Kunst
Ein Kaleidoskop der Kunst- und Kulturgeschichte
Wo kann man in Rheinhessen einen echten Picasso, Warhol, Jawlensky oder Nolde anschauen und gleichzeitig einen zweitausend Jahre alten Sarkophag aus Ägypten oder eine beeindruckende chinesische Kaninchen-Skulptur aus dem 2. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung erstaunen? Es gibt bestimmt nicht allzu viele Kulturenthusiasten, die auf diese Frage sofort eine Antwort liefern können. Denn das Museum „Obentraut 3“ in Großwinternheim, das auch unter „Kunst im alten Weingut“ firmiert, ist in der Region RheinMain noch ein Geheimtipp.

Unter den präkolumbianischen Exponaten springt dem Besucher auch eine große Goldmaske aus der Sican-Kultur ins Auge, genauso die Terrakotta-Darstellung eines Schamanen der Totonaken aus der Region von Mexiko.
Bei unserem Besuch in dem ehemaligen Weingut, dessen älteste Bauteile aus dem Beginn des 17. Jahrhundert stammen, führt einer der beiden Stifter der außergewöhnlichen Sammlung an Kunstschätzen und archäologischen Preziosen aus aller Welt persönlich durch die Museumsräume. Dirk Gemünden ist der Seniorchef des Ingelheimer Bauunternehmens Karl Gemünden, das vor allem in der Region MainzWiesbaden an renommierten Bauprojekten beteiligt war und ist.
Ob die architektonisch spektakuläre
Mainzer Synagoge, das Museum Reinhard Ernst in Wiesbaden, das Gebäude von ZDFEnterprises, das im
Herzen der rheinlandpfälzischen Lan
deshauptstadt zurzeit am Entstehen ist – der 140 Jahre alte Familienbetrieb hat einige Visitenkarten in Stein und Beton in und um die beiden Landeshauptstädte hinterlassen.
„Wir haben gesammelt, was uns selbst gefallen hat!“
Dass er bereits das achte Lebensjahrzehnt überschritten hat, ist dem
dynamisch wirkenden und quicklebendigen Dirk Gemünden nicht an
zusehen. Er kommt zum Treffen direkt von einem Geschäftstermin in Mainz. „Eine Marathonbesprechung, Bauen
ist heute kompliziert geworden“, entschuldigt er sich für seine kleine Verspätung und beginnt sofort mit Verve den Rundgang durch sein Museum. Nicht ganz ohne Stolz präsentiert er zu Beginn eine Weltkarte, auf der viele Erdteile und Regionen farblich markiert sind. „Über 100 Länder haben wir bereits besucht“, bilanziert der leidenschaftliche Unternehmer. Er und Ehefrau Heidrun haben ihr Leben lang die Welt bereist. Fasziniert von fernen Kulturen haben sie dabei eine Schatzsammlung an Keramiken, Skulpturen, Masken und Ritualgegenständen quer durch
die Jahrtausende zusammengetragen. Als Freunde und engagierte
Förderer der bildenden Kunst sammelten sie aber auch ihr Leben lang Gemälde und Skulpturen der Moderne und der Gegenwart, die sie ebenfalls nicht einer breiteren Öffentlichkeit vorenthalten wollten.
So lassen die Eheleute Gemünden in ihrem ungewöhnlichen Museum auf über 1.500 Quadratmetern kaleidoskopartig Splitter unterschiedlichster Kulturen aufeinandertreffen, angefangen von Urnen und Gefäße der fast unbekannten Kultur der Chancay in Peru und beeindruckenden Tanzkostümen aus PapuaNeuguinea, über römische Mosaike, bis zu Kunstwerken namhafter Künstler wie Joan Miró, Max Beckmann, Lyonel Feininger, Niki de Saint Phalle, oder eher regionaler Größen wie Karlheinz Oswald, Dorél Dobocan, Kubach & Kropp oder Guido Ludes.
„Wir haben gesammelt, was uns selbst gefallen hat. Die Ästhetik und die Kunst stehen im Mittelpunkt, weniger ein didaktisches oder ethnologisches Konzept.“, so das Credo, das der Museumsstifter unserem gemeinsamen Museumsbesuchs vorausschickt.
So beginnen wir den Walkürenritt durch ein Walhall der internationalen Kunst- und Kulturgeschichte mit frühzeitlichen und römischen Ausgrabungsfunden aus dem Raum Mainz-Ingelheim. Ob Haarreif und Ring aus der Hallstattzeit, Schmuck der Merowinger oder Urnen und Nägel der Römer – die Exponate sind dem regionalen Bezug geschuldet und lassen noch nicht erahnen, was den Besucher in den anderen Räumen und Stockwerken des weit verzweigten Gebäudekomplexes alles erwartet.
Nachdem wir ein beeindruckendes chinesisches Glockenspiel passiert haben, kommt Gemünden in der Abteilung südamerikanische Kunst bei einer über einen Meter hohen, rund 1.500 Jahre alten Urne der Maya aus Terrakotta ins Schwärmen: „Faszinierend die beiden Darstellungen einer JaguarGottheit, einem Zwitterwesen aus Mensch und Tier.“ Wie der Unternehmer erklärt, verkörperte der Jaguar in der Maya-Kultur göttliche Macht und Kraft.
