Kunst
Der Kunstverein Bellevue-Saal
Gesellschaftlich relevantDer Kunstverein Bellevue-Saal ist eine feste Größe für zeitgenössische Kunst in Wiesbaden

Gesellschaftliche Relevanz – der Markenkern Auch wenn der alte, lange Name des Vereins kaum mehr verwendet wird, so lohnt es sich doch, über diesen nachzudenken – über die gesellschaftliche Relevanz von Kunst.
Der Bellevue-Saal in Wiesbaden ist ein Raum voller Geschichte – und voller gesellschaftlicher Fragen. Seit 1993 zeigt der Kunstverein hier zeitgenössische Positionen, die den Status quo herausfordern. Ein Ort, an dem Kunst weitaus mehr sein darf als ästhetisch: nämlich sozial relevant.
Es ist kein einfacher Ort für Kunstausstellungen, aber ein sehr besonderer: der große, prächtige Bellevue-Saal in der Wilhelmstraße 32 in Wiesbaden. Ein weiter, langer Raum, sehr hohe Wände, Stuck an der Decke, eine Fensterreihe, Holzparkett. Alles andere als ein White Cube. „Schwer zu bespielen“, sagen die Künstlerinnen und Künstler, die hier ausstellen.
Von der Künstlervereinigung zum Kunstverein Bellevue-Saal
Und doch: Hier wird Kunst gezeigt. Seit 1993 schon. Von einem Verein, der den sperrigen Namen „Verein zur Förderung künstlerischer Projekte mit gesellschaftlicher Relevanz e.V.“ trägt, dem seit 2014 allerdings der griffigere Name „Kunstverein Bellevue-Saal“ vorangestellt ist. 1986 wurde der Verein als Künstlervereinigung gegründet und wird seitdem ehrenamtlich geführt. Die ersten Vorsitzenden waren Helmut Schulze und der Wiesbadener Galerist Gottfried Hafemann. Heute wird der Verein von Christine Pacholak und Elvira Mann-Winter geleitet, unterstützt von Rudolf Schiffer, Vivien Rathjen, Günther Brandl, Andrea Noeske-Porada, Sofi Zezmer, Jochen Fischer und Hans-Bernhard Becker.
Wichtiger Ausstellungsort für zeitgenössische Kunst
Neben dem Nassauischen Kunstverein, dem Museum Wiesbaden und dem Museum Reinhard Ernst – alle ganz in der Nähe –, dem Kunsthaus und dem Künstlerverein Walkmühle ist der Bellevue-Saal – ehemals Speisesaal des 1906 eröffneten Hotels „Bellevue“ – ein überaus wichtiger Ausstellungsort für zeitgenössische Kunst in Wiesbaden.
In der Reihe „1:1“ entwickelt eine Künstlerin oder ein Künstler aus der Rhein-Main-Region zusammen mit einer Künstlerin oder einem Künstler von außerhalb ein Konzept für eine gemeinsame Ausstellung im Bellevue-Saal. Diese dialogischen Ausstellungen sind konzeptionell einzigartig – überaus spannende Gegensätze sind hier immer wieder zu erleben. Daneben werden in „SOLO“- und Sonderausstellungen künstlerische Positionen und Arbeitsweisen präsentiert, die nach Meinung des Vorstands stärkere öffentliche Beachtung verdienen bzw. den Blick über den nationalen Tellerrand ermöglichen.
Sperrige Positionen statt leicht Konsumierbares
Zweimal im Jahr vergibt der von der Stadt Wiesbaden und von der Hattenheimer Georg-Müller-Stiftung bezuschusste Verein, der etwa 150 Mitglieder hat, ein viermonatiges Gaststipendium, das mit einer Einzelausstellung im Bellevue-Saal endet. Für die Auswahl der Künstler*innen ist der Vorstand zuständig. Und seine Auswahl fällt auf: Man setzt hier akzentuiert auf sperrige Positionen, auf nicht ganz leicht Konsumierbares.
