein Optimist. Alarmist war für ihn, wer die Gefahr am Horizont sah. Zu dumm. Die schlauen Franzosen schnappten sich Malta 1798. Mehr als 250 Jahre Ritterherrschaft endeten abrupt.
Armer Hompesch. Dabei könnte die Beschäftigung mit dem Glücklosen und aus heutiger Sicht nicht ganz Unsympathischen bereichernd sein. Wieso kein Film, kein Biopic? 2030 jährt sich die Ankunft der Ritter auf Malta zum 500. Mal. Maltas Filmstudios liegen unweit von Żabbar. Hompesch war im Übrigen der einzige in der langen Ritterriege, der Maltesisch sprach.
Merħba f'Malta – willkommen auf Malta! Moment mal bitte, so sagt man das auf Maltesisch? Merhaba ist eine arabische Grußformel. Die Araber hatten den Archipel, den die kleinen Inseln Gozo und Comino komplettieren, 870 erobert; Einflüsse sind bis heute spürbar. Die Stadt Mdina – arabisch für Altstadt – war die erste Residenz der Malteserritter und ist jetzt Top-Ausflugsziel dank toller Lage, nobler historischer Architektur und entsprechender Willkommenskultur mit kulinarischen Verlockungen. Mdina ist Synonym für ein maltesisches Juwel. Der mittlerweile museal anmutende Ort mit aktuell nicht einmal 300 Einwohnern wetteifert um Besucher jedoch zusammen mit atemberaubenden prähistorischen Stätten: mittlerweile oft mit State-of-the-Art-Besucherzentren und Museen didaktisch hervorragend ausgestattet und empfangsbereit. Dennoch haben die Hotels Luft nach oben. Etwa im März sind Betten frei.
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Was würde sie schöner füllen als eine Kunstbiennale? Die mit Spannung erwartete zweite Ausgabe läuft bis 29. Mai 2026 unter charismatischer Leitung und mit verbessertem Konzept, etwa bei der Wegeführung. Fußläufig ist diese Biennale dennoch nicht zu bewältigen. Bemerkenswert: Scharfe Selektion wie andernorts ist hier erst im zweiten Schritt Thema. Potenziell jeder darf mitmachen. 2026 flankieren acht Nationalpavillons 21 thematische Pavillons; Herzstück aber ist die Open-Call-Sektion, die 3.200 Bewerber anzog. Sogar die Kuratorin selbst, Rosa Martínez, hat sich beworben: eine der erfahrensten Biennalemacherinnen und bekannt unter anderem von der Venedig-Biennale. „Wir bieten eine lupenrein demokratische Schau“, so Russell Muscat von Heritage Malta. Initiator ist Mario Cutajar, Vorsitzender der Kulturerbe-Organisation. Insgesamt nehmen rund 130 Künstler teil. Die Biennale-Kosten werden auf 2,4 Millionen Euro beziffert.
Maltas Ansatz ist besonders einladend – mit einem Modewort: inklusiv. Wollen Ausrichter mit dem Instrument Biennale meist ihren Rang als Kulturnation untermauern und Kunstexpertise demonstrieren, mit der Folge manchen Déjà-vus – Besucher erwartet überall nahezu dasselbe –, so pusht Malta wesentlich die heimische Kunst. Die Biennale ist auch Förderinstrument. „Malta hat keine gewachsene Szene“, so Sprecherin Lisa Gwen Chetcuti. „Galerien sind mehr Ladengeschäfte, es fehlen Kapazitäten und Ressourcen, um Kunstprojekte zu fördern und zu betreuen.“ Dass Martínez gezielt einige international renommierte Künstler ansprechen konnte, mag die Beiträge von Etel Adnan oder der im Westjordanland geborenen Emily Jacir erklären. Sie dürften kaum dem Open Call gefolgt sein.
Maltas Biennale ist die einzige unter UNESCO-Schirmherrschaft, empfiehlt sich als die „ambitionierteste unter den Newcomern“ (Chetcuti). „Konzept und Format unterscheiden sich von anderen fundamental“, bekräftigt Muscat. „Malta vermählt die Gegenwartskunst mit dem Kulturerbe“. „Clean Clear Cut“ lautet 2026 das imperativische Motto.
Ob Malta oder Malle: Biennalen sollen nun sogar Mittelmeerinseln befruchten, die vorrangig als Touristenziele gelten. Wo Maltas Biennale das Kulturerbe anstrahlt, will Mallorca das Ballermann-Image übermalen. Die Biennal B mahnt, dass es keinen Planeten B gibt. Sie debütierte 2025, ist orientiert an lokalen Bedürfnissen und auch eine Antwort auf die Angst vieler Mallorquiner, vom Tourismus überrollt zu werden.
Seit den 1990er Jahren ist der Biennalen-Boom ungebrochen. Weltweit konkurrieren laut dem Institut für Auslandsbeziehungen (ifa) „mehr als 300 zyklische Ausstellungsformate“. Größter Wettstreit der Nationen ist die Biennale Venedig: 2026 mit der 61. Ausgabe am Start (9. Mai–22. November), ausgetragen in Räumlichkeiten, die traditionell Pavillons heißen.
Es ist schön, dass dank der maltesischen Großveranstaltung lokale Künstler Aufmerksamkeit bekommen, unter ihnen Victor Agius. Im Restaurant Al Sale, einem der besten auf seiner Heimatinsel Gozo, hängen einige seiner älteren Gemälde. Als Biennalekünstler bespielt er ein adäquates Ambiente; seine Ästhetik wetteifert nicht länger mit dem – vorzüglichen – Rotbarsch. Irritierend nur: Obwohl Gegenwartskunst im Fokus steht und die Biennale junge Kunst in alte Forts wie St Elmo oder St Angelo trägt, ist das atemberaubend in ein Fort komponierte und 2024 eröffnete Kunstmuseum MICAS kein Biennale-Schauplatz. Es gehört schlicht nicht zu Heritage Malta. Dafür die spektakuläre Festung Cittadella oder die neolithische Megalithanlage Ġgantija.
Maltas Biennale weckt Orte aus dem Dornröschenschlaf, ist ein Motor. Beispielsweise für die Sanierung des in einem historischen Stadtpalast Vallettas eingerichteten archäologischen Museums: seit Jahren der zeitgemäßen Präsentation der Schausammlung bedürftig. Chetcuti fordert zurecht Tempo: „Wir sind barock-rokoko und können es uns nicht länger erlauben, insular zu sein“. Maltas Chance, sein Kulturerbe ein halbes Jahrtausend nach der Landung der Ritter, die Maltas Aufschwung anstießen, in der Breite erfahrbar zu machen, ist ebenso wie die Gelegenheit, Hompesch ins Visier zu nehmen: jetzt.
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