Kultur

Den Tanz ans Licht holen - Das Hessische Staatsballett feiert seinen zehnten Geburtstag mit Tanz – was sonst?

Mit der Produktion „Chronicles“ feiert das Hessische Staatsballett, zu gleichen Teilen in den Staatstheatern Wiesbaden und Darmstadt präsent, in dieser Spielzeit sein 10-jähriges Jubiläum. Es ist viel passiert in diesem Ensemble während der vergangenen zehn Jahre – Anlass genug für eine kleine Rückschau mit Ausblick in die Zukunft.

9. Apr. 2025 7 Min. Lesezeit
Den Tanz ans Licht holen - Das Hessische Staatsballett feiert seinen zehnten Geburtstag mit Tanz – was sonst?
Die Liste der Künstlerinnen und Künstler, die mit dem Staatsballett gearbeitet haben, verzeichnet choreografische Weltstars wie Ohad Naharin, dessen „Last Work“ aus der letzten Spielzeit zum Riesenerfolg wurde.

Im Winter des Jahres 2007 hat das ehrwürdige Wiesbadener Staatstheater einen ungewöhnlichen Skandal zu verzeichnen. Vor einer Ballettpremiere stehen empörte Ballettliebhaber draußen in der Kälte und drücken den Premierenbesuchern selbstgezimmerte Flugblätter in die Hand. Die Unterzeichner lassen kein gutes Haar an der Arbeit des neuen Ballettchefs Stephan Thoss, vor allem aber fordern sie ihren ehemaligen Ballettdirektor zurück.

Was war geschehen? Intendant Manfred Beilharz hatte nach fünfzehn Jahren Wirkungszeit den Vertrag mit Ben van Cauwenbergh als Leiter der Wiesbadener Ballettsparte nicht verlängert. Dieser hatte in seiner Amtszeit die Spitzentanz-Enthusiasten zuverlässig mit klassischem Ballett vornehmlich aus dem Repertoire versorgt. Abgelöst wurde der beliebte Ballettdirektor von Stephan Thoss, der die Wiesbadener Tanzsparte sozusagen Hals über Kopf aus dem 19. ins 21. Jahrhundert beförderte: keine Repertoirepflege, kein Spitzentanz, nicht einmal zuverlässig erzählte Geschichten – stattdessen große Themen und ein noch größeres Bewegungsrepertoire, expressiv, emotional und höchst musikalisch, aber keineswegs gefällig schön.

Von der heftigen Ablehnung des Neuen durch das Ballett-Stammpublikum war der Intendant nicht überrascht, aber er blieb völlig gelassen. Seine Prognose: „Das dauert eine Spielzeit, und dann sind die Tanzaufführungen wieder voll“, sollte sich bewahrheiten. Allerdings fand auch das Wirken von Thoss in Wiesbaden weitere sieben Jahre später ein jähes Ende. Wieder stand ein Intendantenwechsel in Wiesbaden an, und gemeinsam mit seinem ebenfalls neuen Kollegen aus dem Staatstheater Darmstadt trugen die Beiden einträchtig die ehemals selbständigen Tanzsparten beider Staatstheater zu Grabe – um Platz zu machen für die Gründung des Hessischen Staatsballetts.

Das neue Hessische Staatsballett

Die neue Kompanie residiert in Wiesbaden, und zwar aus pragmatischen Gründen: Hier stehen gleich zwei Ballettsäle zur Verfügung, in denen gleichzeitig geprobt werden kann – gegenüber nur einem Saal in Darmstadt. Ansonsten teilen sich die beiden benachbarten Staatstheater das Hessische Staatsballett so gleichmäßig wie möglich – mit gleichmäßig wechselnden Premieren in beiden Spielstätten, mit der Zahl der Aufführungen, Gastspiele und Festivals. Die Zusammenarbeit der knapp 50 Kilometer entfernten Häuser hat eine lange Geschichte – das mag zur politischen Akzeptanz des neuen Projekts beigetragen haben.

Das Konzept des neuen, mit 28 Tänzerstellen mittelgroßen Ensembles war von Anfang an zweigleisig: Einerseits sollte der Ballettdirektor zugleich Chefchoreograf sein und – so steht es dezidiert im Gründungsvertrag – neue Handlungsballette kreieren. Andererseits gab es von Anfang an die Position eines Kurators, verantwortlich für die Einladung von Gastchoreografen, Gastspielen und Residenzen.