Bis 2017 bestand für die Stipendiat*innen die Möglichkeit, während ihres Aufenthaltes in Wiesbaden in einem großzügigen Atelier im Kunsthaus auf dem Schulberg zu wohnen und zu arbeiten. Wegen des Umbaus des Kunsthauses war dies einige Jahre nicht mehr möglich. In dieser Zeit wurden die Stipendien nur für Künstlerinnen und Künstler aus Hessen und Rheinhessen ausgeschrieben, die in ihren eigenen Ateliers arbeiten konnten. Ab dem Ausstellungsjahr 2026 wird dies zur Freude des Vorstands wieder möglich sein.
Gesellschaftliche Relevanz – der Markenkern
Auch wenn der alte, lange Name des Vereins kaum mehr verwendet wird, so lohnt es sich doch, über diesen nachzudenken – über die gesellschaftliche Relevanz von Kunst. Denn hier, im Bellevue-Saal, wird Kunst weiterhin nicht nur als ästhetisches Produkt verstanden, sondern als Element menschlicher Existenz und Gesellschaft. Die Idee: Kunst ist Spiegelbild der Zeit und gleichzeitig ein Raum der Reflexion und Veränderung.
So führt Günther Brandl vom Vorstand des Vereins aus: „Aus Sicht des Vorstandes ist die Auseinandersetzung mit gesellschaftlich relevanten Fragestellungen auch und gerade heute eine wesentliche Aufgabe von Kunst und soll weiterhin Markenkern des Kunstvereins sein. Anders als in der sozialkritischen Kunst der 70er Jahre und den Ideen, mit Kunst gesellschaftliche Veränderung bewirken zu können, wird diese Aufgabe heute anders bearbeitet. Künstlerinnen und Künstler nehmen heute eher das Prozesshafte gesellschaftlicher Veränderungen in den Blick. Gesellschaftskritik oder moralisierende Stellungnahmen mit politischer Zielrichtung stehen nicht im Vordergrund, sondern eher das Thematisieren von Unsicherheiten, Widersprüchen, Beschränkungen, das Infragestellen von Gewissheiten, Zuständen und Entwicklungen, die Konfrontation mit ungewöhnlichen Perspektiven und Anregungen zur Überprüfung der eigenen Wahrnehmung unserer Welt und Gesellschaft.“
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Hinterfragen von sozialen Strukturen und Werten
In einer modernen, globalisierten Welt, in der kulturelle und gesellschaftliche Identitäten ständig im Fluss sind, nimmt die Kunst noch immer eine zentrale Rolle als Medium der Selbstverortung und -reflexion ein. Sie hilft uns, die gesellschaftlichen Strukturen und Werte zu hinterfragen, in denen wir leben. Und genau das scheint das tiefe Anliegen dieses so besonderen Kunst-Ortes zu sein, der seine Arbeit auch vorbildlich dokumentiert hat: Alle Ausstellungen seit 1994 sind in einer bisher acht Bände umfassenden Print-Ausgabe zusammengestellt.
Günther Brandl ergänzt: „Bei der Auswahl von Künstlerinnen und Künstlern hat die Frage weiterhin einen hohen Stellenwert, ob in der Arbeit grundsätzlich oder aktuell relevante gesellschaftliche Fragestellungen in differenzierter und künstlerisch hochwertiger Weise aufgegriffen werden – auch und gerade wenn diese weniger im medialen Fokus sind. Das heißt nicht, dass Positionen, die sich innovativ mit der Weiterentwicklung künstlerischer Ausdrucksweisen und -formen beschäftigen, keinen Platz im Bellevue-Saal haben, denn auch die Fortentwicklung in der Kunst ist als eine gesellschaftlich relevante Aufgabe anzusehen.“
Die Zukunft im Blick: Fototage und Ausstellung LOLLYGAGGER
Aktuelle Projekte verdeutlichen dieses Anliegen, wie etwa das gerade zu Ende gegangene Gastspiel der Wiesbadener Fototage im Kunstverein Bellevue-Saal mit dem Titel „Zukunft? Welche Zukunft?!“ und die noch anstehenden Sonderveranstaltungen, bei denen an mehreren Abenden unterschiedliche gesellschaftliche Entwicklungen zur Diskussion gestellt werden. So findet am 26. September eine Podiumsdiskussion zum Thema „Kunst und Demenz“ mit Dr. Oliver Schultz statt. Am 3. Dezember liest Armin Nufer zum Thema „Am Ende wird alles zu Staub“. Hier geht es um die Kontamination durch Mikroplastik und PFAS. Am 6. Dezember findet eine weitere Lesung statt, mit Salem Khalfani – zum Thema Literatur und Migration.
