Kunst
Auf der Suche nach der verlorenen Zeit
Zwei „Salonnièren“ aus Wiesbaden und Mainz lassen Salonkultur wieder aufleben

„Natürlich ist das Hutgeld lukrativer, wenn nur einer auftritt, sonst muss es eben geteilt werden“ – und die Gäste dürften ruhig manchmal etwas tiefer in die Tasche greifen, meinen die Gastgeberinnen.
Zwischen Wohnzimmerflügel und Käse-Igel, zwischen Poesie und Blues: Zwei Gastgeberinnen öffnen in Mainz und Wiesbaden ihre Türen und sorgen dafür, dass die Salonkultur eine charmante Renaissance erlebt.
Die Anfänge des Salons: Von Versailles ins Wohnzimmer
Ein literarischer Salon war seit dem 17. Jahrhundert ein zumeist privater gesellschaftlicher Treffpunkt für Diskussionen, Lesungen oder musikalische Veranstaltungen. Daneben gab es auch politische und wissenschaftliche Salons. Träger waren zum Beispiel Mäzene oder Vereine. Aber auch wohlhabende, gebildete Frauen, oft adeliger Herkunft, betätigten sich als Gastgeberinnen und wurden in dieser Eigenschaft „Salonnièren" genannt. Besonders in Paris traf man sich gerne in prunkvollem Ambiente, in Adelspalais oder sogar bei König Ludwig XIV. in Versailles. Manche Gastgeber*innen, die sich besonders für Musik, Literatur oder Philosophie interessierten, luden Musiker*innen, Schriftsteller*innen oder Gelehrte ein, um ihren Gästen anspruchsvolle Unterhaltung zu bieten. So entwickelte sich der „literarische Salon“ ebenso wie die Kammermusik.
In Deutschland kam der Salon im 18. Jahrhundert in Mode, vor allem in Weimar und Berlin. In Wien trafen sich die Freunde um Franz Schubert zu den „Schubertiaden“. In Marcel Prousts „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ spielen Salons in Paris eine Rolle. Sie wurden von Frauen initiiert, die sich auf diese Weise gesellschaftliche und anregende Unterhaltung verschaffen konnten. Als erste deutsche Salongründerin gilt Henriette Herz. Sie durfte als einzige Frau an den Treffen wissenschaftlicher Gelehrter bei ihrem Mann Marcus Herz teilnehmen. Kurzerhand gründete sie im Nebenzimmer eine Konkurrenzveranstaltung, zu der sowohl Frauen als auch Männer zugelassen waren. Ihre Veranstaltung wandte sich thematisch eher der Literatur und der Philosophie zu und wurde bald erfolgreicher als der Zirkel ihres Mannes: So hatte Berlin 1780 seinen ersten literarischen Salon.
Eine Tradition verschwindet – und taucht wieder auf
Und auch heute noch gibt es Salons mit Musik, Literatur und Diskurs – öffentlich in Literaturhäusern, Akademien und privat. Wobei: Als sich das Tätigkeitsfeld gebildeter Frauen zu Beginn des 20. Jahrhunderts weitete, wurden auch die Salons überflüssig. Es war nicht mehr nötig, sich im geschützten heimischen Umfeld zu treffen, da gesellschaftliche Teilhabe zunehmend auch in anderen Zusammenhängen möglich war. Aber nun macht es einfach Spaß, sich in privaten Kreisen Gleichgesinnter zu treffen, eine niedrigschwellige Regelmäßigkeit zu etablieren, Kunst und Kultur zu genießen und sich vor allem auch darüber auszutauschen – gerne mit einem Getränk und Häppchen.
Salonkultur heute – in Mainz und Wiesbaden
Hier setzt die Idee der Mainzerin Michaela Hoffmann und der Wiesbadenerin Bärbel Deubel an. Sie haben bereits 2017 „Salonkultur“ in beiden Landeshauptstädten ins Leben gerufen. Die beiden Sozialpädagoginnen kannten sich von früher und fanden sich auf der gleichen Wellenlänge wieder. Begonnen hat Michaela Hoffmann, die in der Hindenburgstraße in der Mainzer Neustadt lebt und sehr kulturbegeistert ist. Kultur direkt vor Ort, niedrigschwellig und hochkarätig anzubieten, war ihre Idee. Es gab ein ähnliches, privat organisiertes Konzept namens „3x klingeln“, das ihr gefallen hatte. „Wir hatten bei uns ein Sommerfest im Hof des Hauses“, erinnert sie sich an das Jahr 2017. Sie fand dabei heraus, dass ein Nachbar einen Flügel in seiner Wohnung hatte. Zufällig waren zwei Kunstschaffende im Lande: die polnische Opernsängerin Sandra Klara Januszewska und der Pianist Aleksy Komicz. Und das passte prima: Schon war am 8. Oktober 2017 das erste Konzert der „Salonkultur“ organisiert. Im privaten Wohnzimmer lauschten 30 Gäste auf zusammengewürfelten Sitzgelegenheiten der Kammermusik.