Handlungsballette sind überall da, wo klassischer Spitzentanz gepflegt wird, die Königsdisziplin für Choreografinnen und Choreografen. Es gilt, die vielfältigen Traditionen des Genres zu bewahren und ihnen doch ein neues, möglichst zeitgenössisches Gesicht zu geben.

Die kurze Ära von Tim Plegge

Beim neugegründeten Staatsballett setzte man für diese Kompetenz auf einen jungen Senkrechtstarter, Tim Plegge, der eine Ausbildung bei John Neumeier in Hamburg, ein Choreografie-Studium in Berlin und einen aufsehenerregenden Start bei der Choreografen- Show Nummer Eins, der Stuttgarter Noverre-Gesellschaft, vorweisen konnte.

Pünktlich zur Spielzeit 2014/2015 wurde die neue Kompanie mit dem Tanzabend „Aufwind“ in Darmstadt aus der Taufe gehoben. Das erste Programm zeigte schon die Richtung für die neue künstlerische Reise deutlich an: Neben einem Stück von Plegge selbst standen Beiträge von Ex-Forsythe-Tänzer Richard Siegal (neuer Ballettdirektor in Nürnberg) und dem international erfolgreichen Alexander Ekman auf dem Programm.

Tim Plegge nahm sich wie geplant populärer Stoffe an und landete ausverkaufte Publikumserfolge. Aber der Künstler fremdelte mit den nicht-künstlerischen Aspekten der Leitungsfunktion. Um die ungeliebte Verwaltungstätigkeit loszuwerden, tauschte er zur Spielzeit 2020/2021 mit seinem Kurator Bruno Heynderickx die Rollen. Er überließ ihm die Leitungsfunktion des Ballettdirektors mit allen Verwaltungsaufgaben und widmete sich als Hauschoreograf ausschließlich seiner künstlerischen Arbeit. Gesundheitliche Probleme und die Corona-Pandemie zwangen ihn schließlich in die Knie. Ende März 2022 verließ Tiim Plegge das Hessische Staatsballett.

Ballettdirektor Bruno Heynderickx

Seitdem ist Bruno Heynderickx allein für die künstlerische Ausrichtung der Kompanie verantwortlich und steuert das Schiff sozusagen konsequent in zeitgenössisches Gewässer. Die größte Zäsur ist die Entscheidung, die Position des Hauschoreografen nicht wieder zu besetzen. Was vorher eine Variante war, wird jetzt zur Regel: Für die neuen Ballettproduktionen zeichnen internationale Gastchoreografen verantwortlich. Die Liste der Künstlerinnen und Künstler, die mit dem Staatsballett gearbeitet haben, verzeichnet choreografische Weltstars wie Ohad Naharin, dessen „Last Work“ aus der letzten Spielzeit zum Riesenerfolg wurde.

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Die Liste der Choreografinnen und Choreografen, deren Werke das Hessische Staatsballett aufgeführt hat, ist beeindruckend. Sie enthält schwergewichtige Prominenz wie Weltstar Crystal Pite, Damien Jalet, Marguerite Donlon oder Edward Clug. Dazu kommen aktuelle choreografische Senkrechtstarter wie Nadav Zelner, dessen „Blue Light Glue“ die Besucher in einen bemerkenswerten Zauberraum entführte, die ehemalige Stuttgarter Ballerina Katarzyna Kozielska oder die Choreografen des Ballettabends „Broken Bob“ aus der aktuellen Spielzeit.

Die Geschwister Imre & Marne van Opstal, schon gute Bekannte im Hessischen Staatsballett, bekamen hier zum ersten Mal überhaupt die Chance, mit einer großen Kompanie zu arbeiten. Ebenfalls Wiederholungstäterin in Sachen Choreografie ist die chinesische Choreografin Xie Xin, eine Meisterin der leisen Zaubertöne im Tanz.

Darmstadt und Wiesbaden

Hier die moderne Universitäts- und Wissenschaftsstadt, dort die traditionsbewusste Landeshauptstadt mit fast doppelt so vielen Einwohnern – Darmstadt und Wiesbaden lassen sich nur schwer über einen Kamm scheren. Das Theaterpublikum ist so unterschiedlich wie die Gebäude der Staatstheater: berühmte historische Kulisse in Wiesbaden, funktionale Sachlichkeit in Darmstadt. Das Hessische Staatsballett schafft es, beide Häuser konsequent zu füllten, wobei die Auslastung in Darmstadt auf die magische 100 Prozent zusteuert; in Wiesbaden ist noch ein Tick Luft nach oben.