Beeindruckt ist er ebenfalls von den figürlich gestalteten Urnen der bis heute für die Forschung rätselhaften Chancái, die zwischen 1300 und 1450 an der Küste Perus ansässig waren. Fast oberlehrerhaft streng wirkt das gemalte Gesicht einer menschlichen Figur, die in den Händen ein kleines Trinkgefäß hält. Unter den präkolumbianischen Exponaten springt dem Besucher auch eine große Goldmaske aus der Sican-Kultur ins Auge, genauso die Terrakotta-Darstellung eines Schamanen der Totonaken aus der Region von Mexiko. Die sehr detailreiche Darstellung seines Äußeren mit Pflock-Ohrringen, einem kurzen Poncho und einem beeindruckenden Federschmuck ist sehr faszinierend und die aufgemalten Augen lassen ihn fast lebendig erscheinen. Auch bei den Keramiken der Nazca, einer vor rund 1.200 Jahren untergegangenen Hochkultur in Peru, macht der Museumsstifter auf die detailreichen bildlichen Darstellungen aufmerksam. Auf Bechern und Schalen künden sie teils von grausamen Opferkulten. Abgeschlagene Köpfe, denen der Mund zugenäht oder die mit Federn geschmückt wurden, liegen aufgebahrt auf Gestellen. Blut tropft aus den Hälsen.
Auch die Kunst Afrikas nimmt viel Raum ein. Hier gibt es einige Werke des bekannten Holzbildhauers Olowe of Ise aus Nigeria zu bestaunen, der auch im British Museum in London ausgiebig gewürdigt wird. Auf geschnitzten Holztafeln wird Landesgeschichte anschaulich, ein großer hölzerner Thron aus den 1930er Jahren besticht dadurch, dass er von 15 hölzernen Figuren gestützt wird. Magisch wirken auch eine männliche Zauberfigur aus dem Kongo oder eine sitzende Frau, eine Fetisch-Figur aus Guinea, die wohl zu geheimen Kultzwecken verwendet wurde.
Eine dreitausend Jahre alte Halskette als Hommage an eine Himmelsgöttin
Das alte Ägypten ist in dem ungewöhnlichen Museum mit gleich mehreren Schätzen vertreten, die niemand in einem Privatmuseum in Rheinhessen vermuten würde. Eine über 2.000 Jahre alte Mumienmaske besticht nicht nur durch ihre leuchtenden Farben, sondern ebenso mit ihrem hervorragenden Erhaltungszustand. Auch ein ägyptischer Sarkophag-Deckel aus Zedernholz, datiert auf die Zeit 664 – 525 vor Christus, wirkt in einem ehemaligen Weingut in Rheinhessen fast irritierend, genauso eine pittoreske Statuette, die gleich drei Gottheiten in einer Figur darstellt, die für Geburt, Tod und Auferstehung stehen. Diese Ptah-Sokar-Osiris-Figuren waren am Nil einst eine beliebte Grabbeigabe. Schmuckfans und Archäologen werden sich für die 3.500 Jahre alte Kette begeistern, deren Anhänger der Himmelsgöttin Hathor zeigt. Wie haben solche Schätze den Weg nach Rheinhessen gefunden? Wahrscheinlich doch eher nicht als Souvenirs im Reisegepäck des Ehepaars Gemünden?
„Einiges haben wir über Auktionen oder über den internationalen Antiquitätenhandel erworben!“, erläutert der Museumsstifter, „den ägyptischen Sarkophag zum Beispiel über einen Händler in Paris“. Die wunderschönen, komplett erhaltenen, römischen Mosaiken in Großwinternheim stammen aus einer aufgelösten Kunst- und Antiquitätensammlung in Amerika und konnten dort erstanden werden.
Der Kontinent Asien ist ebenfalls mit verschiedenen Exponaten vertreten. Neben Buddha-Statuen gibt es furchterregende Schamanen-Masken aus Tibet zu bestaunen. Eindrucksvoll ist auch eine Figurengruppe der Khmer in Sandstein aus Kambodscha, die im 12. Jahrhundert geschaffen wurde.
Eine absolute Rarität in der hiesigen Museumslandschaft dürften Schätze aus Ozeanien, wie die Tanzkostüme aus Pflanzenfasern darstellen. Auch eine königliche Gedenkgruppe mit kunstvoll gestalteten überlebensgroßen Puppen aus Kamerun besticht durch ihre Imposanz. Reizvoll ist, dass hier und da immer wieder ethnologische Exponate aus aller Welt mit europäischen Kunstwerken kontrastiert werden. Wenn zum Beispiel eine Maske aus dem Kongo verblüffende Ähnlichkeit mit der einer in einer Lithographie Jawlenskys dargestellten aufweist.
Mit Briefmarken hat alles angefangen
Ein Bereich im Museum scheint auf den ersten Blick so gar nicht zu den übrigen Abteilungen zu passen: eine Ecke mit wertvollen historischen Briefmarken. Philatelisten wird das Herz höherschlagen, wenn sie die erste Briefmarke der Welt, die britische „Penny Black“ und die erste in Deutschland herausgegebene sehen, den „Schwarzen Einser“. Postwertzeichen aus aller Welt, darunter sämtliche je erschienenen aus Deutschland und Nepal, werden in dem außergewöhnlichen Museum präsentiert. Mit Briefmarken hat einst als junger Mensch seine unermüdliche Sammelleidenschaft begonnen. Von der heute kultur- und archäologiebegeisterte Besucherinnen und Besucher des ehemaligen Weinguts in Großwinternheim profitieren dürfen.
Schön, dass das Sammlerehepaar Gemünden die üppig bestückten Schatzkammern in Rheinhessen gestiftet hat, die für Besuchergruppen nach telefonischer oder schriftlicher Voranmeldung geöffnet werden.
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