Mehr als Musik: Begegnung, Austausch und Vielfalt
Michaela Hoffmann war „angefixt“. Sie wollte die Salontradition wieder aufleben lassen, nicht nur mit Konzerten, sondern auch mit Lesungen, Ausstellungen und Kulinarik. Alles im Neustadt-Umfeld, alles bei freiem Eintritt und mit „Hutgeld“ für die Künstler*innen. Im Dezember desselben Jahres war in Michaela Hoffmanns eigenem Wohnzimmer der Autor Peter Kneip mit seinem Buch „99x Mainz“ zu Gast. „Mir war auch daran gelegen, dass es Gäste aus der Gegend sind“, sagt Hoffmann, die weiß, dass es vor Ort spannende Kunst und Kultur gibt, der sie ein – wenn auch kleines – Publikum geben möchte. Und auch die Kunstschaffenden profitieren davon: „Viele haben bei uns Kontakte knüpfen können, die dann zu weiteren Engagements und Auftritten führten.“ Die Resonanz war prima, die Salonkultur-Reihe sprach sich herum, viele Nachbar*innen aus der Neustadt stellten ihre Wohnzimmer bereitwillig und gerne zur Verfügung.
Wichtig war Michaela Hoffmann auch immer die ursprüngliche Idee der Salons: Miteinander ins Gespräch zu kommen. „Deswegen gibt es immer eine längere Pause.“ Auch Häppchen und Wein werden angeboten. Einen Verein habe sie nicht gründen wollen, es solle eine rein privat organisierte Reihe sein – auch heute noch. 2018 gab es weitere Konzerte und Lesungen, nicht nur mit bekannten Instrumenten wie Gitarre und Cello, sondern auch mit Monochord, Schwirrbogen oder der mongolischen Pferdekopfgeige.
Von Mainz nach Wiesbaden: Die Kulturbrücke
2019 begann die „Kulturbrücke Mainz/Wiesbaden“. Bärbel Deubel und ihr Ehemann Frank, ein bekannter Fotograf, kamen mit ins Boot. Sie haben im Wiesbadener Stadtteil Kohlheck das Fotoatelier von Frank Deubel zur Verfügung, auch hier passen einige Leute hinein. Von nun an gab es dann immer zwei Veranstaltungen, meist samstags in Wiesbaden, sonntags in Mainz. Es sprach sich auch unter den Kunstschaffenden herum, dass sie hier eine kleine, aber feine Auftrittsmöglichkeit bekommen und sich fast immer weitere nützliche Kontakte ergeben – und dass die Abende bei den beiden „Salonnièren“ Spaß machen. Lokale Medien hörten davon, es gab einige Artikel über den Privatsalon. Ein Auszug aus dem Gästebuch – liebevoll von beiden Damen gepflegt und mit vielen lobenden Dankesworten von Künstler*innen und Publikum: Sänger Eddie Angel aus London (hier mal nicht lokal), Singer-Songwriter Dante Poligritte, das Duo Siwistri aus Wiesbaden mit Gitarre, Flöte und Stimme, Zauberer Christoph Demian, der köstliche „Gemüsekrimi-Meister“ Dietmar Bertram, Bluessängerin Sandra Beddegenoots.