Bruno Heynderickx erklärt sich diese Tatsache auch damit, dass es in Darmstadt nicht nur eine moderne Tanz-Tradition, sondern auch mehr Begegnungsmöglichkeiten mit zeitgenössischen Choreografien gibt. Denn der nicht regelmäßig genutzte Darmstädter Ballettsaal steht nicht leer, sondern wird fleißig für ein Residenzprogramm genutzt. Hier erhalten Choreografinnen und Choreografen einen Produktionsraum und entsprechende Fördergelder. Solche Angebote sind existenziell wichtig für die freie Szene. Im Austausch geben die beteiligten Künstlerinnen und Künstler direkte Einblicke in ihre Arbeit: unmittelbarer geht die Begegnung mit zeitgenössischem Tanz kaum.

Blick zurück, Blick nach vorn

Wie feiert man das zehnjährige Bestehen einer Kompanie? Beim Blick über den Rhein in die Schwesternstadt Mainz hätte Bruno Heynderickx schon mal Maß nehmen können - 2013 feierte die an den Mainzer Kammerspielen beheimatete Delattre-Dance-Company – die mit Spitzentanz auf höchstem technischem Niveau punktet – in einer ehrgeizigen Gala ihr zehnjähriges Bestehen. Dafür öffnete das Opernhaus des Mainzer Staatstheaters seine Türen. Mit in dem ehrgeizigen Programm zum Beispiel eine der gefeiertsten Tänzerinnen unserer Zeit, Primaballerina Polina Semionowa vom Berliner Staatsballett. Im vergangenen Jahr zog die Tanzsparte der Domstadt mit einer großen Gala nach, als „tanzmainz“ unter der Direktion von Honne Dohrmann seit zehn Jahren mit zeitgenössischem Tanz auf der Erfolgsspur.

Bruno Heynderickx feiert die erste Dekade des Hessischen Staatsballetts ganz anders: statt mit einem „Best of“ aus der Vergangenheit mit einem „Best on“ für die Zukunft. Sieben Choreografinnen und Choreografen kreieren neue Stück für diesen Abend unter dem Titel „Chronicles“ - und gleich fünf davon arbeiten erstmals in Wiesbaden. So eine Jubiläumsfeier zeugt von Selbstvertrauen und Mut, denn schließlich gibt es keine Garantie fürs Gelingen einer zukünftigen Arbeit. Aber der offene Blick auf die Vielfalt des zeitgenössischen Tanzes steht dem Hessischen Staatsballett gut an. Es ist typisch für die Kompanie, dass für die Premiere eine Weltneuheit angekündigt ist: Erstmals soll eine Life-Audiodeskription sehbehinderten Personen den Besuch des Tanzabends ermöglichen.

Kein Zweifel: der neue Wiesbadener Ballettdirektor hat große Visionen. Er will den Tanz auf Dauer noch sichtbarer machen – und denkt schon über ein Programm nach, das die Wiesbadener mit mehr Tanz versorgt, während das Staatsballett seinen Verpflichtungen in Darmstadt nachkommt. Heynderickx will den Tanz ans Licht holen – im übertragenen wie im wörtlichen Sinn. Denn so luxuriös zwei große Probenräume auch sind – die Wiesbadner Ballettsäle haben tatsächlich kein Tageslicht.

Der Ballettdirektor träumt von einem eigenen Tanzhaus, mit dem er seine Tänzer und Tänzerinnen aus dem Ballettkeller befreien kann; es wäre das erste und einzige in ganz Hessen. Gute Argumente dafür gibt es genug – zum Beispiel die Tatsache, dass dem Staatstheater in absehbarer Zeit eine Sanierung droht, mit der Notwendigkeit von alternativen Proberäumen und Ausweich-Spielstätten.

In diesem Fall könnte man mit einem Tanzhaus bestens punkten – das lässt sich zum Beispiel gerade in Mannheim beobachten, wo während der Sanierung des Nationaltheaters Ballettchef Stephan Thoss heilfroh über ein eigenes Tanzhaus ist. Auch der Schöpfer des ehemaligen Mainzer Tanzwunders, Martin Schläpfer, hat als späterer Leiter der Deutschen Oper am Rhein den Düsseldorfer Gemeinderat von der Notwendigkeit eines eigenen Tanzhauses überzeugen können. Gestaltungsideen für so ein Projekt – das noch keines ist – hat der Wiesbadener Ballettchef dennoch bereits in der Schublade. Wer weiß, wohin die Reise das Hessische Staatsballett noch führen wird?

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