Kunst

Die EMDE Gallery in Mainz

In unserer neuen Serie INSIGHT: GALLERY stellen wir Protagonisten der Kunstszene in Mainz und Wiesbaden vor. Ausstellungsmacherinnen und Macher, die dem, was wir lieben, was uns begeistert, ein Forum geben – und es in den öffentlichen Raum bringen. In persönlichen Interviews erzählen sie von ihrem Leben und ihrer Arbeit mit Kunst und erlauben einen Blickhinein: INSIGHT: GALLERY Diesmal sprachen wir mit Dr. Annette Emde, Besitzerin der EMDE Gallery in der Mainzer Neustadt. Sie hat ihre Galerie vor fünf Jahren gegründet.

Marc Peschke 9. Apr. 2025 8 Min. Lesezeit
Die EMDE Gallery in Mainz
Ich verstehe die Galerie als einen sich mit jeder Ausstellung wandelnden Ort des Dialogs, der Begegnung und des Austauschs – besonders bei Ausstellungen mit Arbeiten, die inhaltlich sehr tiefgründig sind.

Fangen wir doch mal ganz am Anfang an. Wie ging das eigentlich los,

mit Dir und der Kunst? Was war der Anlass, Kunstgeschichte zu studieren?

Wann begann diese Begeisterung, die Dich nun schon so viele Jahre begleitet?

Meine Begeisterung für die Kunst begleitet mich schon mein ganzes Leben. Als Kind habe ich sehr gerne gemalt und gezeichnet. In der Oberstufe habe ich dann Kunst als Leistungskurs gewählt, wo wir nicht nur praktisch gearbeitet, sondern auch einen umfassenden Überblick über die Geschichte der Kunst bis in die Gegenwart erhalten haben – also von den alten Meistern wie Giotto, Caravaggio, Breughel oder Caspar David Friedrich bis hin zu Joseph Beuys, den Wiener Aktionisten und den „Jungen Wilden“ wie Baselitz oder Lüpertz, die damals Ende der 1980er Jahre ziemlich angesagt waren. Dieser progressive Kunstunterricht hat mich nachhaltig begeistert und geprägt. Schon damals war mir klar, dass ich beruflich etwas in diese Richtung machen wollte. Konsequenterweise entschied ich mich dann auch für ein Studium der Kunstgeschichte.

Aber davor hast Du noch eine Lehre gemacht …

Richtig. Tatsächlich hatte es mir auch die Fotografie schon immer angetan. Weil ich das Medium besser kennenlernen wollte und sich die Gelegenheit dazu bot, habe ich vor Beginn meines Studiums erst einmal eine Lehre als Fotografin gemacht. Damals war die Fotografie noch analog, mit Film und Dunkelkammer – die digitale Fotografie kam erst Anfang der 1990er Jahre langsam auf. Diese intensive Auseinandersetzung mit der Fotografie hat mir nicht nur handwerkliche Fähigkeiten vermittelt, sondern auch meinen Blick enorm geschärft.

Dann ging es los: Kunstgeschichte in Mainz.

Genau, anschließend begann ich mein Studium der Kunstgeschichte in Mainz. Schon früh wurde mir klar, dass mich die zeitgenössische Kunst besonders interessierte. Dabei spielte auch mein persönliches Umfeld eine Rolle, insbesondere meine enge Freundschaft mit Martin Büsser (1968-2010), der selbst gemalt und über zeitgenössische Kunst geschrieben hat. Das hat die Art und Weise, wie ich bisher über Kunst gedacht hatte, total verändert. Ich habe verstanden, dass die Kunst der Gegenwart eine Möglichkeit bietet, die eigene Zeit besser zu begreifen. Das fand ich unglaublich spannend und ich wollte meine Abschlussarbeit daher unbedingt einem zeitgenössischen Thema widmen.

Und das war ein Thema der Fotografie …

Da mein Fokus in der Kunstgeschichte auf der Architektur lag und mir das Medium Fotografie sehr wichtig war, entschied ich mich, über die Becher-Schule zu schreiben, genauer gesagt, über die Stadt- und Straßenbilder von Thomas Struth. Damit vereinten sich meine verschiedenen Interessen: zeitgenössische Kunst, Architektur und Fotografie.

Damals – und das hat sich zum Glück heute stark verändert – war das am Mainzer Kunsthistorischen Institut ein ziemlich ungewöhnlicher Weg. Das Fach war weitestgehend auf ältere Kunst bis zum Ende des 19. Jahrhunderts und frühen 20. Jahrhunderts ausgerichtet. Zeitgenössische Kunst wurde kaum thematisiert. Trotzdem habe ich den Schritt gewagt und war schließlich die Erste am Institut, die über ein zeitgenössisches Thema promoviert wurde.