Nach den Fototagen wird im Bellevue-Saal vom 18. September bis 2. November die Schau „LOLLYGAGGER“ von Thilo Jenssen und Miriam Steinmacher zu sehen sein. Diese thematisiert die Erweiterung des menschlichen Körpers durch technische Geräte und die damit verbundenen Veränderungen unserer Wahrnehmung und Kommunikation. Und da ist sie wieder – die gesellschaftliche Relevanz!
Mit Kunst eine kritische Haltung anregen
Zurück zur Kritik: Nach der „Ästhetischen Theorie“ Adornos ist Kunst immer auch ein Vermögen des Widerstands. Kunst soll kritische Fragen stellen, Widersprüche der Gesellschaft aufzeigen und den Betrachter oder die Betrachterin zu einer neuen, kritischen Haltung anregen. Kunst, so Adorno, kann nicht nur als ästhetische Erfahrung verstanden werden, sondern als ein Werkzeug der gesellschaftlichen Veränderung.
Heute, in einer Zeit, in der Konsum und Massenkultur die Kunstproduktion noch stärker als jemals zuvor dominieren, bleibt der Anspruch der Kunst, den Status quo infrage zu stellen, immens wichtig. Und dieser wird hier wie vielleicht an keinem anderen Kunst-Ort in Wiesbaden formuliert – mit Ausstellungen und immer wieder auch mit Sonderveranstaltungen, Lesungen und Podiumsdiskussionen.
Raumgreifendes erwünscht – und auch Staubmalereien
Oft sind es Rauminstallationen, die hier gezeigt werden, betont Christine Pacholak: „Als Kunstverein haben wir die Möglichkeit, im Saal Positionen zu zeigen, die es in Galerien oft schwer haben. Ich freue mich, wenn der ganze Raum für installative Arbeiten, wie beispielsweise Raum-, Licht- oder Klanginstallationen, genutzt werden kann.“
Die letzte Schau in diesem Jahr trägt einen ganz ungewöhnlichen Titel. Line Krom zeigt vom 13. November 2025 bis zum 4. Januar 2026 „WIESBADENER STÄUBE“. Krom beschäftigt sich in ihrer Kunst mit der kulturellen und umweltbezogenen Bedeutung von Staub. Die in Wiesbaden gesammelten Staubproben dienen als mikroskopische Dokumente des urbanen Lebens, welche die Umweltbedingungen und Aktivitäten der Bewohner*innen reflektieren.
Kunst ist Spiegel, Katalysator und Werkzeug
Und auch die Ausstellung von Line Krom hat einen widerständigen Geist, stellt die Frage nach der gesellschaftlichen Relevanz der Kunst aufs Neue. Beim Besuch der Ausstellungen im Bellevue-Saal wird der große Anspruch dieses traditionsreichen Kunst-Ortes deutlich: Kunst soll Medium sein, das sowohl den gesellschaftlichen Status quo infrage stellt als auch Raum für individuelle und kollektive Reflexion bietet. Denn ihre gesellschaftliche Funktion bleibt ungebrochen: Kunst ist ein Spiegel, ein Katalysator und ein Werkzeug der Selbstverortung in einer sich ständig verändernden Welt. Kunst ist mehr als „bellevue“, als „schöne Aussicht“. So viel mehr. Zu sehen, zu erfahren, zu erleben – seit 1993 im Bellevue-Saal.
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Autor:in
Marc Peschke