Stillstand und Aufbruch: Wieder voller Energie
Dann allerdings kam Corona. Da war, wie überall, das kulturelle Leben zuerst komplett lahmgelegt, später konnte es nur auf Sparflamme laufen. Etwas Förderung habe man erhalten, schildern die Damen. Aber auch in den Pandemiejahren wurden einige Konzerte zu den herrschenden Bedingungen organisiert. Hier traten unter anderem die hochkarätigen Gitarrist:innen Yuliya Lonskaya, Daniel Stelter und Lulo Reinhardt auf, auch einige Lesungen fanden statt. Und 2023 wurde dann wieder richtig durchgestartet, das Publikum blieb den Salons treu. So erzählte Kunstsammler Frank Brabant aus seinem Leben, die „Selztalerin“ Nicole Schmuck-Kersting präsentierte – natürlich mit Kostproben – ihr regionales Kochbuch. Dagmar Borrmann und Christine Rupp-Kohl lasen aus dem Roman „Frieder“ von Gottfried Fischer. Die „Katzen“, ein Vocal-Swing-Trio, gaben ein Konzert, zu dem Käse-Igel und Eierlikör einen kulinarisch passenden Rahmen lieferten – liebevoll vorbereitet von den Gastgeberinnen. Auch ein Gäste-Abend, der „Salon der Poesie“, an dem die Stammgäste ihre eigenen Lieblingstexte präsentieren konnten, fand statt. Persische Leckereien und Erzählungen aus 1001 Nacht, Zauberei mit Ingo Knito, Cello, Klavier und Stimme mit Sebastian Krämer und Viktor Plumettaz, eine jüdische Musik-Zeitreise mit Dany Bober: Längst sind auch bekannte Namen vertreten bei den Mainz-Wiesbadener Salonabenden.
Intim und exklusiv: Kleine Bühne, große Freiheit
Vergrößern wollen sich die „Salonnièren“ indes nicht. Schon jetzt, schildern Deubel und Hoffmann, stecken sie eine Menge Arbeit in ihr Programm. Eingeladen wird über einen Verteiler, es gibt mittlerweile auch immer eine Warteliste, da der Platz begrenzt ist. Natürlich hat sich mittlerweile ein harter Kern begeisterter Gäste gebildet. Häppchen bereiten die Gastgeberinnen oft selbst vor, „es gibt auch immer eine besondere alkoholfreie Bowle, die geht am besten“. Mit einem portugiesischen Weinladen wird zusammengearbeitet. Stühle müssen gestellt, Parkplätze für die Künstler*innen organisiert. Putzen, Aufräumen, Gläser spülen... – all das gehört dazu.
Es ist eine große Freiheit, aber auch viel Arbeit – dennoch sehr viel Vergnügen“, sagt Michaela Hoffmann. Geplant werde das Programm immer für ein halbes Jahr. Gagen werden nicht gezahlt, aber das ist den Künstler*innen bekannt. „Natürlich ist das Hutgeld lukrativer, wenn nur einer auftritt, sonst muss es eben geteilt werden“ – und die Gäste dürften ruhig manchmal etwas tiefer in die Tasche greifen, meinen die Gastgeberinnen. Doch dadurch, dass sich oft Anschlussauftritte ergeben und die Künstler*innen es eben auch schätzen, so direkt wie sonst selten mit ihren Zuhörenden ins Gespräch kommen zu können, mangele es nie an Interessierten. Und Michaela Hoffmann bekennt: „Ich organisiere gerne, habe das früher auch beruflich gemacht. Daher macht mir das Ganze auch von diesem Aspekt her Spaß.“
Erleben statt konsumieren: Kultur nahbar und persönlich – wie früher
Hier soll die Kultur nicht nur konsumiert werden. Dass es auch die Gäste so sehen, beweisen ihre Einträge in die Gästebücher. Da wird sich für einen „anrührenden Abend“ bedankt oder die „tolle Organisation“, „anregend und unterhaltsam“ sei es gewesen, „magisch“, „besonders“, „überraschend“, „grandios“: Die Gäste überbieten sich förmlich mit Superlativen.
Im Mai war erstmalig auch ein Zweipersonen-Theaterstück auf dem Programm: „Leni & Susan – Riefenstahl & Rosenblatt are dead“. Leni Riefenstahl (Regisseurin und Fotografin, Nazi-Propagandistin) und Susan Sontag (Schriftstellerin und Kritikerin) treffen in dem Stück von Stijn Deville aufeinander, es spielten die beiden Kölner Schauspielerinnen Romina Bursy und Saskia Leder. Man darf also gespannt sein, was sich die beiden Salondamen aus Mainz und Wiesbaden künftig noch einfallen lassen – aber man muss sich darum bemühen, in den Verteiler zu gelangen und es dann auch noch auf die jeweilige Gästeliste zu schaffen. Denn größer werden soll der Salon tatsächlich nicht. Wie seine historischen Vorbilder soll er intim, regional und persönlich bleiben.
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Autor:in
Anja Baumgart-Pietsch