Wie bringst Du diese Geschichte, Deine Geschichte mit Deiner Arbeit heute in Verbindung?

Obwohl sich mein Werdegang damals mitunter chaotisch angefühlt hat, erkenne ich rückblickend eine klare Linie, eine Kontinuität, die sich bis heute durchzieht. Sie zeigt sich nicht zuletzt in meiner Tätigkeit als Galeristin. In meiner Galerie vertrete ich beispielsweise Götz Diergarten, einen der letzten und jüngsten Absolventen von Bernd und Hilla Becher. Im Sommersemester 2022 hatte ich außerdem die Gelegenheit, ein Seminar über die Becher-Schule am Kunsthistorischen Institut der JGU Mainz zu halten.

Interessanterweise hast Du Dich aber in Deiner Galeriearbeit gar nicht so sehr auf fotografische Positionen spezialisiert. Du bist ganz offen, was die Medien betrifft. War Dir das schon bei der Gründung der Galerie im Jahr 2020 klar?

Ja, das war von Anfang an klar. Fotografie ist für mich persönlich wichtig, weil ich selbst einen fotografischen Hintergrund habe. Trotzdem wollte ich keine Galerie gründen, die ausschließlich auf fotografische Positionen spezialisiert ist. Mein Interesse galt und gilt verschiedenen Medien und Ansätzen. Diese Vielfältigkeit ist mir wichtig. Eine Galerie

ist im besten Fall ein lebendiger Spiegel gegenwärtiger künstlerischer Tendenzen. Daher steht für mich kein spezielles Medium oder Genre im Vordergrund, sondern Künstler*innen, die sich mit aktuellen

Kunstdiskursen oder mit wichtigen Fragen der Gegenwart auseinandersetzen.

Du hast gerade gesagt, „Ich habe verstanden, dass die Kunst der Gegenwart eine Möglichkeit bietet, die eigene Zeit besser zu begreifen“. Ist das bis heute der Impetus, Galeristin zu sein? Das Selbst-Begreifen-Wollen? Die Welt verstehen wollen?

Mich hat schon immer die Fähigkeit von Kunst fasziniert, ein Bewusstsein

für gesellschaftlich relevante Themen zu schaffen und andere, neue

Perspektiven zu eröffnen. Außerdem

bin ich einfach ein sehr neugieriger Mensch und offen für Neues. Die Arbeiten meiner Künstler*innen laden ein, sich auf neue Themen einzulassen, neue Sichtweisen kennenzulernen, etwas dazuzulernen. Das empfinde ich als sehr bereichernd und inspirierend, es motiviert mich und treibt mich an. Auch die Nähe zu den Künstler*innen und das Umsetzen von Ausstellungen – das macht einfach unheimlich viel Spaß. Idealerweise gelingt es mir, in meinen Ausstellungen die gleiche Begeisterung zu wecken, die ich selbst empfinde.

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Welche Funktion haben Galerien?

Galerien spielen eine große Rolle, insbesondere für junge Künstler*innen, da sie oft der erste wichtige Schritt in der Karriereentwicklung sind. Ihnen und ihren Werken bieten sie häufig eine Plattform, bevor diese später auf institutioneller Ebene, etwa in Museen oder Kunsthallen, gezeigt werden. Dennoch wird diese wichtige Bedeutung von Galerien meiner Meinung nach oft unterschätzt. Außerdem bieten Galerien für Kunstinteressierte eine spannende Ergänzung zu Museen, Kunsthallen oder Kunstvereinen. Hier lassen sich neue Positionen entdecken. Trotzdem haben viele Menschen eine gewisse Hemmschwelle, eine Galerie zu besuchen, was vermutlich daran liegt, dass Galerien oft als reine Verkaufsorte wahrgenommen werden, obwohl sie in Wirklichkeit ja viel mehr sind: Orte, an denen Diskurse geführt, Künstlergespräche veranstaltet und so vielfältige Perspektiven auf Kunst und Gesellschaft eröffnet werden.

Kurz nachdem Du die Galerieräume angemietet hattest, kam die Corona-Pandemie. Wie war das?

Das war natürlich eine extrem herausfordernde Situation. Andere Galerien konnten, um sichtbar zu bleiben, mit digitalen Angeboten wie Online-Viewing Rooms reagieren, ihre bestehenden Kontakte pflegen und das Bestandsgeschäft fortführen. Für mich als Neugründerin war das keine Option. Stattdessen habe ich alles wesentlich langsamer angehen lassen, als ich es unter normalen Umständen getan hätte. Es gab weniger Ausstellungen und die wenigen, die stattfanden, liefen nur mit Einschränkungen ab: keine klassischen Vernissagen, nur sogenannte stille Eröffnungen und eine begrenzte Besucherzahl. Das hat es nicht leicht gemacht, sich in dieser Zeit zu etablieren. Aber letztlich hat es funktioniert.

Ich möchte noch einmal zurück zu Thomas Struth, den Du Dir als

Thema Deiner Arbeit ausgewählt hast. Was hat Dich an dem Werk

gereizt? Ist es die, wenn auch sehr subtile Kritik an den Zuständen?

Die gesellschaftlichen Fragen, die sein Werk aufwirft? Was mich

allgemein zu der Frage führt: Wie wichtig sind Dir politische Aspekte in der Kunst? Auch jetzt, in Deiner Arbeit als Galeristin?

Ja, genau. Bei Thomas Struth hat mich fasziniert und fasziniert mich bis heute, dass es in seinen Stadt- und Straßenbildern weniger um eine direkte Kritik geht, sondern vielmehr um die Ordnungen und Strukturen, die einen bestimmten Ort prägen. Sie zeigen, was über Architektur repräsentiert wird und welche gesellschaftlichen Verhältnisse sich an ihr ablesen lassen. Wobei auch die Frage nach dem „Wie“ zentral ist. Besonders beeindruckt hat mich beispielsweise das Zurückhaltende, die scheinbare Objektivität seiner Fotografien, die die Aussagekraft seiner Werke umso stärker macht.

Soll Kunst politisch oder

gesellschaftskritisch sein?

Ich habe nicht per se diese Erwartung an Kunst. Aber es ist natürlich kein Zufall, sondern eine bewusste Entscheidung der Künstler*innen, mit

welchen Themen sie sich beschäftigen und auf welche Art und Weise sie diese behandeln. Bei vielen meiner Künstler*innen besteht das Bedürfnis, sich mit politischen oder gesellschaftlichen Aspekten auseinanderzusetzen. Ein Beispiel ist die Serie „A One Storied Country“ von Chris Bierl, in der er mit seiner Kamera die Folgen des Anthropzäens am radioaktiv kontaminierten Techa-Fluss in Russland erkundet und die auf einer detaillierten Recherche basiert. Oder die Keramiken von Ivana Matić mit dem Titel „Die Anderen“, in der sie ihre eigene Herkunft reflektiert.

Welche Beispiele gibt es noch?

Da sind etwa noch die abstrakten Malereien von Vincent Kück, in denen er sich mit unserer zunehmend von digitalen Medien durchdrungenen Welt auseinandersetzt. Oder die Landschaftsmalereien von Alexandra Sonntag, die dazu einladen, über die Beziehung des Menschen zur Natur nachzudenken. Alexandra Sonntags zweite Einzelausstellung ist derzeit übrigens in der Galerie zu sehen und läuft noch bis zum 12. April.

Du zeigst neue Arbeiten, nämlich die „Homeland“-Serie: Malereien, urbane Landschaften, die zwischen Bielefeld und Herford entstanden sind. Was reizt Dich an diesen Arbeiten?

In „Homeland“ setzt sich Alexandra Sonntag kritisch mit dem Heimatbegriff auseinander – einem Begriff, der oft verbunden ist mit den Gebäuden, in denen wir aufwachsen, und den Orten, die uns umgeben. Ein zentraler Punkt ist das entfremdete oder zumindest ambivalente Verhältnis des Menschen sowohl zu seiner natürlichen als auch zu seiner gebauten Umwelt sowie der oft damit im scheinbaren Widerspruch stehenden Sehnsucht nach Heimat. Alexandra Sonntag ist eine sehr sensible Beobachterin ihrer Umwelt, die das Wahrgenommene in ganz eigene, beeindruckend vielseitige Bildwelten übersetzt, die Eigenschaften gegenständlicher und auch abstrakter Malerei vereinen und bewusst Raum für Uneindeutigkeiten lassen. Ein erster Eindruck, wenn man ihre Ausstellungen besucht, ist der der Vielfalt, als ob tatsächlich mehrere Künstler*innen am Werk waren.

Was ist bei Kunst wichtiger? Ästhetik oder Inhalt?

Für mich ist die ästhetische Qualität genauso wichtig wie die inhaltliche Tiefe. Ein Kunstwerk muss mich in der Regel zuerst visuell ansprechen, bevor ich mich mit dem Inhalt oder dem Thema dahinter beschäftige. Gesellschaftliche, politische Aspekte und ästhetische Qualitäten schließen sich dabei keineswegs aus, sondern verstärken sich oft gegenseitig.

Ich verstehe die Galerie als einen sich mit jeder Ausstellung wandelnden Ort des Dialogs, der Begegnung und des Austauschs – besonders bei Ausstellungen mit Arbeiten, die inhaltlich sehr tiefgründig sind.

Vielen Dank für das Gespräch.

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Autor:in

Marc Peschke